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Wie Altenpfleger zu Corona-Helden wurden

Um Bewohner zu schützen, haben auch im Dresdner ASB-Seniorenheim Besucher keinen Zutritt. Mehr denn je kommt es auf das Pflegepersonal an.

Vanessa Schubert moderiert den sogenannten Heimfunk, eine Art hauseigener Rundfunksender, der die Senioren mit Musik unterhält und neueste Informationen liefert.
Vanessa Schubert moderiert den sogenannten Heimfunk, eine Art hauseigener Rundfunksender, der die Senioren mit Musik unterhält und neueste Informationen liefert. © Ronald Bonß

Homeoffice kommt für Vanessa Schubert nicht infrage. In anderen Berufen wird versucht, Menschen voneinander fernzuhalten, um das Coronavirus einzudämmen. Seniorenbetreuer können nicht zu Hause arbeiten. In der Pflege ist Kontakt lebenswichtig - besonders jetzt in der Krise. Würde sie gern tauschen mit denen, die ins Homeoffice umziehen können? Die junge Frau schüttelt energisch mit dem Kopf. „Überhaupt nicht. Ich habe mir den Job ja ausgesucht, weil ich mit Menschen zu tun haben möchte.“

Vanessa Schubert konzentriert sich auf ihren Dienst im ASB-Seniorenheim in Dresden-Gorbitz. Der bestimmt gerade ihr Leben. Sie hat ihr Privatleben nahezu eingefroren, um das Risiko zu senken, sich selbst mit dem Virus anzustecken, vielleicht unbemerkt Überträgerin zu sein. Sogar Besuche bei ihrer eigenen Familie hat sie abgesagt. Gerade sieht sie zu Hause nur ihren Freund.

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Vanessa Schubert wird weiter die Stellung halten, so wie die allermeisten ihrer über 100 Kollegen. Nur ein paar wenige Mitarbeiter aus der Heimverwaltung verabschieden sich gerade mit Laptops unter dem Arm ins Homeoffice. Man sieht der 25-Jährigen den Ernst dieser Tage nicht an, sie ist Expertin für Optimismus. Schubert ist im Seniorenheim auch für die Zerstreuung zuständig.

Gerade sitzt sie in einem Kabuff im Erdgeschoss, vollgestopft mit Büchern, Schallplatten und Technik. Ein Glück, dass es den Heim-Funk gibt. Der ist für die Bewohner jetzt eine noch wichtigere Kontaktbrücke. Ab sofort wird zweimal täglich gesendet. Vanessa Schubert stellt das Programm zusammen, gibt Infos durch, spielt Wunschlieder. Privat mag sie eigentlich keine Schlager, aber mit der Zeit ist sie Expertin geworden, sie weiß inzwischen, was die alten Leutchen mögen. Sie kennt so ziemlich alles, von den Puhdys bis Heintje.

Auf den Gängen im ASB-Seniorenheim in Dresden-Gorbitz ist es jetzt noch viel ruhiger als sonst. Besucher gibt es vorerst nicht mehr.
Auf den Gängen im ASB-Seniorenheim in Dresden-Gorbitz ist es jetzt noch viel ruhiger als sonst. Besucher gibt es vorerst nicht mehr. © Ronald Bonß

Auch das Gorbitzer Seniorenheim ist im Ausnahmezustand. Mehr noch als andere Orte, denn hier lebt eine Risikogruppe: 243 alte Menschen, für die das Coronavirus besonders gefährlich werden könnte. Die älteste Bewohnerin ist 105 Jahre alt, noch immer eine agile Dame, erzählen die Betreuer. Gerade ist es ist nicht möglich, sie zu sehen, keinen der Senioren in den Wohnbereichen - Zutritt streng verboten. Nur das Pflegepersonal darf dort hinein.

„Wir können das Risiko nicht hundertprozentig ausschließen, aber wir minimieren es“, sagt Heimleiterin Kathrin Meißner. „Wenn wir Corona-Infektionen bei uns haben, dann bedeutet es vielleicht im schlimmsten Fall, dass Bewohner daran sterben.“

Das Heim hat sich in eine Insel verwandelt. Die Außenwelt soll möglichst abgeschottet werden. Doch Abschottung bringt neue Sorgen: Was bedeutet Isolation für die Senioren? Wie lange wird das so weitergehen?

