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Unglück bei Dynamo-Spiel: Die Frage nach dem Warum

Der Fan, der von einer Mauer stürzte, ist weiter in einem kritischen Zustand. Nun gibt es erste Indizien, wie es zu dem Unfall kommen konnte.

Von Sven Geisler
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Es standen rund 1.000 Dynamos im Gäste-Block, einige kletterten auf die Mauern – einer stürzte ab und erlitt lebensbedrohliche Verletzungen.
Es standen rund 1.000 Dynamos im Gäste-Block, einige kletterten auf die Mauern – einer stürzte ab und erlitt lebensbedrohliche Verletzungen. © Uwe Anspach/dpa

Die Nachrichten sind dünn am Wochenende. Weder die Polizei noch der Verein äußert sich näher zu dem Unfall, nach dem am Freitagabend ein Dynamo-Fan in Darmstadt mit schweren Verletzungen an der Halswirbelsäule per Hubschrauber in ein Krankenhaus gebracht worden ist. Nach bislang letzten Informationen befindet er sich unverändert in einem kritischen Zustand. „Wir stehen in Kontakt mit der Familie und sind über den Zustand genau informiert“, erklärte Sprecher Henry Buschmann am Sonntag auf Nachfrage.

Der 36 Jahre alte Mann war auf einen drei Meter hohen Mauervorsprung im Zugangsbereich zum neuen Gäste-Block im Stadion am Böllenfalltor geklettert und aus noch ungeklärter Ursache abgestützt. Hinter den Stehplatz-Traversen soll es etwa sechs Meter runter gehen. Der Mann erlitt lebensbedrohliche Verletzungen. Laut Augenzeugen musste er reanimiert und vor Ort notärztlich stabilisiert werden. Erst nach einer Stunde konnte er mit einem Helikopter, der auf dem Spielfeld gelandet war, in eine Klinik geflogen werden.

„Wir müssen aktuell davon ausgehen, dass es sich um eine schwere Verletzung handelt“, teilte Dynamos Geschäftsführer Michael Born unmittelbar nach dem Vorfall mit. Wegen des Unfalls mussten die anderen Dynamo-Fans zunächst im Stadion bleiben, viele verpassten dadurch ihren Zug um 21.07 Uhr am Hauptbahnhof. Als der verletzte Anhänger durch sie hindurch zum Rasen gebracht wurde, gaben sie ihm klatschend die besten Wünsche mit auf den Weg. Das Fanprojekt Dresden bietet denen, die das Unglück miterlebt haben und die Bilder nicht vergessen können, in dieser Woche nach vorheriger Anmeldung ein vertrauliches Beratungsgespräch an.

Zudem dürfte es polizeiliche Ermittlungen geben, wie es zu dem Unglück kommen konnte, zumal dieser Bereich am Freitag zum ersten Mal für Zuschauer geöffnet gewesen ist. Die knapp 1.000 Tickets für Dynamo-Anhänger waren komplett verkauft. Das Stadion wird – ähnlich wie vor gut zehn Jahren das in Dresden – während des laufenden Spielbetriebs umgebaut. Die Kosten sind mit 18 bis 19 Millionen Euro veranschlagt. Derzeit läuft noch die erste Bauphase, in der unter anderem neue Tribünen auf der Gegengeraden entstehen.

Dort ereignete sich nun der tragische Vorfall. Laut Mitteilung von Darmstadt 98 war der Bereich „von den Behörden abgenommen“ – genau wie bei den zuvor bereits neu eröffneten Bereichen. Ob es eine halbe Stunde vor Spielbeginn nochmals eine Freigabe nach einer Inspektion durch Polizei, Feuerwehr und Sicherheitsdienste gegeben hat, wie es ebenfalls gängige Praxis ist, blieb zunächst offen. Der Mann sei „unerlaubterweise auf einen rund drei Meter hohen Mauervorsprung geklettert und hatte diesen trotz mehrfacher Ansprachen durch Sicherheitskräfte sowie Stadion-Durchsagen nicht verlassen“, heißt es in einer Erklärung auf der Internetseite sv98.de. Bereits in der ersten Halbzeit hatte es diese Aufforderung gegeben.

Fiel: "Da dachte ich gar nichts mehr"

Dynamo-Trainer Cristian Fiel sagte hinterher, er habe sich gewundert, wie dort oben einer stehen könne. „Aber ich dachte, die Mauer geht bestimmt weiter nach hinten, dort ist sicher viel Platz. Als ich hörte, da ist einer abgestürzt, dachte ich mir gar nichts mehr außer: Sch...“ Wie sein Darmstädter Kollege Dimitrios Grammozis wünschte Fiel dem Fan eine vollständige Genesung: „Ich hoffe, es ist nicht ganz so schlimm.“

Angesichts des Gesundheitszustandes des Mannes ist es unangebracht zu mutmaßen, was ihn dazu bewogen hat, die Mauer zu erklimmen. Doch bei aller Betroffenheit müssen die Umstände aufgeklärt werden. Dazu können die anwesenden Dynamo-Fans beitragen, die von der Polizei ausdrücklich gelobt wurden. „Der Einsatz der Rettungskräfte verlief ohne Probleme, alle Fans unterstützten die Maßnahmen und hielten sich an die Anweisungen“, hieß es.

Der Rettungshubschrauber landet mitten auf dem Spielfeld. Erst nach einer Stunde wurde der Verletzte aus dem Stadion ausgeflogen.
Der Rettungshubschrauber landet mitten auf dem Spielfeld. Erst nach einer Stunde wurde der Verletzte aus dem Stadion ausgeflogen. © Jan Huebner

Andererseits hatten sich wohl einige zuvor nicht an bestimmte Regeln gehalten. Der abgestürzte Mann war nicht als Einziger auf die Betonmauer geklettert, zudem wurden möglicherweise einige Teile der Absperrung gewaltsam entfernt 98-Fans hatten am Morgen danach verbogene Absperrgitter fotografiert und die Bilder ins Internet gestellt. Das kann jedoch nicht im Zusammenhang mit dem Unfall stehen, denn der Fan kletterte aus dem Block heraus auf die Mauer hinter ihm. Dort war nichts abgesperrt. Solche Mauervorsprünge gibt es auch im Darmstädter Fanblock, auf denen saß oder stand aber keiner.

Dynamos Geschäftsführer dankte den Auswärtsfahrern für ihr ruhiges und besonnenes Verhalten während des Einsatzes. „Unser Dank gilt auch den Gastgebern, dem Sicherheitsdienst, allen Einsatzkräften und vor allem den Ersthelfern“, sagte Born in der Mitteilung des Vereins.