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Zittau

"Niederoderwitz ist leider überall"

Wegschauen, mitmachen, schweigen: Wie Pflege-Skandale erst möglich werden können, weiß Claus Fussek, Deutschlands bekanntester Pflegekritiker.

Nur ein "bedauerlicher Einzelfall"? Für vier von fast 1.000 Pflegeheimen in Sachsen hat die Heimaufsicht gegenwärtig einen Aufnahmestopp verfügt, darunter für ein Heim in Niederoderwitz.
Nur ein "bedauerlicher Einzelfall"? Für vier von fast 1.000 Pflegeheimen in Sachsen hat die Heimaufsicht gegenwärtig einen Aufnahmestopp verfügt, darunter für ein Heim in Niederoderwitz. © Symbolbild: Brühl

"Endlich kriegen wir schlechte Presse!" Diesen Satz sagt ein Mitarbeiter des Pflegeheims in Niederoderwitz, als würde ihm ein Stein vom Herzen fallen. Umfangreiche SZ-Recherchen hatten zuvor ans Licht gebracht, dass es in der Einrichtung schon seit Jahren zu wenig Fachpersonal gibt, dass die Arbeit für die, die da sind, nicht zu schaffen ist, dass sich fachliche Fehler gehäuft haben und es eklatante Missstände bei der Pflege und Betreuung der Bewohner gegeben hat. Dass die Aufsichtsbehörden das jahrelang gewusst haben. Dass der MDK dem Heim stets die Pflegenote 1,0 erteilt hat. Dass die Heimaufsicht erst jetzt, nach einer Zuspitzung der Situation einen Aufnahmestopp verfügt hat. Wie kann so etwas möglich sein? Wir haben Deutschlands bekanntesten Pflegekritiker, den Münchner Sozialarbeiter und Buchautor Claus Fussek (66), gefragt, selbst seit vielen Jahren pflegender Angehöriger. 

Herr Fussek, Sie decken seit vielen Jahren deutschlandweit unzulängliche oder gar kriminelle Pflegesituationen auf. Kommen Ihnen die Schilderungen aus dem Heim in Niederoderwitz bekannt vor?

Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.
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Leider ja. Sie kommen mir sogar sehr vertraut und bekannt vor. Es ist tatsächlich so: Niederoderwitz ist leider überall. Seit vielen Jahren erhalte ich beinahe täglich Hilferufe - E-Mails, Briefe, Anrufe - von verzweifelten Pflegekräften und ohnmächtigen Angehörigen aus ganz Deutschland. Und wenn, wie in Ihrem Artikel, solche Missstände einmal öffentlich werden, dann reagieren Heimträger, Politiker und Pflegefunktionäre in der Regel reflexartig mit "nur ein bedauerlicher Einzelfall".

Aber wie ist es möglich, dass Missstände in der Pflege über Jahre hinweg andauern und gedeckelt werden können?

In diesen Heimen funktioniert das Frühwarnsystem nicht. Ich bin immer wieder fassungslos, dass so viele Menschen über einen so langen Zeitraum Bescheid wissen, wegschauen, mitmachen und schweigen. Wo sind die Angehörigen, die gesetzlichen Betreuer, Ärzte, Krankenhausmitarbeiter, Besucher? Vor allem haben offensichtlich auch in Ihrem Fall sehr viele Pflegekräfte geschwiegen und mitgemacht. Ich glaube, da ist auch ein Klima der Angst und des Schweigens. Wenn mich Pflegekräfte informieren, dann bitten sie mich so gut wie immer um absolute Anonymität. 

Ihre und unsere "Informanten" brechen ja im Grunde ihre Schweigepflicht. Machen sie sich damit strafbar?

