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Wie fühlt es sich an, als Kind arm zu sein?

Jeremias Thiel hat Verwahrlosung und Diskriminierung erlebt – und sagt, wie er den Aufstieg geschafft hat und was sich in Deutschland ändern muss.

Jeremias Thiel hatte einen denkbar schweren Start - und hat sich Abitur und Studium erkämpft.
Jeremias Thiel hatte einen denkbar schweren Start - und hat sich Abitur und Studium erkämpft. © PR

Die Geschichte von Jeremias Thiel ist außergewöhnlich: Aufgewachsen in einem abgewirtschafteten Arbeiterviertel in Kaiserslautern bei einer spielsüchtigen Mutter und einem manisch-depressiven Vater, muss er schon früh Aufgaben übernehmen, für die eigentlich seine Eltern zuständig gewesen wären: Einkaufen, Essen zubereiten, sich um den Bruder kümmern, Anträge schreiben. Die Eltern sind langzeitarbeitslos, den Lebensunterhalt der Familie zahlt das Amt, Geld ist immer mehr als knapp. Mit elf Jahren hält er es nicht mehr aus und bittet das Jugendamt, ihn von Zuhause wegzuholen. 

Fünf Jahre lebt er in einem SOS-Kinderdorf, macht dann als einer von 200 Jugendlichen aus 93 Ländern auf dem United World College in Freiburg ein Internationales Abitur und studiert seit Herbst 2019 am renommierten St. Olaf College in Minnesota, USA – jeweils als Vollstipendiat, während sein Zwillingsbruder den Absprung nicht geschafft hat und wieder bei den Eltern lebt. 

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"Armut ist in Deutschland vererbbar" sagt Jeremias Thiel.
"Armut ist in Deutschland vererbbar" sagt Jeremias Thiel. © Andreas Hornoff

Armut wird vererbt, sagt Jeremias Thiel. Er hat sein Erbe ausgeschlagen und ein Buch über Kinderarmut geschrieben. „Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance“ ist ein Spiegel-Bestseller geworden. Die SZ hat den 19-Jährigen via Skype in den USA erreicht.

Herr Thiel, Sie haben sich mit elf Jahren zusammen mit Ihrem Zwillingsbruder vom Jugendamt von Zuhause wegholen lassen. Was war dem vorausgegangen?

In der Zeit war meine Mutter wenig zu Hause und hatte schon im gleichen Jahr eine Glücksspielsucht hinter sich gebracht. Mein Vater war stark depressiv, lag in einem verdunkelten Zimmer und hat sehr viele Tabletten genommen. Er war nicht wirklich präsent. Wir Kinder waren auf uns allein gestellt und haben meist nur Pommes gegessen. Am Abend zuvor hatte unsere Mutter uns eingesperrt und war weggegangen. Das ist gelegentlich passiert, und wir wussten nie, wann sie zurückkommt. Das war der Auslöser, ins Jugendamt zu gehen. Die Verbindung dahin existierte damals schon. Wir wollten uns aus eigener Initiative aus unserer Familie herausholen lassen. Die Überforderung meiner Eltern war so deutlich spürbar. Das war viel schlimmer als eingesperrt zu werden. Diese Situation wünsche ich keinem Kind. Mich prägt sie bis heute.

Sie sind in Armut aufgewachsen. Wie fühlt sich das für ein Kind an?

Arm heißt, dass man nur ein Paar Schuhe hat und sich wegen seiner Käsefüße so sehr schämt, dass man sich nicht traut, ein Mädchen anzusprechen, in das man verliebt ist. Oder, dass man von einem teuren Stabilo-Bleistift träumt und sich den nicht leisten kann, weil der Bildungssatz im ALG II von monatlich 1,59 Euro für Kinder unter 14 Jahren das nicht hergibt. 

Arm heißt, frühzeitig erwachsen werden zu müssen, weil die Eltern konstant mit sich selbst überfordert sind, auch wenn sie dafür nichts können. Man ernährt sich tendenziell schlechter, weil etwa 150 Euro im ALG II-Satz für Essen zur Verfügung stehen. 

Davon kann man nicht gesund leben, sodass die Wahrscheinlichkeit, an Karies oder Diabetes zu erkranken, viel höher ist. Armut hat so viele Komponenten. Im Grunde genommen erfährt man in jeder einzelnen Lebenssituation irgendeine Form von Benachteiligung: Mangelernährung, konstante finanzielle Unsicherheiten, soziale Isolation, mangelnde Teilhabechancen. Man kann sich in Vereinen nicht sorgenfrei beteiligen, weil einem das Geld für den Hockeyschläger fehlt oder man sich eine Gitarre nicht leisten kann.

