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Wie laut darf ein Motorrad sein?

Yahama-Händler Tommy Gärtner über strengere Dezibel-Grenzwerte, heikle Ausreden bei Polizeikontrollen und Tuning ohne Lärmfaktor.

Motorradhaus-Juniorchef Tommy Gärtner mit einer Yamaha MT-10: Für einen Nachrüstauspuff wie diesen zahlen Kunden knapp tausend Euro.
Motorradhaus-Juniorchef Tommy Gärtner mit einer Yamaha MT-10: Für einen Nachrüstauspuff wie diesen zahlen Kunden knapp tausend Euro. © Ronald Bonß

Die Bundesratsinitiative zur Eindämmung von Motorradlärm sorgt weiter für heftigen Widerstand. Im Fokus steht dabei vor allem die Aussicht auf Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen. Am Sonntag vor acht Tagen trafen sich mehr als 16.000 Biker in Leipzig, um gegen die Pläne zu demonstrieren. Für den 26. Juli ist bereits die nächste Demo in Dresden angekündigt. Sächsische.de sprach mit Tommy Gärtner vom gleichnamigen Yamaha-Vertragshändler in Dohna über die Situation der Kunden, Händler und Hersteller.

Herr Gärtner, wie läuft das Geschäft?

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Motorrad fahren hat ja was mit Freiheit zu tun. Seit Ende des Corona-Lockdowns haben viele Leute Lust aufs Motorrad. Mit dem Boom im Fahrradsektor ist es nicht zu vergleichen, aber wir haben gut zu tun. Positiv wirkt sich auch die neue Führerscheinregelung B196 aus. Die sieht vor, dass man vier Unterrichtseinheiten Theorie und fünf Praxiseinheiten machen und dann ohne Prüfung Achtelliter-Maschinen fahren kann. Das ist für viele attraktiv.

Muss ein Motorrad laut sein, damit es Spaß macht?

So weit würde ich mich nicht aus dem Fenster lehnen. Man kann Motorradfahren auch genießen, wenn es leise ist. Aufgrund der europäischen Richtlinien zu Geräuschemissionen stehen ja nun seit einigen Jahren auch die Hersteller unter Druck, die Geräuschpegel ihrer Modelle zu senken.

Knattern muss es aber doch?

Viele meinen, dass neuen Motorrädern ein tiefer Sound fehlt. Dieses Problem lässt sich aber über einen Zubehörauspuff lösen. Der bietet einen schöneren Klang als die werksseitig verbaute Anlage. Lauter darf er trotzdem nicht werden, es muss ja immer noch für die Typzulassung passen. Letztlich kommt es beim Auspuffgeräusch vor allem darauf an, wie man fährt. Gleitet man innerorts im vierten Gang dahin? Oder reißt man im zweiten Gang die Maschine auf? Vom Bewusstsein des Fahrers hängt viel ab. Schwarze Schafe gibt es überall.

Bürgerinitiativen gegen Motorradlärm klagen eher über eine „Herde schwarzer Schafe“. Daran hätten auch die Hersteller ihren Anteil, wenn sie sogenannte Klappenauspuffanlagen montieren.

Mittlerweile sind Motorräder in allen Bereichen leiser geworden. Es muss ja nicht mehr nur ein Grenzwert beim Standgeräusch eingehalten werden, sondern auch bei einer definierten Drehzahl. Wir sind für die 2021 in Kraft tretende Euro-5-Norm bauartbedingt bei einem durchschnittlichen Schallpegel von ca. 80 bis 86 dB(A) angekommen. Egal welchen Auspuff sich ein Biker an sein Motorrad schraubt, die Vorgaben der Typzulassung muss er einhalten. Aber natürlich gibt es ältere Maschinen, die lauter sind und Bestandsschutz genießen.

Auf beliebten Bikerrouten in Tirol sind seit Juni Motorräder mit einem Standgeräusch von über 95 dB(A) verboten. Die Webseite motorradonline.de listet Modelle auf, die diese Grenze überschreiten. Besonders häufig vertreten: die Marken Ducati, Harley-Davidson, MV Augusta und Triumph.

Das dürften aber keine aktuellen Modelle sein, sondern solche, die schon ein paar Jahre auf dem Markt sind. Laut dieser Liste wäre auch die in Deutschland häufig verkaufte 2015er BMW R1200 GS mit 94 dB(A) fast vom Verbot betroffen gewesen. Das Modell hatte damals die Euro-3-Norm, jetzt sind wir bei Euro 5. Ich bin sicher, dass die neueren Maschinen deutlich leiser sind.

Wie sieht es bei Yamaha aus?

Yamaha bietet keine Motorräder mit Klappenauspuff an. Die Japaner sind bei dem Thema eher defensiv und um ihr Image bemüht.

Werden Klappenauspuffanlagen mit Einführung der Euro-5-Norm verschwinden?

Bei Euro 5 geht es in erster Linie nicht um Dezibelwerte, sondern um den Schadstoffausstoß, also um Katalysatoren. Aufgrund der Bauart dämpfen diese neueren Abgasreinigungssysteme auch die Lautstärke. Sollten andere Hersteller einen Weg finden, einen Klappenauspuff so zu konstruieren, dass alle Schadstoffgrenzwerte eingehalten werden, könnten sie womöglich auch weiter solche Anlagen verbauen.

Welchen Klang wünscht sich Ihre Kundschaft?

