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Wie Riesa zu seinem Rathaus kam

Vor 145 Jahren zog die Stadtverwaltung ins ehemalige „Schloss“. Ein Mühlenbesitzer hatte daran maßgeblichen Anteil.

Die Aufnahme zeigt das Rathaus in Riesa im Jahr 1886, in etwa aus Richtung der heutigen Ecke Rathausplatz/Klosterstraße. 1874 hatte die Stadt das gesamte Rittergut dem Freiherrn von Welck für insgesamt 338 000 Taler abgekauft.
Die Aufnahme zeigt das Rathaus in Riesa im Jahr 1886, in etwa aus Richtung der heutigen Ecke Rathausplatz/Klosterstraße. 1874 hatte die Stadt das gesamte Rittergut dem Freiherrn von Welck für insgesamt 338 000 Taler abgekauft. © Repro: Stadtmuseum Riesa

Von Gunter Spies und Volker Thomas

Riesa. Das Verhältnis zwischen Riesas Bürgermeister Steger und Curt Heinrich Freiherr von Welck war nicht das beste: „Der Bürgermeister bekommt die Schlüssel zum neuen Rathaus von mir nicht, da gebe ich sie lieber dem Gärtner!“ Mit diesen Worten brachte der letzte Rittergutsbesitzer seinen Unmut im Gespräch mit dem Vorsitzenden der Stadtverordneten von Riesa, Ernst Friedrich Röhrborn, zum Ausdruck.

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Trotz des gespannten Verhältnisses zwischen von Welck und Bürgermeister Steger war es vor allem aufgrund der Vermittlung von Mühlenbesitzer Röhrborn gelungen, das gesamte Rittergut für die Stadt Riesa zu erwerben. 1874 war die Bevölkerung der Stadt auf 5 700 Bürger angewachsen. Die Verwaltungsaufgaben nahmen zu, und die Räume, die für den Bürgermeister und die Zwecke des Ratskollegiums und der Stadtverordneten in der Knabenschule an der Goethestraße zur Verfügung standen, waren zu eng geworden.

In der Allgemeinen Städteordnung von 1832 hatten die Städte eine weitgehende Selbstverwaltung erhalten, und nach über 40 Jahren war der Spielraum für die Rittergutsbesitzer in Fragen des kommunalen Mitspracherechtes noch weiter eingeschränkt. 

Curt Heinrich von Welck nutzte daher die „Zwangssituation“ der Stadt, die selbst ein neues Rathaus bauen oder das Rittergut für einen Umbau kaufen müsste. Mühlenbesitzer Röhrborn erzählte, dass er gehört habe, dass der Freiherr von Welck sein Rittergut verkaufen wolle, und dass sich dessen „Schloss“als Rathaus bestens eignen würde.

Der Rest des Gutes könne verpachtet werden, um die Kosten zu begleichen. Das Kollegium gab diesen Vorschlag zur Begutachtung an den Stadtrat. Von dessen Seite wurde Stadtrat Grundmann und vonseiten der Stadtverordneten deren Vorsitzender Ernst Friedrich Röhrborn als Vermittler bestimmt.

Röhrborn, der wusste, dass von Welck täglich um die Mittagszeit im Vorwerk Göhlis nach dem Rechten sah, plante dort ein rein „zufälliges Treffen“. Für die Umsetzung seines Planes ging Röhrborn rechtzeitig ins Vorwerk, machte seinen Getreide-kauf perfekt, traf auf den eintreffenden von Welck und verabschiedete sich von ihm. Dieser bat Röhrborn, doch mit dem Rückweg auf ihn zu warten.

24 Pfennig pro Quadratmeter

Der Plan ging auf. Als man gerade durch das kieferne Hölzchen (zwischen dem Gut und der Stadt) ging, kam es zur entscheidenden Frage. Der Freiherr, etwas erstaunt über das Wissen des Mühlenbesitzers, sagte, dass er in Verhandlungen mit einem weiteren Interessenten aus Leipzig stehe und im Falle des Scheiterns bereit wäre, mit der Stadt zu verhandeln, aber nur mit ihm, Röhrborn, persönlich. 

"Als ich diese Unterredung dem Herrn Bürgermeister noch am selben Tag mitteilte, war letzterem an dem Ankauf des Rittergutes gar nichts gelegen; er äußerte, daß er dadurch unnötige Mehrarbeit bekommen würde,“ so schreibt der Besitzer der Brückenmühle in seiner Chronik. Die Städtischen Kollegien, die Bürgerschaft und der Gewerbeverein setzten sich am Ende aber durch. 

Das Rittergut wurde, nachdem der erste Interessent aus Leipzig abgesagt hatte, durch die Stadt Riesa für 338 000 Taler, bei einer sofortigen Anzahlung von 38 000 Talern, gekauft. Die Verträge für den Abschluss wurden am 26. Februar 1874 verlesen, für richtig erklärt und unterschrieben. Um 8 Uhr des darauffolgenden Tages erfolgte die Übergabe des Gutes mit allem (Gebäude, Acker, Vieh, Inventar, Mobiliar, Vorräte im Wert der Anzahlung) für 24 Pfennig pro Quadratmeter. 

Am 17. März wurde der Kauf gerichtlich bestätigt und auf Fol. 636 des Lehnshofes eingetragen. Die Stadt leistete die Kaufsumme in mehreren Raten unterschiedlicher Höhe. Ende März zog Freiherr von Welck mit seiner Familie nach Schloss Obernitzschka bei Wurzen. Die Schlüssel übergab er nicht dem Gärtner, sondern dem Stadtverordneten-Vorsteher Ernst Friedrich Röhrborn. 

Am 17. Juli des gleichen Jahres beschlossen die Stadtverordneten die Raumverteilung im neuen Riesaer Rathaus. Ab Anfang Dezember arbeitete die Stadtverwaltung im Rathaus, wie das Amtsblatt berichtet: „Von heute an befinden sich die sämtlichen städtischen Expeditionen, sowie die Sparcasse in der I. Etage des Rathauses (Schlosses). Riesa, den 3. December 1874“.

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