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Wie Großaufträge den Stahlbau bremsen

Der Nieskyer Traditionsbetrieb hat wegen schlechter Zahlungsmoral Probleme. Das spüren die Mitarbeiter in der Lohntüte.

Geschäftsführer Robert Unger bespricht mit Fertigungsleiter Frank Sommer und Vorarbeiter Tobias Schubert (von rechts) die Pläne für ein Brückenbauwerk über die A 3 bei Regensburg.
Geschäftsführer Robert Unger bespricht mit Fertigungsleiter Frank Sommer und Vorarbeiter Tobias Schubert (von rechts) die Pläne für ein Brückenbauwerk über die A 3 bei Regensburg. © André Schulze

Im Januar war die Welt für den Nieskyer Stahlbau noch in Ordnung. Damals hatte die SZ über die Auslieferung von acht Stahlträgern berichtet, die hier gefertigt und zur Komplettierung ins Betonwerk nach Bautzen überführt wurden. Längst sind die Kolosse Teil der neuen B 115-Brücke, die erst vor wenigen Tagen freigegeben wurde. „Das war ein eher kleiner Auftrag“, sagt Geschäftsführer Robert Unger. 

Und trotzdem einer, mit dem das Unternehmen zufrieden ist. Denn das Geld für Material und geleistete Arbeit ist längst auf dem Firmenkonto eingegangen. Ganz im Gegenteil zu mehreren anderen Aufträgen, die den Nieskyer Traditionsbetrieb in finanzielle Schwierigkeiten gebracht haben. Das wirkt sich auch auf die rund 130 Beschäftigten aus. Seit vier Monaten bekommen sie ihren Lohn nur noch gestückelt. „Zur Fälligkeit wird ein Abschlag gezahlt, der Rest dann mit einem zeitlichen Versatz von bis zu zehn Tagen“, erläutert Unger, der zusammen mit Elke Duntsch das Unternehmen durch diese nicht ganz leichten Zeiten führt. Dabei sind die Probleme nicht etwa hausgemacht, sondern hängen mit der Art der Leistungen, den Auftraggebern und der Region zusammen, in der die Arbeiten ausgeführt werden.

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Waldschlößchenbrücke wirkt nach

Ausgangspunkt, da muss Robert Unger nicht lange überlegen, war die Beteiligung des Stahlbaus am Bau der Waldschlößchenbrücke in Dresden. Zwar rollt dort der Verkehr schon seit August 2013, der Streit um die Bezahlung von Rechnungen zog sich jedoch bis 2018 hin. Das Nieskyer Unternehmen war damals Mitglied der aus mehreren Firmen bestehenden Arbeitsgemeinschaft (Arge) Sächsische Bau. Wegen zusätzlich erbrachter Leistungen, des von ursprünglich geplanten 5.600 auf 6.900 Tonnen gestiegenen Stahleinsatzes und dem explodierenden Stahlpreis von 400 auf 1.000 Euro je Tonne hatte die Arge 18 Millionen Euro Nachschlag gefordert. „Es gab damals zwei Möglichkeiten. Entweder wir hätten einen langwierigen Klageweg beschritten – mit offenem Ergebnis. Oder einer Vereinbarung mit der Stadt Dresden zugestimmt. Das haben wir dann getan. Sie zu erreichen, hat aber leider auch fünf Jahre gedauert“, erläutert Unger. Das Ergebnis indes war unbefriedigend. Man habe „einen Millionenbetrag“ erbrachter Leistungen nicht bezahlt bekommen, so der Geschäftsführer.

Den Waldschlößchenfall bezeichnet er als einen der größten Streitfälle in der Geschichte des Unternehmens. Der letzte war er jedoch nicht. Aktuell liegt die Firma zum Beispiel mit der Deutschen Bahn im Clinch. Dabei geht es um eine Bahnbrücke in Hennigsdorf, die schon vor acht Jahren fertiggestellt worden ist. „Wir haben dort erhebliche Mehrmengen Stahl verbaut. Die Bahn will das aber nicht vergüten. Ihr Argument: Unsere Forderung sei nicht gerechtfertigt.“ Unger führt aber auch zwei aktuelle Beispiele an, bei denen es Probleme gibt. „Für eine Brücke über die A 3 bei Regensburg haben wir für knapp eine Million Euro 1 000 Tonnen Stahl gekauft. Etliche Bauteile sind schon fertig. Acht davon haben wir bereits zum Auftraggeber geliefert, vier weitere liegen derzeit noch bei uns.“ Seit März herrsche jedoch Stillstand, denn die bereitgestellte Planung weise große Mängel auf. Ein reichliches Jahr sei das Projekt schon im Verzug. „Wir bekommen aber erst dann etwas bezahlt, wenn die Teile an Ort und Stelle eingebaut sind“, stellt Robert Unger klar. Zudem bekomme man in den eigenen Hallen Platzprobleme. „Wir können nicht weiter fertigen, weil wir uns damit selbst blockieren würden.“

Ein ähnlicher Fall spielt sich derzeit im Saarland ab. Für eine Brücke dort ist der Einsatz von 990 Tonnen Stahl geplant – im Wert von ebenfalls einer knappen Million. Für diesen Auftrag hat das Nieskyer Unternehmen bereits das Material gekauft – weil es die Terminkette so verlangte. Allerdings liegt vom Auftraggeber bis jetzt noch keine Statikberechnung vor. „Diese Unwägbarkeiten und finanziellen Belastungen machen es so schwer, vernünftig den Umsatz übers Jahr zu planen. Man weiß nicht, ob und wann Folgeaufträge angenommen werden können“, macht der Geschäftsführer deutlich. Ganz zu schweigen von der finanziellen Belastung, die eine vergleichsweise kleine mittelständische Firma zu schultern hat. Ohne Bürgschaften würde gar nichts laufen. Dieser Rahmen, versichert Unger, sei aber bis jetzt vorhanden.

