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Wie ein Weltuntergang

Das Wetter ist den Leuten von jeher ein großes und beliebtes Thema gewesen. Vor allem dann, wenn es vor oder nach der Zeit verrückt spielt.

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Von Heinz Fiedler

Erst kürzlich dampften wir an zwei Tagen bei Temperaturen bis zu 34 Grad. Das war natürlich des Guten viel zu viel. Schon unsere Vorfahren fragten sich: Ist es wirklich wünschenswert, monatelang mit Sonne pur leben zu müssen? Die Antwort lautet damals wie heute – das Beste ist alles in Maßen.

Wer in unserer Gegend die Dauerhitze von 1842 miterlebte, der konnte Klärchen nicht mehr ersehen. 17 Wochen lang, von April bis August, fiel kein Tropfen Regen. Pausenlos hochsommerliche Glut von mehr als 30 Grad. Ließen sich wirklich mal einige Wölkchen sehen, verschwanden sie, wie von Geisterhand getrieben, ohne etwas Schatten gebracht zu haben.

Vielen Bauern im Weißeritztal drohte der Ruin, war doch an eine halbwegs normale Ernte nicht zu denken. Hallm- und Hackfrüchte verkümmerten, angelegte Futterreserven gingen rasch zur Neige. Um nicht alles einzubüßen, blieb den Landwirten keine andere Wahl, als das Vieh zu Billigpreisen zu veräußern.

Geheimnisvolles Wunder

Die Weißeritz glich einem armseligen Rinnsal, fast keiner der Bäche führte noch Wasser. Kein Mühlenrad drehte sich mehr. Damals existierte im sächsischen Raum nur eine einzige Dampfmühle. Mehl wurde zur Mangelware.

Apathisch dösten die Menschen in den Tag hinein. Inmitten der Hitzewelle riss eine geheimnisvolle Erscheinung die abgeschlafften Leute aus ihrer Lethargie. Die Sonne hatte sich mit einem hellen, farbigen Kreis, ähnlich einem Regenbogen, umzogen. Selbst ernsthafte Wissenschaftler fanden für das himmlische Schauspiel keine stichhaltige Erklärung. In den Ansiedlungen hieß es, es könne sich nur um ein Wunder handeln, das hoffentlich Gutes verheiße.

Wilisch im Sturm

Als schon keiner mehr mit Niederschlägen und Abkühlung rechnete, öffnete der Himmel in der zweiten Augusthälfte seine Schleusen. Heftiger Regen prasselte tagelang. Die Bauern atmeten auf – unter diesen Umständen ließe sich vielleicht ein Teil der Kartoffelernte retten. Innerhalb weniger Stunden sackten die Temperaturen von 34 auf 18 Grad ab.

In der fünften Nachmittagsstunde des 29. Juli 1933 wird ein weiteres unheilvolles Kapitel eingestimmt. Vom Süden her peitscht Sturm eine düstere Wolkenwand auf den Wilisch und sein Umfeld zu. Im Nu herrscht nachtschwarze Finsternis. Ringsum entladen sich extrem starke Gewitter. Hagelschlag trommelt auf die Dächer der Häuser. Mächtige Bäume knicken wie Streichhölzer um.

Ein Wilischwanderer erlebt das aufziehende Unwetter mitten im Grün des Berges. Seine Schilderung: „Der Sturm kam aus der Gegend von Reichstädt. Furcht befiel mich, als ich ringsum stürzende Bäume sah. Auf Lichtungen und Schneisen türmten sich wirr durcheinander liegende Stämme und Äste. Man konnte sich kaum noch einen Weg bahnen. Das Ehrenmal auf dem Wilischgipfel mit Steinkugel und vergoldetem Kreuz schleuderte der Sturm in die Tiefe des Steinbruchs. Es war wie ein Weltuntergang ...“

Die Wilischbaude wird schwer in Mitleidenschaft gezogen. Dachbalken und Gartenmöbel fliegen durch die Lüfte. Eine entwurzelte riesige Lärche stürzt auf das Wasserhaus der Baude und macht das Gebäude dem Erdboden gleich.

Trostlos der Anblick der Wälder. Allein im Gebiet des Lungkwitzer Stiftwaldes wird der Schaden auf etwa 2 000 Festmeter verwüsteten Holz taxiert. 80 Prozent der Obsternte im Kreischaer Land fällt dem Hagel zum Opfer. In Reinhardtsgrimma und Hirschbach werden die Verluste bei Hafer und Gerste mit 75 Prozent angegeben.

Auch ein Todesopfer ist zu beklagen. In Maxen hatte die 19-jährige Tochter des Gutsbesitzers Weinrich hinter einer Scheune Schutz vor dem Gewitter gesucht. Eine Sturmböe drückte die Scheune platt und begrub die junge Frau unter sich.

Vieles bleibt unbekannt

Verheerende Unwetter toben natürlich auch in längst verflossenen Zeiten. Doch viele der Katastrophen vor Jahr und Tag werden der Nachwelt nicht übermittelt. Kein Chronist bringt sie zu Papier.

Heimatforscher Leßke hat sich wiederholt um einige Fakten bemüht und stieß dabei bis in das Jahr 1540 vor. Damals herrschte eine so große Hitze und Dürre in unserer Heimat, dass sich der Tharandter Wald an einigen Stellen von selbst entzündete.

Am 6. Juli 1803 legte ein Blitzschlag die Wolfsche Häuslerwirtschaft in Großburgk in Schutt und Asche, lähmte die Frau des Hauses und tötete ein sechsjähriges Kind. Am 5. September 1590 versetzte ein Erdbeben die Bevölkerung in Dresden, Freiberg und Leipzig aber auch in unseren Breitengraden in Angst und Schrecken. Neben Hagel und Sturm kam es fast regelmäßig zu Hochwassern.