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Wie Görlitz an neue Straßenbahnen kommt

Verkehrsbetriebe-Chef Andreas Trillmich krempelt den Nahverkehr um. Auch das Kundenbüro zieht demnächst um.

Andreas Trillmich, Geschäftsführer der GVB, steht neben der ersten neu gestalteten Straßenbahn im GVB-Design.
Andreas Trillmich, Geschäftsführer der GVB, steht neben der ersten neu gestalteten Straßenbahn im GVB-Design. © Nikolai Schmidt

Andreas Trillmich ist richtig stolz. „Unter den 14 Bahnen, die wir haben, ist es die Erste in unseren Unternehmensfarben“, sagt der Geschäftsführer der vor knapp einem Jahr neu gegründeten Görlitzer Verkehrsbetriebe GmbH. Seit vorigem Freitag ist die Bahn im Einsatz – mit aufgearbeitetem Lack, neuen Sitzbezügen, gelben Trittkanten und dreisprachigen Infos. Die SZ sprach mit Trillmich aber nicht nur darüber.

Herr Trillmich, die Görlitzer Straßenbahnen sind zwischen 30 und 40 Jahre alt. Werden jetzt alle neu gestaltet?

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Nein, das wäre nicht vertretbar. Die Bahnen müssen alle acht Jahre zur Hauptuntersuchung. Diese war jetzt dran. Sie ist vom Zustand her eine unserer Besten. Bei der Hauptuntersuchung mussten wir den Lack ohnehin erneuern. Wir haben zusätzlich etwa 5 000 Euro für neue Sitzpolster und Design investiert. Wenn wir unsere neuen Straßenbahnen haben, wollen wir die besten alten noch für eine gewisse Zeit als Reserve behalten. Bei den anderen Bahnen werden wir dieses Konzept nur umsetzen, wenn es wirtschaftlich vertretbar ist.

Steht Ihr Plan noch, dass 2023 der erste Niederflur-Straßenbahnwagen durch Görlitz fahren soll?

Ja. Das Ziel ist sehr ehrgeizig. Damit es gelingt, muss alles perfekt laufen. Aber bisher liegen wir im Zeitplan. Neue Straßenbahnen haben oberste Priorität.

Für Außenstehende klingen vier Jahre aber trotzdem viel zu lange.

Mitte Oktober stellen wir den Fördermittelantrag. Dafür müssen 1 300 Einzelpunkte bewertet werden! Das reicht von der Haltestange bis zur Gleisgeometrie. 2020 wollen wir ausschreiben, 2021 könnte ein Unternehmen den Zuschlag bekommen – und dann müssen die Bahnen ja noch gebaut werden. Kein Hersteller hat die auf Vorrat auf dem Hof stehen.

Görlitz will acht Straßenbahnen bestellen. Ist diese Größenordnung für die Hersteller reizvoll?

Für gute Preise brauchen wir Wettbewerb. Dafür sind acht Fahrzeuge keine Garantie. Deshalb kooperieren wir mit Leipzig und Zwickau, wo ebenfalls Niederflur-Stadtbahnwagen angeschafft werden sollen. In Zwickau sind es sechs, in Leipzig erheblich mehr. Durch die Bündelung mit Leipzig kommt ein deutlich größeres Los zustande, das ist für die Industrie viel attraktiver. Ohne die Unterstützung der Leipziger Kollegen würden wir den Zeitplan nicht schaffen. Ich fahre zur Abstimmung jede Woche für einen Tag nach Leipzig. Das bindet seit dem zweiten Quartal viel Zeit und Kraft.

Das heißt, andere Themen bleiben im Moment liegen?

Liegen bleibt nichts, aber es dauert länger. Beim Marketing haben wir noch einige Baustellen, zum Beispiel schaffen wir die Dreisprachigkeit unseres Internet-Auftritts derzeit noch nicht und Kombi-Tickets für Veranstaltungen wie das Sommertheater gab es dieses Jahr auch noch nicht. Das soll aber nächstes Jahr klappen.

Hängt die Frage der Straßenbahn-Anbindung für das Klinikum jetzt auch mit in der Warteschleife?

Ziel war es, dafür bis Ende 2019 eine Studie fertig zu haben. Wir werden in Kürze ein Ingenieurbüro damit beauftragen. Ich denke, dass wir den Termin bis Jahresende halten können. Wir haben die Zeitpläne von vornherein so aufgestellt, dass sie realistisch umsetzbar sind. Wir können unsere Kollegen nicht überlasten. Die Stadtbahn-Ausschreibung ist die wichtigste Investition. Da sind viele von uns eingebunden.

