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Wie kommt der grüne Umweltminister zur Arbeit?

Erstmals übernimmt die Öko-Partei ein sächsisches Ministerium. Das muss nun Wolfram Günther stemmen.

Jubel nach der Landtagswahl: Neben Wolfram Günther ist inzwischen auch Spitzenkandidatin Katja Meier (3. v. l.) Ministerin – im Justizministerium.
Jubel nach der Landtagswahl: Neben Wolfram Günther ist inzwischen auch Spitzenkandidatin Katja Meier (3. v. l.) Ministerin – im Justizministerium. © Kristin Schmidt

Wolfram Günther will nicht der „komische Grüne“ sein, so viel ist klar. Dass sich in Sachsens Umwelt- und Landwirtschaftsministerium einiges ändern wird, aber ebenso. Schon, weil es erstmals ein Grüner übernimmt. Der Dienstwagen, zum Beispiel. Als Minister hat man das Privileg auf Auto mit Fahrer, in den meisten Fällen ein dicker, schwarzer Diesel. Günther schüttelt den Kopf. „Ich weiß, für viele ist das unheimlich wichtig, dieses Auto. Ich habe das noch nicht end-entschieden“, sagt der gebürtige Leipziger.

Bisher fährt Günther die etwa 75 Kilometer von seinem Wohnort Rochlitz nach Dresden mit seinem Auto. Leider ist Rochlitz im Landkreis Mittelsachsen nicht gut angebunden, mit der Bahn würde es durch Umsteigen in Leipzig oder Chemnitz mehr als zweieinhalb Stunden dauern. Seine Bahncard 100 bringt ihm da auch nichts. Aber Dienstwagen? „Mich müsste der Fahrer ja erst auf dem Land abholen“, sagt Günther. „Das halte ich für sehr ineffektiv.“ Und dann wäre da noch das Fahrrad. Eigentlich parkt Günther immer am Stadtrand und fährt den Rest der Strecke mit dem Rad. „Ich brauche die Bewegung und das Durchlüften im Kopf.“ Außerdem sei man in der Stadt mit dem Rad einfach schneller. „Was mache ich mit dem Fahrrad? Packe ich das in den Kofferraum? Dann bin ich gleich der komische Grüne.“

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Günther engagiert sich seit 1994 bei den Grünen. Die Motivation? Zuallererst: Mitbestimmung. „Die Demokratie ist kein Zustand, man muss sie sich ununterbrochen weiter erkämpfen.“ Umwelt- und Naturschutz spielten eine große Rolle: Die dreckigen Flüsse Anfang der 1990er, der Kohlebergbau, der sich immer weiter in den Leipziger Auwald fraß, die Luftverschmutzung durch die Konzerne in der Umgebung. „Es hat mich immer geärgert, wenn wertvolle Ressourcen sinnlos verschleudert werden.“ Dann gibt es noch eine andere Leidenschaft: Denkmalschutz und Stadtentwicklung. Mit seiner Frau und vier der sechs Kinder wohnt er auf einem denkmalgeschützten Vierseithof, der noch saniert wird.

Wolfram Günther (r) kam vergangenen Freitag zu seiner Ernennung als Minister mit dem Fahhrad zur Staatskanzlei. Ob er das in Zukunft auch so macht, hat er noch nicht final entschieden.
Wolfram Günther (r) kam vergangenen Freitag zu seiner Ernennung als Minister mit dem Fahhrad zur Staatskanzlei. Ob er das in Zukunft auch so macht, hat er noch nicht final entschieden. © Robert Michael/dpa

Nach dem Abitur macht Günther eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Dresdner Bank in Düsseldorf. Lernen, den Kapitalismus zu verstehen, nennt er das. Dann folgt ein Jurastudium in Leipzig, parallel schreibt sich Günther in Kunstgeschichte, Kulturwissenschaften und Philosophie ein – aus Interesse. „Ich habe mich nicht als fleißig empfunden“, sagt er. „Es war eher zielorientiertes Arbeiten.“ Er schließt beides – Staatsexamen und Magister – ab und wird zunächst Dozent. Bundesweit schult er Behörden und Kommunen in Verwaltung-, Bauplanungs-, Umwelt- und Denkmalrecht. 2004 gründet er seine Kanzlei in Leipzig, die sich ebenfalls auf diese Gebiete spezialisiert. Zu seinen Mandanten zählen nicht nur Bürgerinitiativen und Umweltverbände, er vertritt auch Kommunen und Investoren, die etwas mit Blick auf den Umweltschutz genehmigt haben wollen. Günther findet es gut, dass er so immer mit realen Dingen zu tun hat, mit Vorhaben draußen in der Landschaft, nicht nur im Büro.

Der Ausgleich von Interessen sei sein „Lebensthema“, sagt Wolfram Günther.
Der Ausgleich von Interessen sei sein „Lebensthema“, sagt Wolfram Günther. © ronaldbonss.com

2014 zum ersten Mal in den Landtag gewählt, ist Günther seit 2018 Fraktionsvorsitzender. Das Ziel war, die Grünen vor der Landtagswahl umweltpolitisch sichtbarer zu machen. Wenn das dazugehörige Ministerium der Hauptgewinn ist, hat das wohl funktioniert. Günther geht es nun vor allem um die Möglichkeiten. Als Opposition habe man zwar mehr Freiheit, welche Themen man setzt und mit welcher Vehemenz. „In der Regierung ist es aber möglich, die Dinge, die man fordert und für vernünftig hält, auch umzusetzen.“ Dass in einer Dreier-Koalition nicht alles geht, hält Günther nicht für einen Nachteil. Nur so lassen sich die „Fliehkräfte“ auf allen Seiten im Blick behalten. Man mache ja Politik für alle, das Ausgleichen der Interessen ist in einer Koalition zwischen CDU, Grünen und SPD schon angelegt.

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Der Ausgleich von Interessen sei sein „Lebensthema“, sagt Wolfram Günther. Er habe am meisten Spaß daran, verschiedene Akteure zusammenzubringen, herauszufinden, wie die Menschen ticken und was ihre Interessen sind, zu verstehen, wo die Ursachen der Konflikte liegen, um am Ende zu vermitteln und die Probleme zu lösen. „Deswegen habe ich Lust auf so ein Haus wie das Umweltministerium“, sagt Günther. „Das hat viel mit Kommunikation zu tun, und damit, Menschen ernst- und auch mitzunehmen.“ Er ist aber überzeugt, dass jeder in seinem Ministerium auch ein bisschen Beinfreiheit hat, natürlich auf Grundlage des Koalitionsvertrages. Vielleicht sogar so viel, den Dienstwagen wegzulassen.

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