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Wie Kunst das Selbstvertrauen der Kinder stärkt

Kunsttherapeutin Karin Fischer verwandelt das Haus Kleeblatt der Kinderarche Sachsen in Kamenz in ein Reich der Farben.

© Birgit Andert

Von Birgit Andert

Kamenz. Wenn Karin Fischer ins Haus Kleeblatt der Kinderarche Sachsen in Kamenz kommt, dann wird es bunt im Gruppenraum auf der ersten Etage. Hier verwandelt die Kunsttherapeutin einmal in der Woche den Raum in ein Reich der Farben und Formen. Papier und Stifte, Pinsel und Farben, Schere, Nadel und Faden, Hammer und Leim, Filz und Wolle tummeln sich dann auf dem Tisch, und die Augen der Kinder beginnen zu leuchten.

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Ein völlig neues Lebensgefühl
Ein völlig neues Lebensgefühl

Das Frühjahr wird oft zum Abspecken und für Diäten genutzt. Doch wer nachhaltig fit und gesund bleiben möchte, sollte auf eine andere Strategie setzen.

Insgesamt 17 Mädchen und Jungen leben in zwei Wohngruppen im Haus Kleeblatt, außerdem finden fünf Jugendliche im Trainingswohnen ein Zuhause auf Zeit, Zuwendung, Ermutigung und Unterstützung. Viele von ihnen haben teils verstörende Erfahrungen in ihrer Kindheit gemacht. Im künstlerischen Schaffen finden sie einen Zugang zu ihren Erlebnissen, lassen sich in der Stunde mit der Kunsttherapeutin ganz auf sich selbst ein, schöpfen neue Kraft, lernen, ihren eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.

„Das kann ich nicht“, sagt zum Beispiel die achtjährige Marie mit Nachdruck, als Karin Fischer ihr vorschlägt, gemeinsam eine Windmühle zu basteln. „Ich verschneide mich immer!“ Von dieser Ansage lässt sich die Kunsttherapeutin nicht aus der Ruhe bringen. „Komm, wir versuchen es mal zusammen.“ Mit unendlicher Geduld ermutigt sie das Mädchen, die Schere in die Hand zu nehmen und die Flügel auszuschneiden. Als Marie es geschafft hat, steht ihr der Stolz ins Gesicht geschrieben. Jetzt wählt sie mit Bedacht die Farben der Stifte aus, mit denen sie Flügel für Flügel bunt anmalt. Ihre sieben Jahre alte Schwester Michelle greift sich die Schere ohne Scheu und beginnt ungestüm mit dem Ausschneiden. Dass es nicht ganz perfekt aussieht, stört das Mädchen kein bisschen. Hier muss Karin Fischer eher das Tempo drosseln und die Aufmerksamkeit des Kindes fokussieren.

Marie und Michelle sind zwei von bis zu acht Kindern, mit denen Karin Fischer jede Woche in Einzel- oder Gruppenrunden kunsttherapeutisch arbeitet. Zum Teil kann sie ihre Arbeit über das Jugendamt in Fachleistungsstunden abrechnen, zum Teil wird sie über Spenden finanziert. Wichtig ist der studierten Chemikerin vor allem, den Kindern Zeit und ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. „Kunst ist die Sprache der Seele“, sagt sie, „und so kommen in den Bildern oft die Sorgen und Wünsche der Kinder zum Ausdruck.“

Stärke-Tiere oder Körper-Selbstbilder sind mögliche Impulse, ins Gespräch zu kommen. Behutsam begibt sich die Kunsttherapeutin mit den Kindern auf die Suche nach teils verschütteten Ressourcen, hilft ihnen dabei, ihre Gefühle aufs Papier zu bringen und damit auch Dinge zu benennen, die oft jahrelang verschwiegen werden mussten. In diesem Schutzraum wachsen die Kinder, spüren sich anders und neu – und gehen gestärkt in den Alltag zurück.

„Ganz oft sind die Kinder erstaunt über ihre Werke und sie sind stolz über das, was sie geschaffen haben“, sagt Karin Fischer. So hebt sich Marie jedes Bild, das in der Kunsttherapie entstanden ist, auf wie einen Schatz. „Hier male und bastele ich sehr gern“, erklärt das Mädchen.

Am Ende der aktuellen Stunde haben Marie und Michelle zwei Windmühlen fertig gebastelt. Michelle marschiert mit ihrer wie ein Feldmarschall durchs Zimmer und singt ein Lied dazu, Marie lächelt über die ausgelassene Schwester und hält ihr Kunstwerk behutsam fest. Beide freuen sie schon jetzt auf die nächste Woche, wenn Karin Fischer im Haus Kleeblatt wieder ihr Kunst-Lager aufschlägt.