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Wie oft fahren Sie noch Rad, Jens Voigt?

Die Rad-Legende spricht im SZ-Interview über die Deutschland-Tour, die große Familie und Diamant-Fahrräder.

Jens Voigt hat mit seiner Frau sechs Kinder. Ein künftiger Radprofi sei aber nicht darunter.
Jens Voigt hat mit seiner Frau sechs Kinder. Ein künftiger Radprofi sei aber nicht darunter. © dpa/Sören Stache

Auftaktgewinner Pascal Ackermann musste früh kapitulieren und gab sein Rotes Führungstrikot ab. Tour-de-France-Entdeckung Emanuel Buchmann schuftete zwar unablässig für seinen schnellen Mannschaftsgefährten, aber der Mann des Tages auf der zweiten Etappe der Deutschland-Tour hieß Alexander Kristoff. Nach einem abwechslungsreichen Teilstück siegte der Norweger in Göttingen, setzte sich dadurch an die Spitze des Klassements und fährt somit auch auf den Spuren von Jens Voigt, der diese Rundfahrt als einziger Deutscher zweimal gewinnen konnte.

Herr Voigt, welche besonderen Erinnerungen haben Sie noch an die Deutschland-Tour?

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Es ist das Gesamterlebnis. Es war ja auch damals unsere größte deutsche Rundfahrt. Man war auch stolz, sich bei so einem großen Radevent dem deutschen Publikum zu präsentieren. Der erste Sieg 2006 war besonders. Ich war im Gelben Trikot, als es den Arlbergpass hochging. Ich war kein großer Bergfahrer und hatte das Gelbe eigentlich schon verloren. Ich wusste aber, oben kommt ein kleiner Tunnel, und danach wird es flacher. Und das lag mir, die etwas flacheren Berge, die ich mit Kraft fahren konnte. Also habe ich oben den größten Gang aufgelegt und die ersten Drei eingeholt. Die waren so überrascht, dass sie gar nicht groß reagiert haben und ich die Etappe noch gewonnen habe. Das war eine große Willensleistung.

Und für wie wichtig halten Sie die widerbelebte Deutschland-Tour für den deutschen Radsport?

Die Deutschland-Tour ist das Flaggschiff des deutschen Radsports. Mit der Wiedergeburt sehe ich, dass der Radsport auf dem richtigen Weg ist, zurück zu alter Popularität zu finden. Ich weiß, gerade die ausländischen Mannschaften kommen gern nach Deutschland, weil hier gute Straßen sind, die Sicherheit ist 1A gewährleistet. Typisch deutsch eben, dass alles gut organisiert ist.

Welches Potenzial steckt in dieser Tour?

2018 waren alle zufrieden mit den Ergebnissen, Zuschauern, Fernsehquoten, und damit steht dem Wachsen der Tour nichts im Weg. Mit den Organisatoren der Tour der France und der Katalonien-Rundfahrt hat die Deutschland-Tour zwei finanzstarke Partner. Ich denke, dass die es auch gern sehen würden, dass es nicht bei vier Tagen bleibt, sondern die Rundfahrt eine Woche geht, zum Beispiel mit Start in Hamburg, dann über Hannover, Düsseldorf, Hessen und Ziel in Dresden oder Berlin.

Dresden war ja 2003 Tour-Start. Können Sie sich daran noch erinnern?

Ja, in der Nacht zuvor starb der Franzose Fabrice Salanson im Hotelzimmer. Das hat einen Riesenschatten über die Rundfahrt geworfen. Die Mannschaft hat schon überlegt, was sie tun soll, ob aussteigen oder nicht. Für uns Fahrer ist so etwas immer tragisch. Ich habe ja 2011 mit Wouter Weyland auch einen Mannschaftskollegen verloren durch einen tödlichen Unfall beim Giro. Es ist schon ein gefährlicher Sport. Aber das gibt es immer mal wieder, dass junge Sportler plötzlich im Schlaf sterben.

Jetzt sind Sie auch wieder mit dabei. In welcher Funktion?

Ich begleite die Kinder-Sport-Mini-Tour im Zielbereich. Da haben wir viele Stationen, eine Buckelstrecke, einen Lernparcours und Simulationen, die den Kindern helfen, ihre Fähigkeiten zu verbessern. Am Ende bekommen sie einen kleinen Fahrradführerschein. Es ist wichtig, möglichst viele Kinder aufs Rad zu bekommen. Die fahren später zur Schule, dann als Studenten zur Universität, und dann radeln sie zur Arbeit. Jedes Rad mehr ist ein Auto weniger.