Langeweile kannte Heimleiterin Kathrin Meißner auch vor Corona nicht. Doch gerade sind die Tage noch stressiger als sonst. Ständig stürmt jemand mit Fragen auf sie zu, zig Dinge müssen geklärt werden. Es ist Nachmittag, sie hat noch nichts gegessen, beißt nur schnell zwischendurch in ein Brötchen. „Sonst kippe ich noch aus den Latschen“.

Seit 25 Jahren arbeitet sie im Heim. Es gab immer mal Krankheitsausbrüche, Magen-Darm-Infekte zum Beispiel, bei denen das Haus für ein, zwei Wochen abgeriegelt werden musste. Doch Corona ist eine völlig neue Lage. „Sonst hatte man ein schnelles Ende vor Augen“, sagt sie. „Nun gehen wir in eine ungewisse Zeit, das macht es so schwierig.“ Kathrin Meißner ist gerade eine Krisenmanagerin, die versucht, Ruhe zu bewahren.

Dramatische Veränderungen

Dass ein Fotograf und eine Journalistin ins Heim dürfen, ist eine absolute Ausnahme und nur unter Bedingungen möglich: Corona-Risikofragebogen ausfüllen, ständig Hände desinfizieren, zu allen Menschen Sicherheitsabstand halten. Zutritt gibt es nur zu wenigen Bereichen, etwa in einen Konferenzraum, wo sich einige Mitarbeiter versammeln, um aus ihrem Alltag zu berichten.

Auf den Handys ploppen derweil neue Meldungen auf. „Ah, jetzt wurde das Besuchsverbot auch vom Land verordnet. Das macht die Lage für uns klarer“, ruft Geschäftsführer Peter Großpietsch dazwischen. „So können wir das den Angehörigen noch deutlicher kommunizieren.“ Intern haben sie diese Regel für ihr Haus schon vor einigen Tagen verhängt.

Im Rückblick erscheinen die letzten Wochen unwirklich, so dramatisch hat sich die Lage verändert. Anfang März war Corona das erst Mal Thema bei einer Dienstberatung. Mehr Desinfektionsmaßnahmen wurden beschlossen, überall Spender im Haus aufgestellt. Alles, was irgendwie mit Händen in Berührung kommt, wurde noch intensiver gereinigt, von Handläufen bis zu Fahrstuhlknöpfen.

Es ging damals auch darum, dass Schulen und Kitas schließen, was das für die Mitarbeiter bedeutet, wie man Dienstpläne ändert „Das war die Ruhe vor dem Sturm. Da hat man noch gedacht, vielleicht wird es nicht so schlimm“, erzählt Kathrin Meißner. Es wurde schlimmer. Die Zahl der Corona-Infizierten steigt in Deutschland, auch in Sachsen. Die meisten Geschäfte sind inzwischen geschlossen, das öffentliche Leben ist angehalten.

Im Heim wächst die Sorge. Seit einigen Tagen werden keine Besucher mehr ins Haus gelassen. Die Bewohner sollen nicht mehr hinausgehen, auch nicht in den nahen Supermarkt, den viele eigentlich gern für einen Ausflug nutzen. Wer etwas haben möchte, soll nun Bestellungen abgeben. Nur noch die Mieter aus dem betreuten Wohnen, die in einem separaten Bereich untergebracht sind, dürfen noch eine Runde draußen drehen und sollen dabei vorsichtig sein.

Im Heim, das wie ein Dorf funktioniert, ist es still. Der große Speisesaal im Erdgeschoss ist geschlossen. Der Friseursalon daneben ebenfalls. Veranstaltungen wurden abgesagt, das Sonntagskino, die großen Abendrunden, die Rommé-Gruppe. Bewohner sollen sich nur noch in ihrem eigenen Wohnbereich aufhalten, dort gibt es jeweils 27 Einzelzimmer. Gruppen, die zusammensitzen, sollen nicht größer als sechs, sieben Menschen sein.

Wann erlaubt man Ausnahmen?

Rausgehen an die frische Luft ist den Insassen ausdrücklich erlaubt, aber nur im Garten hinter dem Heim. Schwierig wird das Osterfest, normalerweise ein Höhepunkt, aber auch diese Feier ist abgesagt. Wenigstens ein bisschen Frühling soll einziehen. Der Blumenladen um die Ecke hat, bevor er schließen musste, noch Kisten voller Frühblüher geliefert. Daraus werden nun Gestecke für die Zimmer und bunte Rabatten für den Garten.

