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Betrüger wollen an Omas Erspartes

Eine 84-jährige Meißnerin will 25.000 Euro abheben. Doch als die Bankmitarbeiterin den Grund erfährt, wird sie hellhörig.

Ihr ganzes Erspartes wollte eine 84-jährige Meißnerin abheben.
Ihr ganzes Erspartes wollte eine 84-jährige Meißnerin abheben. © Patrick Seeger/dpa

Meißen/Dresden/Berlin. Nein, einen Anruf hat die 84 Jahre alte Meißnerin an jenem Mittwochabend im November vorigen Jahres nicht erwartet, gleich gar nicht um diese Zeit, um 21 Uhr. Noch überraschter ist sie darüber, wer am anderen Ende der Leitung ist: die Polizei. Der Anrufer warnt sie. Ihr Geld sei auf der Bank nicht sicher, rumänische Banden würden die Konten plündern. Sie solle ihr Geld abheben und zu Hause aufbewahren.

Am nächsten Tag eilt die Seniorin aufgeregt zur Sparkasse in Meißen, will 25.000 Euro,  ihr ganzes Erspartes, abheben. Wieder zu Hause klingelt erneut das Telefon. Wieder ist die Polizei dran. Was sie abgehoben habe, sei teilweise Falschgeld. Ein Kollege werde vorbeikommen, das Geld prüfen und in Verwahrung nehmen, sagt er. Kurz darauf kommt wieder ein Mann, nennt seine Dienstnummer und ein Codewort. Beides hatte der Anrufer zuvor der Frau mitgeteilt. Sie schiebt den Umschlag  mit dem Geld durch den Briefkastenschlitz.

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Als der Polizist das Haus verlässt, machen sich zwei Männer im Hausflur an den Briefkästen zu schaffen. Dann verfolgen sie ihn bis zu einem Auto um die Ecke, in dem ein weiterer Mann wartet. Beide werden festgenommen. Und zwar von richtigen Polizisten, von einem Sondereinsatzkommando. Denn der Geldbote und sein Fahrer waren keine Polizisten, sondern Betrüger. Die Bankmitarbeiterin hatte nämlich den Braten gerochen, die Polizei gerufen. Die alte Frau kooperierte mit der Polizei, spielte gegenüber den Betrügern die Ahnungslose. So liefen diese in die Falle.

Täter hat Spiel- und Drogenschulden

Am Donnerstag nun saßen die beiden 28 und 49 Jahre alten Männer aus Berlin vor dem Schöffengericht des Amtsgerichts Dresden. Der Jüngere der beiden ist seit der Festnahme in Untersuchungshaft. Auch gegen den anderen wurde zunächst Haftbefehl erlassen, dieser jedoch außer Vollzug gesetzt.

Der 28-jährige P.  ist der Sohn von der Lebensgefährtin des 49 Jahre alten Mittäters B.  Einem Bekannten habe er, der spielsüchtig, drogenabhängig und arbeitslos ist, von seiner finanziellen Misere erzählt. Nachdem er längere Zeit obdachlos war und mal hier und mal da wohnte, lebt er jetzt mit seiner Freundin zusammen, mit der er ein Kind hat. Sein 175-Euro-Job reiche hinten und vorne nicht, zumal er Spiel- und Drogenschulden habe. Er könne ihm da helfen, sagt sein Bekannter, dessen Namen er nicht nennen will.

Zwei, drei Tage später bekommt er einen Anruf von einem ihm unbekannten Mann.  Er solle aus Meißen etwas abholen, einen Briefumschlag mit 25.000 Euro. Davon bekäme er zehn Prozent. Weil er weder Auto noch Führerschein besitze, habe er seinen Stiefvater gefragt,  ob der ihn fahren könne. Ihm habe er erzählt, dass er sich in Meißen ein Auto für einen Bekannten ansehen wolle. Von dem Geld habe B. nichts gewusst. B. selbst, der psychisch krank ist, äußert sich nicht. "Er kann nichts sagen, weil er nichts weiß", behauptet sein Anwalt.  

