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Corona: Wie lange reichen die Beatmungsgeräte in Sachsen?

Ärztekammerpräsident Erik Bodendieck zu Kapazitätsgrenzen und der schweren Entscheidung über Leben und Tod.

Erik Bodendieck ist Hausarzt in Wurzen - und Präsident der Sächsischen Landesärztekammer
Erik Bodendieck ist Hausarzt in Wurzen - und Präsident der Sächsischen Landesärztekammer © Ronald Bonß

Am Vormittag ein Ultraschall, eine Postbotin mit Rückenschmerzen, ein drogenabhängiger junger Mann, der aus dem Gefängnis entlassen wurde und ein Rezept für Ersatzmedikamente benötigt. Mittags ein Hausbesuch bei einer unheilbar kranken Krebspatientin. Und später noch Telefonkonferenzen mit Berufskollegen: Der Arbeitstag von Erik Bodendieck ist in Corona-Zeiten noch stressiger. Trotzdem möchte er keine Abstriche an seinen beiden Hauptjobs machen – als Hausarzt in Leipzig und als Präsident der Sächsischen Landesärztekammer. Zwischendurch nahm er sich Zeit für ein Telefoninterview mit der SZ. Denn das Thema könnte schon bald auch in Sachsen aktuell werden – die Frage nach Leben oder Tod in Krankenhäusern.

Herr Bodendieck, in mehreren Ländern sind die Beatmungsplätze in Kliniken so knapp, dass nicht alle Patienten gerettet werden können. Hätten Sie sich so eine Situation in Europa vorstellen können?

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Der Internationale Tag der Pflege findet jährlich am 12. Mai, am Geburtstag von Florence Nightingale statt.

Ehrlich gesagt, ja. Ich kenne die Gesundheitssysteme anderer Länder und weiß, dass es gerade in Staaten mit einer Zentralregierung und mit einem steuerfinanzierten Gesundheitswesen um die medizinische Versorgung nicht immer zum Besten bestellt ist.

Halten Sie eine ähnliche Notlage auch in Deutschland für möglich?

Auch für Deutschland kann man das nicht ausschließen, allerdings aus einem anderen Grund. Wir haben hoffentlich noch lange genügend Beatmungsplätze. Aber wir stoßen – und das höre ich von allen Seiten – an personelle Grenzen. Deshalb gibt es an manchen Kliniken bereits Schulungsprogramme, um beispielsweise Ergotherapeuten oder Mitarbeiter von freigezogenen Stationen zu Beatmungspflegern zu qualifizieren. Und wir müssen bedenken: Auch das medizinische Personal kann trotz aller Schutzmaßnahmen erkranken. Die Zahlen aus Italien sind alarmierend.

Wann erwarten Sie in Sachsen den Zeitpunkt, dass die Kapazitäten nicht mehr ausreichen?

Das kann im Moment niemand sagen. Deshalb warten jetzt alle auf Ostern, weil dann die erste Welle kommt – oder eben nicht. Mit Gewissheit kann man schon heute sagen, dass die Maßnahmen zur Einschränkung der Kontakte richtig waren. Sie haben uns wertvolle Zeit verschafft, damit die Kapazitäten nicht schon frühzeitig an ihre Grenzen geraten.

Ausschließen wollen Sie so ein Szenario aber nicht?

Nein. Wir haben ja schon lokale Brennpunkte, etwa in Zwickau/Werdau und das Pflegeheim in Zwönitz. Das Krankenhaus in Annaberg könnte mit der Anzahl zu beatmender Pflegeheimbewohner völlig überfordert sein. Deshalb haben wir in den Regierungsbezirken jeweils eine Koordinierungsstelle eingerichtet, die die Patienten auf Häuser verteilt, die noch Platz haben. Manche Kliniken haben ja sogar noch Kapazitäten, um Patienten aus Italien aufzunehmen. Trotzdem sollten wir uns auf das größtmöglich anzunehmende Unglück vorbereiten. Und da reicht es nicht, einfach nur Geräte aus dem Keller zu holen.

Sondern?

Mehr Beatmungsplätze brauchen mehr Druckluft. Dafür kann es nötig sein, von Kompressoren auf Turbinen umzustellen – und zwar zügig. Mehr Geräte benötigen mehr Energie. Also steht die Frage: Reicht die Notfall-Stromversorgung usw. noch?

Und wenn trotz aller Vorbereitungen die Betten mit Beatmungsgeräten nicht mehr ausreichen – so wie in Italien?

Zunächst sollte versucht werden, die Kliniken zu entlasten. Das bedeutet, dass der Hausarzt entscheiden sollte, ob der Patient vorerst auch in seiner Häuslichkeit überwacht werden kann. Aus Italien wissen wir, dass Covid-19 zunächst mit vergleichsweise geringen Symptomen verläuft und erst nach vier bis sechs Tagen umschlägt. Dann könnten auch Rettungswagen knapp werden.

Und wenn irgendwann doch alle Intensivbetten belegt sind?

