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Wie Sachsens VW-Vater über die Sachsen denkt

Carl Hahn hat Volkswagen vor 29 Jahren nach Zwickau geholt. Heute sagt er: "Viele Ostdeutsche wissen nicht, dass sie ein Wunder erlebt haben".

Sein Vater hat die Autounion nach Ingolstadt geholt und er VW nach Zwickau. Bei der Sachsen Rallye, die gestern in Dresden gestartet ist, ist Carl Hahn mit einem VW Polo G40, 113 Ps, ins Rennen gegangen.
Sein Vater hat die Autounion nach Ingolstadt geholt und er VW nach Zwickau. Bei der Sachsen Rallye, die gestern in Dresden gestartet ist, ist Carl Hahn mit einem VW Polo G40, 113 Ps, ins Rennen gegangen. © Christian Juppe

Dresden. Der Mann ist viel unterwegs. In Island beschäftigt er sich mit der Geothermie, in China mit der Gentechnologie, und in Deutschland gilt Professor Carl Hahn als Gründungsvater der Volkswagen Sachsen GmbH. Er war Vorstandschef des Wolfsburger Autobauers, als der sich 1990 entschied, in Zwickau ein neues Autowerk zu bauen und so unzählige Arbeitsplätze, auch bei zahlreichen Zulieferbetrieben, zu sichern. „Wir kamen natürlich nicht nur als Investor“, sagt Hahn lächelnd. Man hatte auch den Markt fest im Blick.

Dankbarkeit ist in der Wirtschaft keine Kategorie. Carl Hahn erlebt sie dennoch, wann immer er in Sachsen unterwegs ist, so auch in diesen Tagen als Teilnehmer der Sachsen Classic 2019, die über insgesamt 574 Kilometer durch den Freistaat führt. Es ist die 17. Oldtimer-Rallye, und keine Einzige davon hat der ehemalige Konzernchef von VW verpasst. Er wird erkannt, auf den Marktplätzen, nicht nur in Zwickau, und entlang der Strecke. 

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Der 93-Jährige erinnert sich an die Begegnung mit einer Frau, die ihm dankte, weil ihr Mann bei Volkswagen einen Job gefunden hatte, während rings herum die Betriebe reihenweise geschlossen wurden. Das, so der ehemalige Automanager, sei der Preis gewesen, den man in der neuen Zeit zahlen musste, weil viele Unternehmen und ihre Produkte einfach nicht konkurrenzfähig waren.

Dennoch wundert sich Carl Hahn heute über die Unzufriedenheit vieler im Freistaat. Das der Zusammenschluss vor knapp 30 Jahren friedlich verlief, sei keineswegs selbstverständlich gewesen. Es habe im Anschluss die größte Vermögensübertragung der Geschichte überhaupt gegeben. Die Infrastruktur der neuen Länder sei auf höchstes Niveau gebracht worden. „Jeder Fensterrahmen wurde ausgetauscht“, so der Ex-Vorstand. „Viele Menschen wissen nicht, dass sie ein Wunder erlebt haben“, sagt der Manager. Und er fürchtet, dass die, die die beiden Systeme vergleichen können und das Neue deshalb zu schätzen wissen, immer weniger werden. 

Der Linkspartei gibt er dabei eine gehörige Mitschuld, die gerne über das rede, was noch nicht geschafft sei, Erfolge aber ausblende. Es sei, so Hahn, ein Kardinalfehler gewesen, dass man den Menschen zu wenig gesagt habe, welche Leistung bei dem Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten erbracht wurde.

Hahn, 1926 in Zschopau geboren, hat am 8. Mai 1945 die Armeeuniform gegen zivile Kleidung getauscht und ist mit einem Freibrief der Autounion, die ihn als Fremdarbeiter auswies, in den Westen gegangen. Nach Sachsen zurückzukommen, sei ihm leicht gefallen. Damals wie heute, so Hahn, schätze er diese Mischung aus Tradition, Kreativität und Pflichtbewusstsein. 

Eine Gemengelage, von der auch VW profitiert habe. In Zwickau brauchte man ganze vier Monate, um im Mai 1990 die Produktion des Polo II zu starten. 1991 folgte dann der Golf II. Ob aus Sentimentalität oder der Faszination an Technik allgemein, Carl Hahn verrät nicht, warum er den letzten nach Listenpreis verkauften Trabant 601 mit 1,1 Liter-Motor gekauft hat. Fest steht, er fährt heute noch, und zwar auf Sardinien, einem Feriensitz des Ex-Automanagers.

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