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Wie Fichte im Schloss verblüffte

Als einfaches, aber talentiertes Kind fiel der spätere Philosoph einem Freiherr auf, der ihn förderte. Ein Zufall, der das Leben des Rammenauers prägte.

© Steffen Unger

Von Constanze Knappe

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Die philosophischen Lehren von Johann Gottlieb Fichte dürften den meisten ein Buch mit sieben Siegeln sein. Allenfalls hat man irgendwann mal davon gehört. In Rammenau aber kommt man nicht an ihm vorbei. Denn einer der bedeutendsten deutschen Philosophen wurde hier am 19. Mai 1762 geboren.

Fichte kam dank eines Schlossgastes ganz groß raus. © Archiv Schloss

Sein Vater, ein armer Bandweber, erkannte, wie wichtig Bildung ist und gab dem Sohn beizeiten Bücher in die Hand. Johann Gottlieb wurde zu einer regelrechten Leseratte und soll deswegen selbst seine Pflichten als Hütejunge vernachlässigt haben. Weil ihm deswegen ein Schaf abhandenkam, soll er aus Wut darüber ein Buch im Bach versenkt haben. Das behinderte die Auffassungsgabe des Kindes aber nicht. Als Neunjähriger hatte er einen großen Auftritt im Barockschloss. Zu jener Zeit war Freiherr von Miltitz zu Gast beim Gutsherrn in Rammenau.

Ausbildung und Studium

Der Besucher habe die Sonntagspredigt des Dorfpfarrers hören wollen, verspätete sich jedoch. Damit er dennoch in den Genuss der Predigt käme, ließ man Fichte holen. Das Kind gab die zuvor gehörte Predigt wider. Der Überlieferung nach nicht nur im Wortlaut, sondern samt Mimik und Gestik des Pfarrers. Freiherr von Miltitz war so beeindruckt, dass er den Jungen mitnahm und auf eine höhere Schule bei Meißen schickte. Fichtes Mutter war ob des zarten Alters ihres Kindes darüber nicht gerade glücklich. Für Fichte begannen damit mehrere Stationen von Ausbildung und Studium, das er aber aus finanziellen Gründen abbrach. Dennoch brachte er es vom Hauslehrer bei Zürich zu einem der Gründungsrektoren der Humboldt-Universität Berlin - und zu Ansehen. In unzähligen Schriften reflektierte er die gesellschaftliche Entwicklung seiner Zeit, entwarf ein Bild vom „befriedeten, vernunftbestimmten Menschengeschlecht“, rief in seinen Reden an die deutsche Nation (1807/08) zur nationalen Einheit gegen den napoleonischen Größenwahn auf und sah Deutschland in einer Vorreiterrolle bei der Neugestaltung Europas nach Grundsätzen von Freiheit und höchster sittlicher Kultur.

„Ob jemals es uns wieder wohlgehen soll, dies hängt ganz allein von uns ab. Und es wird sicherlich nie wieder irgendein Wohlsein an uns kommen, wenn wir nicht selbst es uns verschaffen“, lautet einer seiner berühmtesten Aussprüche. Auf das eigene Ich kommt es an, wenn man Veränderungen will. Das ist heute nicht anders.

Treffen der Wissenschaftler

Im Barockschloss ist Fichte nie wieder gewesen. Auch nicht auf seiner Wanderung von Leipzig nach Königsberg, die ihn durch Rammenau führte. Anlässlich des 200. Todestages von Fichte (gestorben am 29. Januar 1814 in Berlin) machte sich im vorigen Jahr ein polnischer Philosoph auf den gleichen Weg.

Im Schloss ist Fichte allgegenwärtig. Zum Beispiel, wenn in jedem Jahr – 2015 vom 15. bis 17. Mai – hier die Internationale Fichtegesellschaft tagt. Bei dem Treffen mit etwa 50 Teilnehmern aus aller Welt geht es wissenschaftlich zu. Fichte hätte daran wohl seine helle Freude. Ebenso wie am Fichtelauf, der ihm zu Ehren am 5. Juni 2015 zum vierten Mal in der Schlossanlage beginnt und endet. Vieles erinnert im Dorf an Fichte: das Denkmal, der Fichtepfad und eine Säule im Schlosspark.

Barockschloss täglich 10 bis 16 Uhr geöffnet. Dienstag Ruhetag. Bis März ist das Restaurant geschlossen. Eintritt: Erwachsene 5, Familienkarte 10 Euro.

www.barockschloss-rammenau.com

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