Laufburschen bekommen kleinsten Anteil

Dieser sogenannte Callcenter-Betrug ist ein Phänomen, das es seit einigen Jahren in Deutschland gibt, sagt ein Kriminalist. Die Strafverfolgung sei schwierig, weil die Drahtzieher und Hintermänner im Ausland, meist in der Türkei, säßen. Es seien Türken, die entweder in Deutschland geboren wurden oder hier lange gelebt hätten. Deshalb sprächen sie fließend und akzentfrei Deutsch. Oft seien sie in die Türkei zurückgekehrt, weil sie hier strafrechtlich verfolgt würden. Die Telefonate würden von der Türkei aus geführt, in Deutschland gibt es aber Kontaktpersonen, denen sie vertrauen. Diese organisieren dann die Geldabholung, kümmern sich um die "Laufburschen", zu denen die beiden Angeklagten gehören. Diese hätten das höchste Entdeckungsrisiko und bekämen den geringsten Anteil an der Beute. Dennoch: Ohne sie würde das Geschäft gar nicht funktionieren.  

Opfer seien bevorzugt alte, alleinstehende Senioren. Die Anrufer würden Angstszenarien schaffen, damit die Opfer so reagierten, wie sie es wollten. Dass viele auf die Betrüger hereinfielen, sei nicht etwa auf geringe Bildung zurückzuführen. "Auch Professoren gehörten schon zu Opfern", so der Kriminalist. Die Folgen seien nicht nur finanzieller, sondern vor allem psychischer Natur. "Manche  Opfer schämen sich, erzählen niemandem etwas, gehen nicht zur Polizei. Viele werden depressiv, es gab auch schon Selbstmorde", so der Zeuge. 

"Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, dass ich einer 84-Jährigen ihr gesamtes mühsam Erspartes wegnehmen sollte. Im Gefängnis hatte ich vier Monate Zeit, darüber nachzudenken", sagt R. und gibt sich reuig.  Er wird noch mehr Zeit zum Nachdenken haben. Denn das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Arndt Fiedler verurteilt ihn wegen gemeinschaftlichen, versuchten Bandendiebstahls  zu einer Haftstrafe von zwei Jahren ohne Bewährung, geht dabei noch vier Monate über den Antrag von Staatsanwältin Petra Frohberg hinaus.

Gericht glaubt Mittäter nicht

Dass Mittäter B. von alledem nichts wusste, glauben weder Gericht noch Staatsanwältin. B. muss für ein Jahr und acht Monate ins Gefängnis, außerdem wird ihm die Fahrerlaubnis entzogen und der Führerschein eingezogen. Frühestens in zehn Monaten darf ihm die Fahrerlaubnisbehörde eine neue Fahrerlaubnis erteilen. Der Mercedes als Tatwerkzeug wird entschädigungslos eingezogen. Verteidiger Ulf Castelle hatte hingegen auf Freispruch plädiert, die Staatsanwältin auf ein Jahr und drei Monate Haft, ebenfalls ohne Bewährung.

Die beiden hätten sich ein besonders schutzwürdiges Opfer ausgesucht und durch ihre Tat auch das Vertrauen und Ansehen der Polizei erschüttert, so der Vorsitzende Richter. Zwar rechnete er R. sein Geständnis an, er habe aber wegen der Observationsmaßnahmen der Polizei gar keine andere Möglichkeit gehabt, sei auf frischer Tat ertappt worden. Dass B. nichts wusste, nimmt ihm das Gericht nicht ab.  Solch große Aufwendungen und so eine lange Fahrt zu machen, nur um sich ein Auto anzusehen, sei nicht glaubhaft. Derartige "Laufburschen" wie die beiden Angeklagten würden so lange eingesetzt, bis sie aufflögen. Aufgrund ihrer katastrophalen finanziellen Situation seien sie anfällig für weitere Straftaten. "Zur Verteidigung der Rechtsordnung ist bei derartigen Tätern Haft unabdingbar. Die Bevölkerung würde es nicht verstehen, wenn solche Täter mit Bewährung davonkämen", so der Richter. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

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