Raus aus finanziellem Würgegriff

Seit geraumer Zeit hat sich der Stahl- und Brückenbau Niesky zu 100 Prozent dem Errichten neuer Brücken über Straßen und Schienen verschrieben. Nicht ganz freiwillig. Immerhin war man früher auch im schweren Stahlhochbau aktiv. Aufträge kamen vor allem aus der Privatwirtschaft. Im Moment aber ist die Lage schwierig. Für den Nieskyer Betrieb geeignete Investitionen gibt es derzeit kaum. Umso wichtiger sind öffentliche Auftraggeber: Bund, Land, Städte, Gemeinden – und die Deutsche Bahn. Sie alle müssen sich an die Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB) halten – eine Leitlinie dafür, wie die Auftragsabwicklung möglichst komplikationslos geschehen soll. „Darin steht auch, wie Ausschreibungen und Auftragsvergaben funktionieren sollen und wie man bei einem laufenden Bauvorhaben mit Mehrleistungen verfahren soll.“ 

Robert Unger stört nicht der Inhalt des Papiers, sondern das immer wiederkehrende Wörtchen „soll“. „Das lässt Freiräume zu, gibt den Auftraggebern Auslegungsmöglichkeiten.“ Jeder nutze dies für sich aus. „Kurz gefasst gibt die VOB diese Richtung vor: Der Auftragnehmer muss leisten, der Auftraggeber kann bezahlen“, kritisiert der Nieskyer Firmenchef. Die Auswüchse hat er schon viele Male selbst erlebt. Wenn es zu Unstimmigkeiten kommt, heißt es immer wieder: „Sie müssen nicht für uns arbeiten, Sie können klagen.“ Aber bei einem Vergleich, weiß Unger, gibt es oft nur noch die Hälfte.

Trotzdem will sich der Betrieb so schnell wie möglich aus dem finanziellen Würgegriff ungeklärter und verlorener Außenstände befreien. Und damit auch die Stückelei bei der Lohnzahlung beenden. Bis zum Jahresende sei man voll ausgelastet, freut sich der Geschäftsführer. Auch für 2020 lägen bereits erste Aufträge vor, weitere Verhandlungen liefen. 15 bis 25 Bauwerke mit einem Materialeinsatz von bis zu 9.000 Tonnen Stahl kann die Firma im Jahr abarbeiten. Aktuell werden sechs Aufträge in unterschiedlichen Leistungsphasen parallel gefertigt, in Spitzenzeiten können es bis zu acht sein. Bei der Auswahl der Auftraggeber schaue man jetzt genauer hin, erklärt Robert Unger. Kriterien seien die vergebende Behörde, die Region, das Vorhaben, aber auch die Partner, mit denen man zusammen agieren muss. 

So haben die Nieskyer im Laufe der vergangenen Jahre festgestellt, dass es mit Brücken im Straßenbau besser funktioniert als im Gleisbau. Und auch von den Bundesländern her hat man feine Unterschiede ausgemacht. In Berlin gebe es oft großes Konfliktpotenzial, in Hessen dagegen sei man sehr kooperativ. Und in Sachsen – da gibt es solche Projekte wie die Waldschlößchenbrücke. „Wir sind ja seit 2001 hundertprozentige Tochter der DFA Industriemontagen Meerane, agieren zwar selbstständig, stimmen uns aber regelmäßig mit unserem Gesellschafter ab, für welche Kunden wir arbeiten wollen“, erklärt der Stahlbau-Chef. Er wünscht sich, dass die Mentalität in Politik und Verwaltung eine andere wird. „Die sogenannten Entscheidungsträger müssen wieder verstehen lernen, wer den Wohlstand in Deutschland erarbeitet.“ Mittelständische Betriebe seien keinesfalls Verbrecher. „Wir wollen Aufträge bekommen, sie abarbeiten, und dann bezahlt werden. Darüber muss man sich nicht streiten“, beschreibt Unger seine Philosophie.

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Nieskys Oberbürgermeisterin Beate Hoffmann ist sich der Schwierigkeiten in einem der wichtigsten Betriebe der Stadt bewusst. „Leider gab es in den vergangenen Jahren immer wieder mal Probleme“, sagt sie. Dass es nun zu geteilten Lohnzahlungen komme, sei bedauerlich, aber auch verständlich. „Es ist eben aktuell nicht so, dass das Unternehmen auf festen finanziellen Füßen steht.“

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