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Wie ich Torgau überlebte

Das, was dem Riesaer Torsten Hertel widerfahren ist, übersteigt die schlimmsten Alpträume.

Von Jane Pabst

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Bis zum vorigen Jahr hat er geschwiegen. Seine Akte hat er längst vernichtet. Und auch seine Anstaltsnummer weiß er nicht mehr. Es war seine Art, mit dem finstersten Kapitel der DDR-Geschichte klar zu kommen. Doch das Verdrängen half nichts. Torsten Hertel stellte jetzt beim Amtsgericht Riesa einen Antrag auf Rehabilitierung. Was dem Richter bei der Anhörung zu Ohren kommt, ist an Gräueltaten kaum zu überbieten.

Eine kleine Neubauwohnung in der Straße der Einheit. Im Wohnzimmer mit der braunen Eckcouch läuft die „Shopping Queen“ im Fernsehen. Ein scheinbar unscheinbares Leben inmitten in Riesa. Wären da nicht die wiederkehrenden Alpträume, die Torsten Hertel einholen. Der 54-Jährige sitzt auf dem schmalen Balkon. „Ich habe versucht, damit selbst klarzukommen“, sagt er. Bis ihn eine gute Bekannte ermutigte, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Gemeinsam besuchten sie den Jugendwerkhof Torgau. „Eine zutiefst erschütternde Erfahrung für mich“, sagt er. Hinter fünf Meter dicken Mauern versehen mit Stacheldraht und Glasscherben durchlitt er als junger Mensch die härteste Spezialanstalt für aus SED-Sicht „renitente“ Jugendliche. „Ich habe versucht, zu meiner Tante nach Westberlin zu flüchten und wurde von der Trapo geschnappt“, erinnert er sich. Drei Versuche unternahm der damals 15-Jährige. „Ich wollte weg von Zuhause, wo ich wie ein Sklave von meinen Eltern gehalten wurde“, erinnert er sich.

Schlimme Kindheit

Seit seinem 7. Lebensjahr begann für ihn ein Martyrium. Die Mutter schluckte zum Frühstück zehn Tabletten, trank Alkohol in großen Mengen. Willkürliche Gewalt war an der Tagesordnung. „Meine Eltern unterhielten eine kleine Landwirtschaft. Da meine Mutter wegen ihres Tablettenmissbrauchs oft ausfiel, musste ich als Kind morgens um vier Uhr aufstehen und die Viecher versorgen“, erzählt er. Völlig übermüdet saß er in der Schule. Danach musste er sich wieder um die Landwirtschaft kümmern. Lehrer und Nachbarn machten Anzeigen beim Jugendamt. „Doch da mein Vater im Stadtrat Abgeordneter war, landete das alles im Papierkorb“, so Hertel. Auch der Vater prügelte ihn. „Dies führte dazu, dass ich es am Ende nicht mehr aushielt und unerlaubt von zu Hause abhaute“, erzählt er weiter. Doch damals ahnte er nicht, dass ihm die Hölle noch bevorstand. Als die Transportpolizei ihn schnappte, brachte sie ihn in das Durchgangsheim Potsdam. „Alles war vergittert und abgeschlossen. Jeden Tag mussten die Kinder Zwangsarbeit leisten“, berichtet Hertel. Einen Arztbesuch nutzte er zur Flucht. Als er erneut geschnappt wurde, um wieder in ein Heim gebracht zu werden, wollte er sich mit Tabletten das Leben nehmen. Der Versuch scheiterte. Die nächste Station war der Jugendwerkhof Lehnin. Zwangsarbeit, Schikane und willkürliche Strafen führten dazu, dass er insgesamt zehn Fluchtversuche unternahm. Doch es wurde noch schlimmer: Torgau. „Bei der Aufnahme in den Jugendwerkhof mussten sich die Jugendlichen grundsätzlich nackt ausziehen. Die Jungen vor einer Frau, die Mädchen vor einem Mann. Sexuelle Erniedrigung stand von da an auf der Tagesordnung“, so Hertel. Viele Opfer kennt er, die sexuell missbraucht worden waren. „Bei mir hat man es nicht versucht, ich war zu wehrhaft“, erklärt der ehemalige Insasse. Er schwor sich, dass der Leiter ihn nicht brechen wird. Denn die Aufgabe der Spezialheime war es, bei den Insassen die Bereitschaft zu erzeugen, sich widerspruchslos allen zukünftigen Maßnahmen der Umerziehung unterzuordnen. Und dazu gehörte nicht nur sexueller Missbrauch, sondern auch militärischer Drill, ein rigides Strafsystem sowie monotone körperliche Arbeit. „Es herrschten KZ-artige Zustände. Nach der Aufnahme erfolgte ein Begrüßungsarrest. Das heißt, man wurde in eine Einzelzelle gesperrt“, erzählt Torsten Hertel. „Die Arbeit glich Sklavenarbeit, aber man schaffte sie, weil man solch eine Angst vor der nächsten Bestrafung hatte“, so Hertel. So war einer der Lieblingsbestrafungen des Anstaltsleiters, dass die Jugendlichen mit ihren bloßen Händen, Kernseife und Ata einen 30 Meter langen Flur reinigen mussten. „Dadurch hatte man immer Verletzungen an den Händen“, erzählt er weiter. Als Disziplinierungsmaßnahme galten auch körperliche Anstrengungen bis zur Erschöpfung wie stundenlanges Treppensteigen ohne Pause. „Der Aufenthalt in Torgau ist schlicht als schrecklich zu bezeichnen“, sagt er. Nach Hertels Entlassung 1978 fiel es ihm schwer, sein Leben zu organisieren. Eine Weile war er wohnungslos, hielt sich mit Diebstählen über Wasser. Schlägereien mit Körperverletzung, ein Gerichtsprozess und zwei Gefängnisaufenthalte folgten. Heute arbeitet er als Fahrer bei einer Spedition. Aber auch nach über 30 Jahren fährt noch immer die Vergangenheit mit.

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