Es sind immense Einschnitte, mit denen die Senioren vorerst leben müssen. Niemand weiß, wie lange es dauern wird. Die meisten Angehörigen seien verständnisvoll, auch viele Bewohner, erzählen die Mitarbeiter. „Wir haben natürlich auch einige, die beratungsresistent sind,“, sagt Kathrin Meißner. Das Schwierige: Die Gefahr ist noch unsichtbar.

Es gibt zwar Fernsehbilder, Zeitungsnachrichten, überall Aufregung, aber das Virus ist noch nicht im Heim, glücklicherweise. „Sonst konnten wir immer sagen, der Person in diesem und jenem Wohnbereich geht es nicht gut, wir sind gerade vorsichtig. Bei Corona ist es anders. Das alles sind jetzt Vorkehrungen, deren Grund man nicht sieht.“

Manche Bewohner, die dement sind, verstehen die Lage nicht. Andere, die von den Nachrichten überfordert sind, freuen sich, wenn sich Betreuer Zeit nehmen, um zu reden, ein wenig zu beruhigen.

Was passiert, falls im Heim der erste Corona-Fall auftaucht? Bisher ist der Tag X nur ein theoretisches Szenario. Der Plan: Isolation, Meldung ans Gesundheitsamt, Quarantäne. „Aber den genauen Ablauf werden wir erst sehen, wenn es soweit ist“, sagt Meißner. In einer Etage wurden vorsichtshalber Zimmer mit Extrabetten eingerichtet. Wer weiß, wofür sie mal gut sein werden.

Gerade ist die vage Tagesordnung: auf Sicht fahren. Die Infektionskurven, die Gesamtlage beobachten, sich auf neue Entwicklungen einstellen. „Wir treffen täglich sehr viele Einzelfallentscheidungen“, sagt die Leiterin. Dazu gehört auch: Wann erlaubt man Ausnahmen für Besuche? In dieser Woche war das drei-, viermal der Fall. Ein Sterbender hat sich gewünscht, den Pfarrer zu sehen. Das wurde erlaubt, mit strenger Hygiene.

Dauerstress, aber auch Solidarität

Es gibt Ehepaare, die getrennt sind. Ein Partner lebt im Heim, der andere zu Hause, normalerweise gibt es tägliche Besuche - nun nicht mehr. Eine längere Trennung könnte zur Belastung werden. „Wir achten darauf, ob sich bei solchen Konstellationen etwas zuspitzt“, sagt Kathrin Meißner. Im Ernstfall würde sie eventuell Ausnahmen erlauben, vielleicht ein Treffen draußen im Garten, auf einer Bank mit Sicherheitsabstand.

Doch da sind noch andere Sorgen. Auch im Gorbitzer Seniorenheim sind Desinfektionsmittel, Mundschutz und Schutzkleidung knapp. „Die Preise sind unglaublich gestiegen. Da machen einige jetzt Profit“, sagt Geschäftsführer Peter Großpietsch. „Wir haben noch für drei, vier Wochen Vorräte. Wenn dann kein Nachschub kommt, wird es schwierig.“

Er schaut ständig auf sein Handy. News kommen rein, haben Auswirkungen auf das Heim. Einerseits Dauerstress, aber Großpietsch erlebt gerade auch etwas anderes: Solidarität im Team. „Man rückt zusammen, zieht sich nicht auf irgendwelche Positionen zurück, sondern überlegt miteinander Lösungen. Das ist im Normalfall ja nicht immer so.“ Die Mitarbeiter, die mit am Tisch sitzen, nicken.

Sie sind nun so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft. Sie müssen die Heimbewohner schützen. Und sich selbst. Einige Altenpfleger sind über 50, 60 Jahre alt und gehören ebenfalls zur Corona-Risikogruppe. Pfleger sind jetzt „systemrelevant“. Bei diesem Wort, das in diesen Tagen in aller Munde ist, wird am Konferenztisch ein wenig spöttisch gelächelt. Sie wussten das schon immer. Nun hat es sich endlich herumgesprochen.

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