merken
PLUS

Wie nah stand Martin A. der Gruppe Freital?

Er beschmierte Tunnel, Verteilerkästen und das Rathaus mit Hassparolen. Als Nazi will er aber nicht gesehen werden.

Ihm drohen mehr als zwei Jahre Haft. Am Mittwoch stand Martin A. vor dem Amtsgericht in Dippoldiswalde.
Ihm drohen mehr als zwei Jahre Haft. Am Mittwoch stand Martin A. vor dem Amtsgericht in Dippoldiswalde. © Egbert Kamprath

Den Mietern des Hauses an der Dresdner Straße 190 ist die Nacht zum 21. September 2015 noch gut in Erinnerung. Damals hatte es im Erdgeschoss einen lauten Knall gegeben. Einen Sprengstoffanschlag der Gruppe Freital hatte die Fensterscheibe des Abgeordnetenbüros der Linken bersten lassen. Verletzt wurde damals zum Glück niemand.

„Seitdem waren wir besonders sensibel, was laute Geräusche in und um das Haus betrifft“, sagt die Mieterin, die die Wohnung direkt über dem Büro bewohnt, am Mittwoch vor dem Amtsgericht in Dippoldiswalde. Deshalb war sie am Abend des 4. Februar 2016 auch sofort zum Fenster gegangen, als sie vor dem Haus ein lautes Rumpeln hörte. Von dort aus konnte sie beobachten, wie zwei Männer Wahlplakate der Linken ausluden und vor den Eingang zum Büro warfen.

Sündenfrei Mittelalterveranstaltungen
Gut gerüstet für Ihre Sommerfeste?
Gut gerüstet für Ihre Sommerfeste?

Ob Ritterturniere, Stadtfeste, Firmenevents oder Weihnachts- und Mittelaltermärkte - die Agentur Sündenfrei ist der richtige Partner!

Auch der Mieter über ihr war durch den Krach alarmiert worden. Er lebte, so erklärt er dem Gericht, nach dem Sprengstoffanschlag auf das Linken-Büro mit dem beklemmenden Gefühl, dass ständig wieder etwas passieren könnte. Und so hatte auch er am 4. Februar sofort nachgesehen, als er Lärm vor dem Haus hörte und ebenfalls die beiden Männer beim Entladen der Plakate bemerkt. Die Werbeträger waren zuvor offensichtlich gestohlen worden, und zwar aus politischen Gründen.

Einer der beiden Plakat-Diebe soll der 31-jährige Martin A. gewesen sein. Der ehemalige Paket-Fahrer wohnte damals in Freital und soll an jenem Februar-Tag zuerst die Aushänge der Linken im gesamten Freitaler Stadtgebiet abgenommen und zerstört haben, bevor er sie schließlich an der Dresdner Straße 190 ablud.

Das ist aber bei Weitem nicht die einzige Straftat, die dem Deutschen zur Last gelegt wird. So soll er nur zwei Tage später mit schwarzer Farbe die Worte „Kein Heim“, „No Asyl“, „Scheiß Zecken“, „Hass“ und auch ein SS-Zeichen an die Bahnunterführung an der Carl-Thieme-Straße in Freital gesprüht haben. Im Monat darauf hatte er sich an der Hüttenstraße und der Bahnhofstraße erneut betätigt und dort an Wänden, Werbetafeln und Verteilerkästen Parolen wie „No Asyl“ und „Scheiß Antifa“ hinterlassen.

Die Rathäuser in den Freitaler Stadtteilen Potschappel und Deuben blieben ebenfalls nicht verschont. Die soll der Angeklagte mit Farbe beschmiert haben. Im Blumenkasten des Potschappler Rathauses deponierte er später ein Holzkreuz mit der Aufschrift „BRD=Volkstod“, ein weiteres mit der Aufschrift „Deutsches Volk“ stellte er an der geplanten Asylunterkunft an der Dresdner Straße 288 auf.

Und auch der ehemalige Linken-Stadtrat Michael Richter geriet ins Visier des Angeklagten. An die Tür des Büros in der Dresdner Straße 190 klebte er mehrere Zettel mit der Aufschrift „Richter, du Arschloch“ und „Richter, wir kriegen dich“. Am Wohnhaus des Politikers hinterließen die Männer noch ein Papier, auf dem „Richter, wir wissen, wo du wohnst“ nebst einem Hakenkreuz zu lesen war. So zumindest die Recherchen der Anklage.

Motiv: Frust über die Asylpolitik

Dem Opfer hatten die Anschläge auf seinen Wagen und sein Abgeordnetenbüro durch Mitglieder der Gruppe Freital ein Jahr zuvor sehr zugesetzt. Entsprechend groß sei die psychische Belastung gewesen, sagt Richter in Dippoldiswalde. Deshalb habe er die Zettel als sehr beleidigend und auch als bedrohlich empfunden.

„Das Hakenkreuz aber war für mich das Schlimmste“, erklärt der Diplom-Sozialpädagoge, der Freital nicht zuletzt wegen der aggressiven Stimmungsmache inzwischen verlassen hat.

Im Gerichtssaal entschuldigt sich Martin A. „Das ging nicht gegen Sie persönlich, sondern nur gegen Ihre Politik“, sagt er an den Politiker gewandt und versichert, ihn nie bedroht haben zu wollen. Auch die anderen, ihm zur Last gelegten Vorwürfe räumt A. ein. Als Motiv gibt er Frust über die damalige Asylpolitik an. Dazu kam, dass er sich nach der Trennung von seiner Frau in einer persönlichen Krise befunden hätte. Alle Taten, so erklärt er, habe er spontan begangen. „Heute weiß ich, dass das der falsche Weg war“, gibt er sich reumütig. Eine Verbindung zur Gruppe Freital, die 2015 insgesamt fünf Sprengstoffanschläge auf Asylunterkünfte und politische Gegner in Freital und Dresden verübt hatte, weist er von sich. Auch als Nazi will er nicht wahrgenommen werden.

Weiterführende Artikel

Urteile gegen "Gruppe Freital" rechtskräftig

Urteile gegen "Gruppe Freital" rechtskräftig

Sechs der acht Mitglieder der rechtsterroristischen Gruppe hatten Revision eingelegt. Doch die verwarf der Bundesgerichtshof.

Mit seinen Taten habe er lediglich provozieren wollen, sagt Martin A. Wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Sachbeschädigung, Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole sowie Beleidigung könnte dem bisher nicht vorbestraften Mann eine Freiheitsstrafe von über zwei Jahren drohen. Ein Urteil wird am Freitag erwartet.

Sie wollen noch besser informiert sein? Schauen Sie doch mal auf www.sächsische.de/freital vorbei.

Für Informationen zwischendurch aufs Handy können Sie sich unter www.szlink.de/whatsapp-regio anmelden.