Jeremias als Kind bei einer Ferienfreizeit, die seine Nachmittagsbetreuung organisiert hatte. Mit seinen Eltern war er nie im Urlaub.
Jeremias als Kind bei einer Ferienfreizeit, die seine Nachmittagsbetreuung organisiert hatte. Mit seinen Eltern war er nie im Urlaub. © privat

Wie beeinflusst das die kindliche Psyche? Was macht das mit einem?

Man hat nicht die Chance, Kind zu sein. Ich musste schon sehr früh erwachsen werden, funktionieren, Diskriminierung durch Institutionen erfahren. Das macht viel mit dem Selbstwert eines jungen Menschen, der in Armut groß wird. Auch entwicklungstechnisch ist man immer benachteiligt, weil man die Bildungsressourcen daheim nicht findet. Das betrifft auch Dinge, die man in Armut nicht erlernt wie Selbstorganisation, Selbstdisziplin, Glaube an sich selbst – die weichen Faktoren, die eine Rolle spielen, wenn man den Aufstieg in dieser Gesellschaft schaffen will. Das ist wie ein nicht endender Kreislauf. 

Wer Zuhause mangelnde Selbstorganisation erfährt, ist selbst schlecht organisiert und schafft entsprechend kaum den Aufstieg durch Bildung. Wie soll man Selbstdisziplin erlernen, wenn man in der Schule ohnehin komplette soziale Ablehnung erfährt, aufgrund des Harz IV-Labels das man schon als junger Mensch trägt? Auch psychosoziale Erkrankungen sind oft in armen Familien zu finden und eine schwere Bürde für die Kinder.

Sie haben von Diskriminierung durch Institutionen gesprochen. Was meinen Sie konkret damit?

Man hat in Institutionen mit Voreingenommenheit zu kämpfen. Das kann bis zu Diskriminierung und Sanktionen von Ämtern führen. Denn die Vorurteile, dass arme Familien nicht gut mit Geld umgehen können und verwahrlost sind, existieren. Aber in dieser Pauschalität stimmt das so einfach nicht. In der Schule fängt Diskriminierung vielleicht schon damit an, dass man nicht die Empfehlung fürs Gymnasium bekommt, obwohl die Leistungen es hergeben. Das habe ich erlebt. Im Jugendamt wird man tendenziell in eine Ausbildung gepuscht. Bei mir wollte man vermeiden, dass ich studiere, weil die Jugendämter das so kennen, dass Kinder von Harz IV-Empfängern eine Ausbildung machen. Das stand für das Jugenamt von vornherein fest.

Wie haben Sie diesen Kreislauf durchbrochen? Die Kraft dazu bringen ja nur die Allerwenigsten auf.

Wie ich das geschafft habe, ist für mich eine große Frage. Aber die Tatsache, dass meine Geschichte so in den Vordergrund gerückt wird, ist ein Alarmsignal. Weil meine Geschichte in ihrer Einzigartigkeit kein Einzelfall sein sollte. Ich habe das Buch geschrieben, damit sich etwas strukturell verändert. Wir müssen über die 2,8 Millionen Kinder und Jugendlichen reden, die hierzulande in Armut leben. Denen will ich eine Stimme sein. Fakt ist aber, dass man sehr widerstandsfähig sein muss, wenn man in Deutschland den Aufstieg schaffen will. Denn Menschen sind voreingenommen. 

Jugendämter sind von dem geprägt, was sie als Norm kennen. Die kennen so viele Fälle, die in einer Perspektivlosigkeit münden, einem Ausbildungsabbruch, einer frühen Schwangerschaft oder wie auch immer. Das ist für sie der Normalfall, aber doch nicht, dass jemand studieren will. Dass ich mit viel Voreingenommenheit zu tun haben würde, war mir früh klar. Deshalb sind die Faktoren, die mir am meisten geholfen haben, Resilienz, der Glauben an mich selbst, Menschenkenntnis, die Fähigkeit, meine eigenen Interessen zu vertreten und eine Leidenschaft dafür, mit Menschen zusammenzuarbeiten und mich für Kinderrechte stark zu machen. Und, dass ich Menschen hatte, die mich unterstützt haben. Aber nicht die Schule und nicht das Jugendamt. Das waren eher Hürden.

Warum hat das Jugendamt in Ihrem Fall nicht eher eingegriffen?

Ich glaube, dass auch das eine strukturelle Frage ist. Unsere Probleme waren in Kaiserslautern irgendwie normal. Weil jeder Zehnte arbeitslos ist und die Stadt vom Strukturwandel betroffen ist. Die Kinderarmutsrate ist in den letzten fünf Jahren von 23 auf 23,8 Prozent angestiegen. Das Armutsproblem ist allgegenwärtig. Gleichzeitig werden im Doppelhaushalt der Kommune Ausgaben für die Jugendhilfe und Jugendförderung immer mehr zusammengestrichen. Da greift das Amt nicht mehr in jedes Elternhaus ein, wo es nötig wäre, sondern nur in die komplett prekären. In reichen Kommunen wie München hätte man das wahrscheinlich eher gemacht.

