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Wie Sachsens Hersteller mehr vom Kuchen abbekommen

Regionale Produkte sind zwar beliebt. Doch die Produzenten stoßen an Grenzen.

Stefan Oettel (links) braut Bier in Lohmen. Sachsens Landwirtschaftsminister Wolfram Günther erfuhr dort von Lebensmittelherstellern, welche Wünsche sie an Händler und Kunden haben.
Stefan Oettel (links) braut Bier in Lohmen. Sachsens Landwirtschaftsminister Wolfram Günther erfuhr dort von Lebensmittelherstellern, welche Wünsche sie an Händler und Kunden haben. © Steffen Unger

Stefan Oettel hat Agrarwirtschaft studiert, doch vor drei Jahren ist er zum Brauer geworden. Auf seinem Hof in Lohmen bei Pirna empfing der 49-Jährige am Freitag Sachsens Landwirtschaftsminister Wolfram Günther (Grüne) und zapfte mit ihm Helles aus dem Edelstahltank. Im Lebensmittelladen zwei Häuser weiter lässt sich Oettels „Lohmener Helles“ kaufen, doch dort stehen auch Lübzer und Feldschlößchen im Fenster. Wie sich regionale Produkte künftig besser vermarkten lassen, darüber wollten der Minister, der Brauer und andere Fachleute ins Gespräch kommen. Brauer Oettel brachte gleich schlechte Erfahrungen in die Diskussion ein: Viele Gastwirte in der Sächsischen Schweiz freuen sich nicht etwa über neue Biere für ihre Speisekarte, sondern müssen ihre Verträge mit Großbrauereien erfüllen.

Gerade mal drei Gastwirtschaften führen bisher Oettels regionale Biere. Märkte und Feste mit Ausschank finden wegen Corona kaum statt, der Brauer hat daher Kurzarbeit für seine beiden Mitarbeiter angemeldet. Mit Edeka und Rewe dagegen hat der Brauer gute Erfahrungen gemacht: Einzelhändler suchen gezielt regionale Produkte und werben gerne damit.

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Laut Stefan Köckeritz, Inhaber von vier Rewe- und Nahkauf-Märkten in Dresden, Pirna und Chemnitz, machen Produkte aus dem Umland bei ihm „nur etwa zwei Prozent“ aus. Er lasse zwar selbst ein Bier in der Region brauen, auch bei Eiern sei das Interesse an sächsischen Erzeugnissen gestiegen. Doch das Gros der Kunden schaue vor allem auf den Preis und kaufe „Industrieware“. Es gebe auch keine klare Definition für regionale Produkte – sind damit sächsische gemeint, oder dürfen sie nicht weiter als 50 oder gar 15 Kilometer vom Laden entstanden sein? Bis vor wenigen Jahren wurde noch für „Ostprodukte“ geworben, nun für regionale.

In der Sächsischen Schweiz haben sich Produzenten zusammengetan und versehen ihre Erzeugnisse mit dem Regionalsiegel „Gutes von hier“. Sie lassen einen Radius von 50 Kilometern um Pirna gelten. Fast 100 Unternehmen beteiligen sich, darunter Wehlener Hofmolkerei und Bäckerei Bärenhecke. Doch obwohl sie „viel Netzwerkarbeit“ mit Gaststätten- und Tourismusverbänden gemacht haben, ist ihr Logo nicht sehr bekannt geworden, und anderswo in Sachsen fehlen Nachahmer. Im Osten allerdings etablierte sich das Logo „Die Lausitz schmeckt“. An der bundesweiten Aktion „Regionalfenster“ nehmen Gebiete wie Niederelbe und Oberschwaben teil, in Sachsen scheint es an Aktiven zu fehlen.

Minister Günther sagte in Lohmen, seine Behörde wolle das Thema regionale Produkte nun „wirklich strategisch“ angehen. Es dürfe keine Eintagsfliege sein. Der Grund: Viele Landwirte in Sachsen sind mit ihrer Massenproduktion abhängig von Weltmarktpreisen und „purzeln von einer Preiskrise in die andere“. In anderen Bundesländern gelinge es Landwirten, pro Hektar mehr Wertschöpfung zu erzielen. Sachsen dagegen exportiere viel Getreide, Milch und Schweinefleisch in andere Regionen zur Weiterverarbeitung.

Doch das Interesse an regionalen und ökologischen Produkten steigt laut Minister Günther, auch die Anforderungen an Tierschutz wachsen. Er sieht darin die Chance, besser bezahlte Produkte auf den Markt zu bringen. Das sei auch gut für den Tourismus, denn Gäste suchten typische Produkte. So sieht es auch Rolf Seim, dessen Ziegenhof Lauterbach bei Stolpen 110 Milchziegen mit eigenem Biofutter versorgt und viele Produkte nach Dresden liefert. Auf Reisen hat er gesehen, dass viele Regionen ihre Spezialitäten mit Stolz vermarkten. In Frankreich fand Seim eine Internetplattform, auf der Erzeuger Produkte eintragen und Gastronomen bestellen.

Zusätzliche Zertifikate für seine Ziegenprodukte möchte Seim allerdings vermeiden – dazu gehören Bürokratie, Prüfungen und Kosten. Da stimmt ihm Ralph Ehrentraut zu, Geschäftsführer der Dürrröhrsdorfer Fleisch- und Wurstwaren. Er bedauert auch, dass große Schlachthöfe weit entfernt sind, sächsische machten zu. Günthers Ministerium will nun die Erzeuger und Vermarkter in Sachsen besser vernetzen und dafür „Kümmerer“ einstellen.

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