Das ist ganz unterschiedlich. Der eine fährt mit dem Serienauspuff und legt überhaupt keinen Wert auf die Geräuschkulisse. Ein anderer will einen schönen Sound und kauft sich eine Nachrüstanlage. Aber ohne ABE (Allgemeine Betriebserlaubnis, Anm. d. Red.) fährt heute niemand mehr rum. Denn wer erwischt wird, ist schnell um die 200 Euro los, und dessen Motorrad wird beschlagnahmt. Durch Gebühren und diverse andere Kosten kann diese Summe noch deutlich steigen.

Was sagen Sie einem potenziellen Kunden, der es möglichst laut haben will?

Den müssen wir enttäuschen. Egal ob Serien- oder Zubehörauspuff – da steckt immer ein dB-Eater drin.

Gibt es Modelle, bei denen man diese Schalldämpfer entfernen und wieder einstecken kann?

Das ist nicht mehr zulässig. Mit Einführung der Euro-4-Norm Anfang 2016 ist solchen Manipulationen ein Riegel vorgeschoben worden. Die dB-Eater werden fest vernietet, verschweißt oder mit Spezialschrauben befestigt. Bei Euro 3 war der dB-Eater tatsächlich häufig eingesteckt oder nur mit einer Inbusschraube befestigt. Den konnte man je nach Bauart mit einer Spezialzange herausholen oder mittels Inbusschlüssel lösen. Das sollte man aber tunlichst lassen. Wer den dB-Eater entfernt und ihn während der Fahrt einsteckt, dem unterstellt die Polizei bei einer Kontrolle Vorsatz und verdoppelt das Bußgeld. Das Ding zuhause lassen ist natürlich auch keine Alternative. Dann können die Beamten die Maschine vor Ort stilllegen.

Teilen Sie den Eindruck, dass zum Saisonbeginn verstärkt kontrolliert wird und der Verfolgungsdruck dann spürbar nachlässt?

Das kann ich nicht beurteilen. Was ich weiß, ist, dass an typischen Treffpunkten geschulte Polizisten unterwegs sind. Kontrolliert werden übrigens nicht nur Motorräder, sondern auch 50-Kubikzentimeter-Roller, die vor allem von Jugendlichen gefahren und gern manipuliert werden. Hier hat Sachsen aufgerüstet, bei Verdacht wird die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf mobilen Rollenprüfstanden gecheckt. Zudem hat die Polizei Schallpegel-Messgeräte an Bord, um in Verdachtsfällen vor Ort messen zu können.

Abgesehen von demontierten dB-Eatern: Gibt es noch andere Manipulationsmethoden?

Ja, bei Zubehöranlagen für Euro-4- und Euro-3-Motorräder. Was dort genau getrickst wird, möchte ich aber nicht verraten – wir wollen niemanden animieren. Fakt ist, dass die Polizei auch dieses Thema kennt. Bei der ersten Kontrolle kann man es noch mit der Ausrede versuchen, man habe schon einen Werkstatttermin vereinbart. Im Zweifelsfall kriegt man aber trotzdem einen Mängelschein ausgestellt.

Wenn nicht im öffentlichen Straßenverkehr – wo kann ein Motorradfahrer mit lautem Auspuff dann fahren?

Man kann mit zu lauter Auspuffanlage heute nirgendwo bedenkenlos fahren. Selbst Rennstrecken sind dazu übergegangen, Motorradtrainings nur noch für Maschinen mit Original- oder zugelassenem Zubehörauspuff durchzuführen. Wenn wir auf dem Dekra-Gelände am Lausitzring Fahrsicherheitstrainings machen, dürfen unsere Kunden dort nur mit gültiger Prüfnorm – also unter Einhaltung der Geräuschgrenzwerte – fahren. Auch mit einem zu lautem Slip-on-Sportauspuff zu fahren, ist nicht mehr erlaubt.

Was heißt Slip-on?

Das bedeutet, dass es sich nicht um eine Komplettanlage handelt. Der normale Auspuffkrümmer bleibt erhalten, nur ein anderer Endtopf wird aufgesteckt.

Wie also frönen Ihre Kunden der Leidenschaft fürs Motorradtuning auf legale Weise?

In den vergangenen zehn Jahren ist das Design viel stärker in den Vordergrund gerückt. Schicke Blinker, LED-Technik, lackierte Felgen, ergonomische Lenker, Kennzeichenhalterungen, Kurzheck-Umbauten – darum geht es heutzutage.

Das Gespräch führte Andreas Rentsch.

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  • Hunderte Biker wollen am 26. Juli erneut gegen das drohende Motorradverbot an Sonn- und Feiertagen protestieren – diesmal in Form einer rollenden Demonstration von 11 bis 12 Uhr durch die Dresdner Innenstadt.
  • Die von der Polizei begleitete Tour wird vom Festgelände im Ostragehege übers Terrassenufer, Blaues Wunder, Bautzner Straße, Waldschlößchenbrücke, Fetscherstraße und Wilsdruffer Straße zurück ins Ostragehege führen.
  • Markenübergreifend aufgerufen hat zur Aktion ein breites Bündnis, dem u.a. Vertreter der Handwerkerinnung Dresden und Elbland, das Harley-Davidson Chapter Dresden, der Sachsenbike e.V., die Biker Union, Regionalvertretung Sachsen und weitere Motorrad-Clubs der Region angehören. Im Anschluss geben Betroffene und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Tourismus im Open-Air Gelände „Rinne Dresden“ ein Statement ab.
  • Alle Teilnehmer werden gebeten, sich bitte rechtzeitig ab 10 Uhr zur Aufstellung auf dem Messering im Ostragehege einzufinden. (rnw)

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