 Jens Voigt im Jahr 2014
 Jens Voigt im Jahr 2014 © dpa

Fährt denn eines Ihrer sechs Kinder professionell Rad?

Mein zweiter Sohn Julian ist von elf bis 16 gefahren. Aber das ganze Wochenende auf dem Rad, die langen Fahrten zu den Wettkämpfen, darauf hatte er dann keine Lust mehr. Es fahren bei uns in der Familie alle gern Rad – zur Schule, zum Eisladen. Aber ich glaube nicht, dass aus meiner Familie ein künftiger Radprofi heranwächst.

Wie viel fahren Sie noch Rad?

Viel zu wenig. Aber ich brauche es ja auch nicht mehr. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich jetzt für das US-amerikanische Radunternehmen Trek als Markenbotschafter arbeite. Trek hat ja nach der Wende Diamant aufgekauft, die älteste Radfirma Europas. Das war mein erstes Rad. Jetzt fahren alle meine Kinder Diamant-Räder. Meine Frau fährt ein E-Bike von der Marke und ist auch total glücklich damit.

Wo steht der deutsche Radsport? Ist mal wieder ein potenzieller Tour-de-France-Sieger dabei?

Es ist eine reine Freude zu sehen, wie die jungen Fahrer das Zepter übernehmen. Wir haben sehr gute Talente. Fürs Klassement bin ich aber nicht so optimistisch. Unser Nachwuchs- und Jugendsystem ist nicht dafür ausgelegt, Talente fürs Klassement oder Bergfahrer auszusieben. Die Jugendrennen sind meistens flache, schnelle Kurse, die von großen, kräftigen Jungs gewonnen werden, die sich schon mit 15 rasieren müssen. So ein kleiner Bergfahrer, der mit 15 noch aussieht wie mit 13, wird immer Vorletzter, weil er auf einer flachen Strecke in irgendeinem Industriegebiet nicht gewinnen kann. Die potenziellen Bergfahrer oder Tour-de-France-Podestanwärter hören leider zu früh auf, weil sie zu viele frustrierende Erlebnisse in der Jugend hatten.

Können Sie den überraschenden Rücktritt von Marcel Kittel nachvollziehen?

Ja und nein. Gerade als Sprinter, wenn man ein paar Mal nicht gewinnt, ist die Moral schnell am Boden. Es ist ein harter Sport. Man reist viel rum, ist getrennt von der Familie, muss sich gesund ernähren. Rad ist eine Fleißsportart. Wer mehr macht, ist besser. Und wer nicht genug macht, gewinnt einfach nicht mehr. Das Gute für Marcel ist, er hat einige Jahre sehr gutes Geld verdient. Er muss nicht morgen gleich wieder arbeiten. Da fällt der Schritt leichter. Ich habe niemals Millionen verdient wie er. Ich musste einfach arbeiten, um die Kinder zu ernähren. Die Frage stellte sich mir gar nicht. Was ich ihm wünsche, ist, dass er nicht in fünf Jahren sagt: Verdammt, hätte ich noch mal.

Gibt es eine Entscheidung, die Sie bereuen?

Ich würde tatsächlich zu 95 bis 98 Prozent wieder das Gleiche machen. Ich würde wahrscheinlich früher in meiner Karriere ein bisschen selbstbewusster sein. Ich habe nicht immer an mich geglaubt, und bin deshalb die Rennen taktisch und strategisch anders angegangen. Für das Talent, was mir gegeben wurde, hatte ich eine gute Karriere. Ich musste mich immer so durchwurschteln im Mittelgebirge, wenn die Großen mal nicht wollten oder konnten. Privat würde ich früher heiraten, nicht erst nach drei Kindern. Ich hätte viel früher sagen sollen, wir machen Nägel mit Köpfen, und ich hätte meine Frau fragen sollen: Willst du mich heiraten – hier, jetzt, sofort?!

Welchen Traum würden Sie sich gern noch erfüllen wollen?

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TV-Tipp: Sa., ca. 16.20 Uhr, ARD. So., 14.03 Uhr, ZDF.

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