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Wie Görlitz Fördergeld verschenkte

Landschaftsarchitektin Heiderose Starke erlebte, wie die Stadt die Zukunft des Helenenbades verspielte.

Im Görlitzer Helenenbad war stets etwas los. Auch der Sommer 1990 lud zum Baden ein.
Im Görlitzer Helenenbad war stets etwas los. Auch der Sommer 1990 lud zum Baden ein. © Rainer Kitte

Was wird aus dem Helenenbad? Seit im Februar in der SZ diese Frage aufgegriffen wurde, halten die Diskussionen an. Dazu gehört auch ein Rückblick:

Das Helenenbad war ein Freibad im Görlitzer Nordwesten. 1921 beschloss der Arbeiterschwimmverein den Bau. Die Besitzerin des Leontinenhofs verkaufte dafür einen Teil ihres Grundstücks. 1922 wurde das Freibad eröffnet – mit einem Schwimmbecken von 70 x 25 Metern und einem Nichtschwimmerbecken, gespeist von Quellwasser des nahen Siebenbörner. Die Nationalsozialisten übernahmen die Einrichtung 1934 als „Volksbad“. Nach 1945 wurde die Stadt kommunaler Träger des Bades. 1960 erfolgte eine Neugestaltung. In der DDR zog es jährlich über 30 000 Besucher ins Helenenbad. Allerdings bekamen die Becken immer stärkere Risse. Die Stadt stellte 1995 deshalb den Badebetrieb ein und schloss schließlich im Jahr 2002 das Helenenbad komplett.

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Heiderose Starke hatte nach der Wende mit an der Neuentwicklung des Bades gearbeitet und wundert sich: „Ich hätte nicht geglaubt, dass so viele Görlitzer das Freibad vermissen und nun feststellen, dass wir als einzige Stadt in Ostsachsen kein Freibad haben. Ihr habt doch den Berzdorfer See, hört man stets. Das hörten wir auch 1994 schon. Dabei war damals alles gut angelaufen. Die ersten zwei Bauabschnitte waren erledigt, der dritte stand zur Ausschreibung. Nach Anlagen rund um die Becken, einem Kiosk und neuen Umkleide- sowie Sanitäranlagen sollten ein Eingangsgebäude und 100 Fahrradparkplätze entstehen. Geld schien in Sicht. Damals legte der Freistaat Sachsen ein Programm für die Ertüchtigung kommunaler Bäder auf. Cunewalde und Reichenbach erhielten je sechs Millionen D-Mark und griffen zu. Görlitz sollte zehn Millionen bekommen. Vertreter des Görlitzer Rathauses fuhren nach Dresden und – verzichteten großspurig. Denn man hatte Fachberater aus Niedersachsen, und die empfahlen, dass unter 14 Millionen Mark (heute etwa sieben Millionen Euro) nichts zu machen sei. Und außerdem bekäme man ja bald den Berzdorfer See.“

Total verwahrlost: So sah das Helenenbad im Jhar 2004 aus.
Total verwahrlost: So sah das Helenenbad im Jhar 2004 aus. © SZ-Archiv
 Heiderose Starke, Mitglied des Verbandes Deutscher Landschaftsarchitekten, beschäftigte sich nach der Wende mit verschiedenen umfangreichen Planungen für eine Zukunft, die das altehrwürdige Bad damals noch zu haben schien. Doch es kam anders.
 Heiderose Starke, Mitglied des Verbandes Deutscher Landschaftsarchitekten, beschäftigte sich nach der Wende mit verschiedenen umfangreichen Planungen für eine Zukunft, die das altehrwürdige Bad damals noch zu haben schien. Doch es kam anders. © Ralph Schermann
Beliebt im Helenenbad war auch die Rutsche (hier 1986). Zehn Jahre darauf war nicht nur die Rutsche, sondern auch das Wasser weg.
Beliebt im Helenenbad war auch die Rutsche (hier 1986). Zehn Jahre darauf war nicht nur die Rutsche, sondern auch das Wasser weg. © Hans-Ernst Friedrich
Nach dem Volksbad war damit auch das letzte kommunale Freibad Geschichte.
Nach dem Volksbad war damit auch das letzte kommunale Freibad Geschichte. © Hans-Ernst Friedrich

Mit dem Ausschlagen von Fördergeld verloren acht Planungsbüros aus der Oberlausitz ihre Aufträge. Das Schicksal des Helenenbades war dennoch noch nicht besiegelt. Da der Planungsauftrag von 1992 nicht offiziell gekündigt wurde, blieb Heiderose Starke dran. Sie gehörte zur „Bauplanung in Görlitz – Architekten- und Ingenieurgesellschaft mbH“, die 1991 mit 30 Mitarbeitern gegründet worden war. Die mehrfach für Projekte ausgezeichnete Landschaftsarchitektin gehörte vorher zum WBK Dresden. Nun stieß sie bei der Untersuchung des Wasserzulaufs vom Siebenbörner auf eine Entwicklung des Textilforschungszentrums Chemnitz. Dort hatte man schwimmende Kunststoffmatten mit Pflanzenteilen erfunden, die statt Kies und Bodenpflanzen perfekt filterten. Das wäre doch auch was für die „Helene“? Im Stadtplanungsamt winkte man ab: Man habe selbst eine Firma aus Grimma angefragt, obwohl der bestehende Görlitzer Auftrag noch galt. Im Ratssaal stellten nun beide Seiten ihre Pläne vor. Den 2,5 Meter langen Plan von Heiderose Starke gibt es heute noch. Die Grimmaer begnügten sich mit Skizzen auf einem A-4-Blatt. Der Kreisarzt fand die schwimmenden Matten toll: „Das ist ein so hoher Kläreffekt, da machen Sie ja aus Sch… Bonbons“, lobte er die Chemnitzer nach dem Studium aller vorgelegten Messreihen. Doch statt weiter zu planen, drehten die Verantwortlichen im Rathaus 1995 den Badewasserhahn zu.

Seltsamerweise behauptete die Stadt bei der Schließung des Freisebades 1996, dass 1998 wieder ein Bad zur Verfügung stehen würde. Gleich vier Sportvereine schrieben daher Ende 1998 an das Rathaus: „Es gab bisher in der Bädersituation nur Rückschritte.“ Für sie war das Maß voll, als die Stadträte beschlossen, Bäder Privatbetreibern zu überlassen. Die Vereine fragten: Nicht eine Sportstätte in Görlitz ist privat betrieben, wieso sollen das dann Schwimmbäder sein? Gemeinsam reichten sie Ideen für ein neues Helenenbad ein, fügten Finanzierungs-Vergleiche von ähnlichen Bädern bei, zum Beispiel von Hagen in Westfalen. Eine solche Anfrage trieb 1999 auch die PDS (heute Linkspartei) voran. Kurze Antwort aus dem Büro von OB Rolf Karbaum: „Die Stadt ist gegenwärtig finanziell nicht in der Lage, eine Sanierung vorzunehmen.“ Zumindest wurden Ballspielplätze angelegt. 2006 gründete sich ein Förderverein für das Helenenbad und öffnete es 2007 als Luftbad. Eine prima Kinderbadelandschaft kam dazu. Jetzt könnte auch damit bald Schluss sein, weil dem Verein keine Minijobber mehr genehmigt werden. „Wir werden das Bad wohl an die Stadt zurückgeben“, hieß es. Und dann? Wird es bestimmt wieder an Geld fehlen ...

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