Fast jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut. Was wären die nötigsten Schritte, um das zu ändern?

Im Artikel sechs des Grundgesetzes steht, dass das Kind den Eltern obliegt. Der Status, der ein Kind als Objekt der Eltern anerkennt statt als Subjekt, ist fragwürdig. Kinderrechte gehören ins Grundgesetz. Das ist aus meiner Sicht das Erste, was getan werden muss. Denn jedes Kind hat ein Recht auf eine sorgenfreie Kindheit. Aber davon sind viele weit entfernt. Wir sollten zweitens nicht das Kindergeld als bedarfsminderndes Einkommen anrechnen, sondern eine Kindergrundsicherung einführen. Darin sollten Ausgaben für soziale Mobilität und die eigene Entfaltung berücksichtigt werden. Das geht schon damit los, dass der ALG II-Satz nicht in allen Kommunen das Monatsticket für den ÖPNV komplett abdeckt. 

Dabei ist es so entscheidend, dass man aus seinem strukturschwachen Viertel mal in eine andere Gegend der Stadt kommt. Wichtig ist drittens, dass die Ganztagsschulen ausgebaut werden, denn dort können sich Kinder auf institutioneller Ebene entfalten. Sie sind nicht so viel zu Hause, erfahren nicht so viel Strukturlosigkeit, sondern können sich auch selbst für verschiedene Schulangebote entscheiden. 

Sie finden dort auch Lehrer, die sie bedarfsorientiert unterstützen können. Wichtig ist außerdem, dass Wettbewerbe wie „Jugend debattiert“ oder „Jugend musiziert“ meist nur auf Gymnasien gefördert werden. Oberschulen machen das oft einfach nicht mit. Das ist ein Unding! Entfaltung sollte kein privilegiertes oder elitäres Thema sein, sondern für jeden jungen Menschen ermöglicht werden, unabhängig, woher er kommt, wer er ist. So steht es in der UN-Kinderrechtskonvention. Warum ist das noch nicht Realität?

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Für manche Kinder dürften Geschenke am Kindertag bescheidener ausfallen. Das gilt vor allem für jene, deren Eltern ein geringes Einkommen beziehen.

Nicht besonders gut. Das ist so absurd. Ich studiere in den USA mit einem 260.000 US-Dollar teuren Vollstipendium und meinem Bruder fehlt jeder Cent. Seine Realität unterscheidet sich so grundsätzlich voneinander, meine Welt ist so völlig fernab von seiner. Für mich ist das nur schwer zu ertragen.

Buchtipp: Jeremias Thiel - „Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance. Wie sich Armut in Deutschland anfühlt und was sich ändern muss“, Piper, 16 Euro.

Jedes fünfte Kind in Sachsen ist arm

In Sachsen leben 21,4 Prozent aller Kinder in Armut. Das bedeutet, dass ihre Familien mit weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen bundesdeutschen Einkommens oder mit SGB-II-Leistungen auskommen müssen. Nach Angaben des statistischen Landesamtes leben damit 131 von 1.000 Kindern und Jugendlichen in armen Verhältnissen.

Die Bertelsmann-Stiftung sieht in der Kinderarmut in Deutschland eine „unbearbeitete Großbaustelle“. Ihrer aktuellen Analyse zufolge wachsen 2,8 Millionen Kinder unter 18 Jahren, darunter 2,4 Millionen unter 15 Jahren, in Deutschland arm auf.

Trotz florierender Wirtschaft blieb diese hohe Zahl in den letzten Jahren konstant.

Für die Kinder bedeutet das zum Beispiel, dass sie aus finanziellen Gründen keine ausreichende Winterkleidung haben (5 Prozent), in Wohnungen mit feuchten Wänden leben (10 Prozent), kein eigenes Zimmer haben (20 Prozent), nicht einmal eine Woche pro Jahr in den Urlaub fahren (68 Prozent) oder sich nicht jeden Monat eine Kino- oder Theaterkarte leisten können (34 Prozent).

Beim Homeschooling sind viele massiv benachteiligt gewesen. Ein Viertel aller Kinder im Grundsicherungsbezug hat keinen internetfähigen PC im Haushalt, 13 Prozent keinen ruhigen Platz zum Lernen. Die Corona-Krise könne dazu führen, dass Kinder aus Haushalten in einer Armutslage weiter abgehängt werden, warnt Jörg Dräger von der Stiftung.

 Quelle: StaLa Sachsen, Bertelsmann Stiftung

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