merken
PLUS

Wie Kinder gut sprechen lernen

In Steinigtwolmsdorf geht man innovative Wege. Bücher spielen dabei eine große Rolle.

© Steffen Unger

Von Ingolf Reinsch

Anzeige
Sorgenfrei unterwegs mit dem Care-Paket

Unterwegs mit dem neuen Seat Ibiza: Jetzt den Kleinwagen mit großen Ansprüchen selber testen und von den vielen Features überzeugen.

Steinigtwolmsdorf. Sechs Männer mit langen schwarzen Bärten betreten eine Bäckerei. Alle ahnen: Diese Männer führen nichts Gutes im Schilde! – In der Bibliothek der Steinigtwolmsdorfer Tagesstätte Zwergenland ist es mucksmäuschenstill, als Viola Szemendera-Schlenkrich aus dem Buch „Sechs Langbärte“ vorliest. Fünf Kinder lauschen der Geschichte, in der, ähnlich einem Abzählreim, sich nach jedem Abschnitt ein Langbart aus der Gruppe verabschiedet. Gelegentlich unterbricht Viola Szemendera-Schlenkrich ihren Vortrag, lässt ihre kleinen Zuhörer Sätze vollenden, Wiederholungen mitmurmeln oder stellt eine Frage, die die Kinder beantworten sollen. Sie nennt es „dialogisches Lesen“.

Viola Szemendera-Schlenkrich ist von Beruf Logopädin. Doch in Steinigtwolmsdorf arbeitet sie 20 Stunden in der Woche als Sprachfachkraft. Dieser Unterschied ist wichtig. Denn in ihrer Arbeit im Kinderhaus geht es nicht darum, sprachliche Defizite einzelner Kinder zu therapieren, sondern dem Erzieher-Team für die sprachliche Förderung aller Mädchen und Jungen zur Seite zu stehen. Grundlage dafür ist ein Programm des Bundesfamilienministeriums. Nur drei sogenannte Sprach-Kitas gibt es im Raum Bautzen-Bischofswerda. Außer dem Haus in Steinigtwolmsdorf in Trägerschaft der Volkssolidarität machen auch die Awo-Kita Knirpsenland in Bautzen und die Kinderinsel Großdubrau Eltern dieses Angebot. „Wir sind sehr froh, dass wir eine Logopädin im Haus haben“, sagt Heike Pietsch, die Leiterin der Steinigtwolmsdorfer Kindertagesstätte.

Die Kita-Leiterin und ihr Team haben den Weg dafür selbst geebnet, indem sie bereits seit dem Jahr 2007 innovative Wege bei der Sprachförderung gehen. Damals beteiligten sie sich an einem Pilotprogramm auf Landesebene. Mittlerweile läuft das dritte Programm, bundesweit und überschrieben mit „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Kinder von sprachlicher Bildung besonders profitieren, wenn sie früh beginnt. Kindertagesstätten bieten dafür vielfältige Möglichkeiten. Sprachfachkräfte sollen helfen, die Kinder auf vielfältige Weise dazu anzuregen. Neu am aktuellen Programm ist, dass es pädagogisch-fachlich begleitet wird, sagt Heike Pietsch. Einmal im Monat treffen sie und Viola Szemendera-Schlenkrich sich mit Vertreterinnen der anderen beteiligten Tagesstätten in der Region.

Sie nutze für ihre Arbeit gern Bücher, sagt Viola Szemendera-Schlenkrich. In der kleinen Bibliothek unterm Dach des Zwergenlandes findet sie dafür sehr gute Bedingungen. Das Regal ist gut gefüllt mit Kinderbüchern. In dem Raum gibt es lauschige Fleckchen, wo es sich die Kinder gemütlich machen können. Aus drei Büchern konnten sie wählen, aus welchem ihnen vorgelesen werden soll. Nun folgen sie also der Spur der Langbärte. Wo diese auch hinkommen, ob zum Fleischer, ins Spielwarengeschäft oder zum Konditor, überall ahnen die Leute: Diese Männer führen nichts Gutes im Schilde, stimmen die Kinder in die Geschichte ein. Später werden sie noch Gelegenheit haben, selbst im Regal zu stöbern und sich ein Buch auszusuchen, das sie sich anschauen möchten. „Die Kinder kommen dabei untereinander ins Gespräch, tauschen sich aus, was sie sehen und welche Erfahrungen sie damit verbinden“, sagt Viola Szemendera-Schlenkrich.

Benachteiligung hinterfragen

Auch das ist Sprachförderung. Das Programm zielt darauf, Sprache ganz nebenbei im Alltag zu erlernen und den Wortschatz zu erweitern. Das bedeutet nicht, dass die Kinder in Kleingruppen oder zu bestimmten Zeiten üben. Statt dessen nutzen die Erzieherinnen alltägliche Situationen, um die natürliche Sprachentwicklung der Kleinen zu unterstützen. Viola Szemendera-Schlenkrich steht ihnen dabei zur Seite – beispielsweise indem sie Anregungen gibt, wie Erzieherinnen die sprachliche Entwicklung der Kinder in ihrer Gruppe beobachten und dokumentieren können. Eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern ist Teil des Projektes. Einmal im Monat bietet die Sprachfachkraft in der Kita eine Elternsprechstunde an.

Und noch eine Besonderheit hat das laufende Projekt: eine inklusive Pädagogik, die Kinder und Erwachsene ermutigen will, Vorurteile, Diskriminierung und Benachteiligung kritisch zu hinterfragen sowie eigene Gedanken und Gefühle zu äußern. Auch eine gelebte Willkommenskultur gehört dazu. Für Viola Szemendera-Schlenkrich beginnt sie schon im Foyer des Hauses, wo alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Name und Foto vorgestellt werden. Und Willkommenskultur endet noch lange nicht an der Wandzeitung in einem Gruppenraum, wo „Herzlich willkommen“ auf Deutsch, Tschechisch, Georgisch und Rumänisch zu lesen ist. Sprachen aus Ländern, in denen Kinder in Steinigtwolmsdorf ihre Wurzeln haben.

In diesen Kontext passt übrigens auch die Geschichte von den furchteinflößenden Langbärten. Sie nimmt eine überraschende Wende. Ein Junge namens Nino wartet schon sehnsüchtig auf deren Besuch. Die Langbärte, denen so viele Vorurteile entgegenschlugen, haben nur eingekauft – für Ninos Geburtstag.

www.sprach-kitas.fruehe-chancen.de