Wenn die Kapazitäten nicht mehr für alle Patienten ausreichen, stehen wir vor der Frage der Triagierung. Das heißt: Wir müssen entscheiden, welche Patienten vorrangig Anspruch auf medizinische Hilfeleistung haben. Das klingt hart und ein bisschen nach Krieg, ist aber in der Medizin nicht neu. Bei einem Massenunfall muss der Notarzt genau diese Kategorisierung vornehmen, wenn nicht genügend Retter vor Ort sind.

Wonach richtet sich die Entscheidung bei Beatmungspatienten? Welches Leben ist mehr wert?

Im Arbeitskreis Ethik der Landesärztekammer haben wir diese Frage aktuell ausführlich diskutiert und sind uns weitgehend einig: Das einzige Kriterium kann nur sein, wer in der konkreten Situation kurzfristig die Chance hat, von der Beatmung wieder loszukommen und geheilt zu werden. Um es mal zugespitzt zu formulieren: Da kann eine ältere Frau, die gesund gelebt hat und vor der Erkrankung noch fit war, den Vorzug erhalten gegenüber einem jungen Mann, der übergewichtig ist, gern viel trinkt und auch noch raucht. Alter und Geschlecht dürfen bei der Entscheidung also keine Rolle spielen, genauso wenig wie sozialer Status und Nationalität.

Hat es Einfluss, ob jemand Kassen- oder Privatpatient ist?

Klares Nein.

Und wenn es einen prominenten Politiker träfe?

Jeder ist vor Gesetz und Gott gleich.

Haben Corona-Patienten bessere Karten als beispielsweise jemand mit Herzinfarkt?

Alle Patienten konkurrieren miteinander, das ist in so einer Zeit so. Wir können nicht sagen, wir lassen mal zehn Betten für Covid-19-Patienten frei, und dafür bekommt der Mensch mit Herzinfarkt keinen Platz. Wichtig ist, dass das alles transparent geschieht und auch mit den Angehörigen besprochen wird.

Mehrere Fachgesellschaften haben kürzlich Empfehlungen veröffentlicht, wie die Triage erfolgen soll. Wie verbindlich sind diese Empfehlungen?

Es sind keine Richtlinien, sondern Leitlinien. Sie bilden den aktuellen Stand der Wissenschaft ab, an dem man sich als Arzt orientieren sollte. Und wenn ich davon abweichen will, dann muss ich das gut begründen.

Es geht um Leben oder Tod. Was passiert mit den Todgeweihten?

Diese Menschen dürfen nicht allein gelassen werden. Wir müssen sie begleiten, ihnen die Angst und die Atemnot nehmen. Das passiert zum Beispiel mit Opiaten und ist geübte palliative Praxis. Diese Patienten versterben leider vermutlich relativ schnell.

Wenn es um die Entscheidungen geht, sprechen Sie stets von Wir. Wer ist Wir?

Die Rechtslage ist da eindeutig: Die Entscheidung, wer in so einem Fall Rettungsmittel bekommt, kann nur der Arzt treffen. Das ist unsere Verantwortung, die kann uns niemand abnehmen, auch kein Jurist. Wenn man im Team arbeitet, dann kann man sich beraten, am Ende muss aber auch hier der Teamleiter die Verantwortung übernehmen. Oder sonst der einzelne Arzt. Ich muss akzeptieren, dass ein Patient nicht mehr weiterleben kann.

Der ärztliche Auftrag lautet eigentlich, Leben zu erhalten. Glauben Sie, dass alle Ärzte dieser psychischen Herausforderung gewachsen sind?

Der eine mehr, der andere weniger. Studenten und junge Ärzte eher weniger. Das hat viel mit Berufserfahrung, Sozialkompetenz und Bereitwilligkeit zur Übernahme von Verantwortung zu tun. Diese Verantwortung müssen wir tragen.

Und wer sie nicht tragen kann oder will?

Der sollte nicht Arzt werden. Ärzte kommen immer wieder in dieses Entscheidungsdilemma. Sie müssen ehrlich sein und dürfen sich nicht um eine Antwort drücken, wenn sie von Patienten um Rat gebeten werden. Dann muss man einem Krebspatienten auch mal sagen, dass ihm die Chemotherapie mehr schadet, als nutzt.

Würde dem Arzt die Entscheidung nicht leichter fallen, wenn alle Menschen eine Patientenverfügung hätten?

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Natürlich. Ich halte sie sogar für zwingend. Wenn der Arzt von vornherein weiß, dass jemand lebenserhaltende Maßnahmen ablehnt, dann kommt er erst gar nicht für die Triagierung infrage. Andererseits ist jetzt vielleicht ein guter Zeitpunkt, noch mal seine Patientenverfügung zu prüfen. Meine Erfahrung ist, dass sich der Wille im Laufe einer Erkrankung häufig ändert. Dann besteht die Möglichkeit, seine schriftlich fixierte Verfügung zu aktualisieren.

Das Gespräch führe Steffen Klameth.

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