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Wie ich eine dunkle Wolke teilte

wo kommt jetzt dieser blöde Schnee her? Da muss ich ja noch das Auto abkehren! Dabei bin ich schon spät dran! Wo ist denn bloß der olle Handfeger! Ooch, und auch noch Eis drunter! Ich bin gestresst. Da kommt mir meine erste Qigong-Lektion gerade recht.

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Von Jörg Stock

wo kommt jetzt dieser blöde Schnee her? Da muss ich ja noch das Auto abkehren! Dabei bin ich schon spät dran! Wo ist denn bloß der olle Handfeger! Ooch, und auch noch Eis drunter! Ich bin gestresst. Da kommt mir meine erste Qigong-Lektion gerade recht. Das soll ja sehr beruhigen. Aber nur, wenn ich den Termin jetzt schaffe – Mensch, nun fahrt doch mal!

Qigong? Bilder von steinalten chinesischen Greisen tauchen auf, die in blauer Mao-Montur kämpferisch die Luft zerteilen. Susann Simon lässt das Bild platzen. Sie ist jung, trägt ein rotes, fernöstlich anmutendes Gewand und sagt, dass Qigong mit Kampfsport nichts zu tun hat. Zwar geht es um Bewegung. Aber eher um meditative. Wörtlich genommen handelt es sich um Arbeit, um Energie-Arbeit.

Windhauch vom CD-Spieler

Susann Simon, 36, Physiotherapeutin aus Kurort Hartha, beschäftigt sich seit acht Jahren mit traditioneller chinesischer Medizin. Die Chinesen sollen Qigong schon vor 4000 Jahren entwickelt haben, als Konzept zur Gesundung von Geist und Körper. Susann Simon betrieb Qigong zuerst nur für sich selbst, zum Stressabbau nach einem langen Arbeitstag. Und um die Akkus aufzuladen, wie sie sagt. Jetzt startete sie ihren ersten eigenen Qigong-Kursus in der Spechtshausener Physiotherapie Kirsche.

Neun Uhr, die Teilnehmer stehen auf der Matte. Vertreten ist das mittlere bis gesetzte Alter, zumeist Damen. Susann Simon schaltet den CD-Spieler ein: mystische Gesänge, Mönchsgemurmel, man hört den Wind säuseln, exotische Vögel rufen, Grillen zirpen. Alle halten die rechte Hand senkrecht vor die Brust und sammeln sich, geführt von Frau Simons leiser Stimme.

Nach der recht schweißtreibenden Erwärmung geht’s los. Das Qi wird geweckt. Ums Qi dreht sich alles in der chinesischen Heilkunde. Die Chinesen verstehen darunter die Lebensenergie. Sie fließt, so glauben sie, auf Bahnen, den Meridianen, durch den Körper. Unwohlsein und Krankheit sind Folgen gestörten Energieflusses.

Um das Qi zu wecken, hebt man die Arme aus der Grundstellung – gebeugte Knie, Steißbein nach vorn – parallel, bis etwa in Höhe des Gesichts. Die Hände sind entspannt. Man atmet ein, „in den Bauch zieht die Atmung“, raunt Susann Simon. Der Körper strafft sich wellenartig, sinkt dann, während die Arme abwärts gehen, wieder zusammen, wie eine Marionette.

Ich spüre tatsächlich etwas. Was, weiß ich nicht genau. Die Fingerkuppen kribbeln. Susann Simon geht herum, korrigiert Schultern, drückt Steißbeine, lobt. Dann die nächste Übung: „Die Brust weit machen“. Wie Vogelschwingen breitet man die Arme, führt sie wieder zusammen, bündelt das Qi, so ist die Vorstellung. Ob wir die Verbindung zwischen den Fingern spüren, fragt Susann Simon. Ich weiß nicht. Kann sein. Es kribbelt immer noch.

„Es wird licht, es wird frei“

Als nächstes der „Regenbogen“. Ausladende Bewegungen über dem Kopf und seitwärts. Jetzt kommen auch Körperdrehungen dazu. Für einen Anfänger ganz schön kompliziert, auf Haltung, Bewegung und Atmung gleichzeitig zu achten. Unsere Kursleiterin macht uns Mut: „Je mehr ihr wiederholt, um so leichter und fließender wird es.“

Dann „Die Wolken teilen“. Dabei werden die Arme vom Bauch nach oben gezogen, dabei die Handflächen zum Gesicht gewendet – das Synonym für die Betrachtung der Lebenslage. Jetzt sieht man Probleme, die man wegschieben möchte, tut das auch, indem man die Handflächen nach außen dreht und eine Bewegung vollführt, als wolle man dunkle Wolken beiseite schieben. „Es wird licht, es wird frei“, kommentiert Susann Simon die Aktion.

Die Stunde ist schnell rum. Fühle ich mich licht und frei? Auf jeden Fall ist der Ärger von vorhin vergessen. Mein Qi scheint gut in Form. Wenn es jetzt noch Frühling und Wochenende würde, könnte ich glatt vergessen, dass draußen ein eisiger Montag auf mich wartet.

Infos zu Qigong-Kursen bei Susann Simon

in Kurort Hartha unter 035203 31662.