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Wie lange machen die Brücken noch mit?

Bischofswerdas Eisenbahnbrücken sind ein Nadelöhr. Der jetzige Zustand nervt nicht nur Kraftfahrer. Der Bahn AG verursacht er Kosten, und unter Umständen kann er sogar zur Gefahr werden.

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Von Ingolf Reinsch

Jedes Mal, wenn sich ein größeres Fahrzeug unter den Brücken an der Neustädter oder Süßmilchstraße in Bischofswerda verkeilt hat, wird der Notfall-Dispatcher der Bahn informiert. Meistens fährt dann Herbert Winzer, Bereichsleiter Fahrbahn im Netzbezirk Bautzen der Deutschen Bahn AG, nach Bischofswerda, um den Schaden zu begutachten. Erst wenn er festgestellt hat, dass die Brücke nach wie vor stabil ist, dürfen wieder Züge darüber rollen.

Pro Brücke nur etwa acht Verursacher so genannter Anfahrschäden werden im Jahresdurchschnitt überführt, meistens mehr oder weniger zufällig. „Die Dunkelziffer liegt bei 90 Prozent“, sagt Herbert Winzer. Oft stehen Lkw-Fahrer vor einer der Brücken, zwängen sich trotz der ausgewiesenen Höhe durch und fahren anschließend weiter. Man sieht es an den Schleifspuren am Brückengewölbe, aber auch an den bröckelnden Steinen insbesondere an der Süßmilchstraße. Bis zu 6 000 bis 7 000 Euro belaufen sich nach Bahn-Angaben die Kosten pro Jahr und Brücke, die für zusätzliche Instandsetzungen erforderlich sind – die Kosten für die Inspektionen und eventuelle Auswirkungen auf den Eisenbahnbetrieb nicht mit berechnet. Erst vor wenigen Tagen haben Mitarbeiter der DB Bahnbau Bischofswerdas Innenstadt-Brücken instand gesetzt. Inzwischen zeigen Schäden am rot-weißen Anfahrschutz, den es seit 1994 an der Süßmichstraße und seit 1997 an der Neustädter gibt, dass sich wieder Brummifahrer durch das Nadelöhr gezwängt haben.

Unter der Brücke an der Neustädter Straße ragt schon der Stahl aus dem Gestein heraus. „Schäden an der Bewehrung vermindern die Stabilität“, sagt Steffen Getzlaff. Er ist Projektleiter im Bereich Bahnbau und für Ingenieurbauten wie Brücken zuständig. Besonders sensibel ist dabei der Brückenteil aus Richtung Innenstadt. Denn darüber verlaufen die Gleise der Strecke Bischofswerda – Dresden, wo auch die Schnellzüge mit bis zu 100 Kilometer pro Stunde rüberrauschen. „Ein größerer Brückenschaden könnte den Eisenbahnverkehr lahm legen“, sagt Steffen Getzlaff. Zwar halte DB Bahnbau für Havariefälle Hilfsbrücken bereit. Aber eine solche zu installieren, nehme mehr als 48 Stunden in Anspruch.

Aus Bahn-Sicht ein noch größeres Problem ist die Brücke an der Süßmilchstraße. Steffen Getzlaff schätzt deren Zustand als „kritisch“ ein. Aus dem Sandsteingewölbe könnten einzelne Steine ausbrechen, sollten beispielsweise die Ausleger eines Containerfahrzeuges im Gewölbe hängenbleiben. Die Bahn plant langfristig, diese Brücke durch einen Neubau zu ersetzen. Spätestens wenn die Trasse Dresden – Wroclaw (Breslau) fit für den ICE gemacht wird, ist der Neubau Voraussetzung. Wann gebaut wird, ist noch nicht entschieden.Bischofswerda ist kein Einzelfall, sagt Bahn-Sprecherin Helga Kuhne. Zu tief liegende Bahnbrücken seien ein bundesweites Problem. Beispielsweise in Chemnitz würde die wichtige Sachsen-Magistrale Dresden – Plauen regelmäßig lahm gelegt, weil Brücken nach Anfahrunfällen vorrübergehend gesperrt werden müssen.

Ursache des Problems ist, dass viele Bahnbrücken dem heutigen Straßenverkehr nicht mehr gewachsen sind. Entspannung für Bischofswerda und umliegende Gemeinden wird erst der Bau einer Umgehungsstraße bringen. Die Möglichkeiten, das Brückenproblem bis dahin zu entschärfen, sind begrenzt. Herbert Winzer und Steffen Getzlaff fordern Kontrollen insbesondere durch das Bundesamt für Güterverkehr, um Kraftfahrer, die die Durchfahrtshöhe missachten, zu stoppen. Bauliche Veränderungen an den Brücken, etwa eine Absenkung der Fahrbahn wie in Weickersdorf, würden das Problem nicht lösen. Zum einen setzen die Fundamenttiefen Grenzen, zum anderen verläuft unter der Süßmilchstraße ein großer Kanal.