Nein. Strafbar machen sich die, die mittun: der Urkundenfälschung, der Gewalt gegen Schutzbefohlene, der Körperverletzung, der Verletzung der Aufsichtspflicht, der unterlassenen Hilfeleistung, der gefährlichen Pflege und so weiter. Nur: Den Pflegekräften passiert in der Regel nichts - es wissen ja alle Bescheid, machen mit und schweigen. Da zeigt ja keiner den anderen an.

Die Loyalität und Schweigepflicht endet dann, wenn schutzbedürftige Menschen misshandelt oder gequält werden. Warum solidarisieren sich die Pflegekräfte nicht endlich untereinander, zusammen mit den ihnen anvertrauten Menschen und deren Angehörigen? Warum organisieren sich die Pflegekräfte nicht in der Gewerkschaft? Warum dokumentieren sie nicht endlich nur das, was sie tatsächlich leisten können und veröffentlichen ihre Überlastungsanzeigen? Dann hätten wir als Gesellschaft die Probleme endlich Schwarz auf Weiß. 

Im Fall von Niederoderwitz haben das engagierte Mitarbeiter mehrfach getan und  Heimaufsicht und Geschäftsführung von Überlastung und Gefährdung wissen lassen. Geändert hat das aber offenbar nichts. 

Wenn das so ist, dann haben die zuständigen staatlichen Kontrollen und der Medizinische Dienst völlig versagt. Dann müssen hier die Staatsanwaltschaft und das zuständige Sozialministerium tätig werden. Allerdings muss ich auch immer wieder betonen: Für die besonders schutzbedürftigen Menschen in Pflegeheimen sind zunächst die Angehörigen, gesetzlichen Betreuer, Pflegekräfte, Ärzte und die Gemeinde zuständig. Das Grundproblem ist doch eine sehr unbequeme und unangenehme Wahrheit, die niemand ausspricht: Eigentlich müssten Heime mit solchen Problemen geschlossen werden. Wir können sie aber nicht schließen, wenn wir ehrlich sind. Wohin denn dann mit den vielen pflegebedürftigen alten Menschen?

Muss da nicht die Politik reagieren?

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Die Bundespolitik kann da zunächst mal wenig ausrichten. Die Probleme in den Heimen sind hausgemacht. Die Rahmenbedingungen - die Personalschlüssel, Pflegesätze und Sachkosten - werden in den Pflegeselbstverwaltungen gemacht, unter anderem von den Heim- und Kostenträgern, die Gehälter von den Tarifparteien ausgehandelt. Wir haben in Deutschland 16 verschiedene Heimgesetze und Pflegeschlüssel. Und glauben Sie mir, an den Pflegeschlüsseln allein lässt sich das Problem nicht fest machen: Es geht ganz gewiss auch anders: Ich bin mit zahlreichen vorbildlichen Heimleitungen, engagierten, motivierten, selbstbewussten und empathischen Pflegekräften in Kontakt. Sie arbeiten alle unter ähnlichen personellen und finanziellen Rahmenbedingungen und zeigen, dass eine ordentliche, würdevolle Pflege machbar ist. Wir alle, die ganze Gesellschaft, müssen uns diesem Thema stellen. Da sind wir aber schon bei der nächsten unbequemen Wahrheit: Wenn wir wollen, dass sich die Arbeitsbedingungen verbessern und die Löhne steigen, dann müssen wir als Gesellschaft auch bereit sein, diese Mehrkosten zu bezahlen.

Claus Fussek in seinem Büro: Der 66-jährige Münchener ist Sozialarbeiter und Buchautor. Er kritisiert seit Jahren unzulängliche oder gar kriminelle Pflegesituationen in Pflegeheimen. Er hat mehrere Bücher zu diesem Thema veröffentlicht und ist als Experte
Claus Fussek in seinem Büro: Der 66-jährige Münchener ist Sozialarbeiter und Buchautor. Er kritisiert seit Jahren unzulängliche oder gar kriminelle Pflegesituationen in Pflegeheimen. Er hat mehrere Bücher zu diesem Thema veröffentlicht und ist als Experte © Foto: privat

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