Anfang des Jahres hatten Sie angekündigt, das Kundenbüro von der Theaterpassage an den Demianiplatz zu verlagern. Ist das inzwischen konkret?

Eines steht fest: Wir ziehen in den jetzigen Pausenraum unserer Fahrer um, also nicht weit entfernt von der Theaterpassage. Vieles spricht dafür: Die zentrale Lage, die kurzen Wege, die gute Sichtbarkeit, aber auch die weitere Zusammenarbeit mit den Stadtwerken. Mit denen ist der Mietvertrag gerade in der Endabstimmung. Danach muss umgebaut werden, unter anderem braucht es einen barrierefreien Zugang mit Rampe sowie einen Verkaufstresen. Ich denke, dass wir im ersten Quartal 2020 eröffnen.

Aber außer dem Raum ändert sich für die Kunden nichts?

Doch, es wird mehr Beratung geben – bis hin zu touristischen Themen. Zu den Hauptzeiten wird ein zweiter Mitarbeiter vor Ort sein. Der Raum ist nicht groß, aber ausreichend und attraktiv. Übrigens: Seit Ostern verkauft auch die Görlitz-Information das komplette Sortiment unserer Tickets. Einige Hotels wollen das jetzt auch tun. Da sind wir in guten Gesprächen und werden Lösungen finden. Der Tourist soll ja auf den ÖPNV gelenkt werden.

Von Kunden gibt es bis heute immer wieder Beschwerden, dass der Stadtbus die Haltestelle Kummerau seit dem Fahrplanwechsel im Januar nicht mehr anfährt. Wird das rückgängig gemacht?

Das ist tatsächlich ein größeres Thema, das auch schon mehrfach an uns herangetragen wurde. Daneben gibt es noch kleinere Themen. Ein Teil der Hinweise geht bei uns ein, ein Teil bei der Stadt. Wir sammeln das, bewerten es und schauen, was wir umsetzen können. Auf jeden Fall soll das nicht kleckerweise passieren, sondern alles auf einmal. Im Herbst werden wir uns mit der städtischen Verkehrsplanung zusammensetzen und die Hinweise bewerten, um dann den Fahrplan eventuell anzupassen.

Doch schon mal vorab: Wie stehen die Chancen für die Kummerau?

Das ist schwierig, weil es eine neue Linienführung wäre. Der Linienverlauf ist aber ein maßgebliches Kriterium für die Liniengenehmigungen durch das Landesamt für Straßenbau und Verkehr. Zudem wurde das neue ÖPNV-Konzept der Stadt gerade erst eingeführt. Aber es gibt Ideen für eine Verbesserung der Situation. Ich denke, im Herbst sind wir hier aussagekräftiger.

Die neue Buslinie A zur Hochschule dagegen lief Anfang des Jahres schleppend an. Sind die Fahrgastzahlen inzwischen gestiegen?

Die Fahrgastzahlen schwanken zwischen null und sieben. Das ist also noch keine etablierte Stadtbuslinie. Wir wollen aber auf jeden Fall daran festhalten. Eine Hochschule an den ÖPNV anzuschließen, ist ein Muss. Und neue Produkte brauchen meist ein bis zwei Jahre Zeit, bis sie angenommen werden und bis man eine fundierte Einschätzung vornehmen kann.

Bewerben Sie den A-Bus speziell?

Ja, wir haben zum Beispiel eine Sommeraktion zum Berzdorfer See durchgeführt, auch für polnische Kunden, die von Zgorzelec kommen und mit einem Ticket zum See fahren können: Mit dem A-Bus von der Hochschule zum Demianiplatz und dann mit Umsteigen weiter zum See. Das lief bis Ende August. Wir werten es jetzt aus und schauen, was es gebracht hat.

Der A-Bus hatte anfangs Probleme mit Falschparkern in engen Kurven und Bushaltestellen. Ist das inzwischen besser geworden?

Ja, deutlich. Am Obermarkt haben wir zudem auf Wunsch von Gastronomen die Haltestellen von den Restaurants weg verlegt. Auch dadurch bewegt sich das Problem jetzt auf einem normalen Niveau.

Apropos normales Niveau: Wir steht es um Schwarzfahrer? Sie kontrollieren ja seit Jahresbeginn mit eigenen Leuten.

Wir haben etwa drei Prozent Schwarzfahrer, das entspricht in der Tat dem „normalen“ Niveau in der Bundesrepublik. Ohne Kontrollen wird es auch künftig nicht gehen. Allerdings sind unsere Mitarbeiter keine reinen Kontrolleure, sondern Kundenbetreuer. Sie leisten zum Beispiel Einstiegshilfe oder informieren die Kunden.

Mehr Lokales unter:

www.sächsische.de/goerlitz

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