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Wie schlimm ist der Ärztemangel wirklich?

Die Linke sieht Missstände und protestiert in Weißwasser. Die CDU fordert mehr Versorgung. Die SZ hakt nach.

© André Schulze

Von Thomas Staudt

Bei der Ärzteversorgung sehen viele Bürger gerade die nördliche Oberlausitz am Ende der Fahnenstange. Die CDU-Fraktion im Weißwasseraner Stadtrat hat deshalb beantragt, die Verwaltung solle wegen des drohenden oder schon bestehenden Haus- und Fachärztemangels mit der Kassenärztlichen Vereinigung Kontakt aufnehmen. Auch Die Linke sieht eine lückenhafte Versorgung und macht mit einer Kunstaktion darauf aufmerksam.

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Ist das Gesundheitssystem

krank?

Weil die Politik falsche Prioritäten setzt, sagt Die Linke. Der Wettbewerb im Gesundheitssystem mache die körperliche und geistige Gesundheit zur Ware. Der Mensch bleibt auf der Strecke. „Künftig sollen die Arbeitnehmer, zugunsten der Arbeitgeber, noch stärker belastet werden“, monierte die Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Parteivorsitzende Caren Lay gestern auf dem Bahnhofsvorplatz in Weißwasser. Dort hatte die Dresdner Aktionskünstlerin Eva Olivin Krankenhausbetten mit Parkuhren am Kopfende aufstellen lassen, um auf die Probleme hinzuweisen.

Wie viele Ärzte praktizieren überhaupt in der Region?

Die Arzt- und Psychotherapeutensuche der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen listet für Weißwasser 35 Ärzte auf, vier für Bad Muskau, drei in Krauschwitz und eine Ärztin in Schleife. Zum Vergleich: Löbau ist mit etwas unter 17 000 Einwohnern fast so groß wie Weißwasser (17 299, Stand: 30.11.2013). Dort gibt es 45 Ärzte. In Ravensburg, der Heimat der Towerstars (Baden-Württemberg, 50 000 Einwohner, großes Einzugsgebiet), sind es 253 Ärzte. Wo der Wohlstand am größten ist, ist auch die ärztliche Versorgung am besten, konstatiert Die Linke.

Gibt es eine Versorgungslücke im Altkreis Weißwasser?

Nein, sagt die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen. Der Altkreis verfügt über einen Versorgungsgrad von 91,4 Prozent. Die Zahl berücksichtigt die Einwohner (40 849, Stand 30.9.2013), die Ärzte (Stand: 1.4.2014) und einen Demografiefaktor (1 588 Einwohner pro Hausarzt). Auch in Görlitz, Hoyerswerda oder Pirna liegt der Versorgungsgrad unter hundert Prozent. Besser versorgt sind Dresden, Bautzen oder Niesky (100 Prozent). Von Ärztemangel ist die Rede, wenn der Versorgungsgrad unter 75 Prozent rutscht. Auch Dr. Lutz Buschmann aus Weißwasser hält den vielbeschworenen Ärztemangel nur für „gefühlt“.

Wurden in den letzten Jahren viele Praxen geschlossen?

Nein. Untersuchungen für die Oberlausitz gibt es nicht. Doch haben in Weißwasser nach SZ-Recherchen gerade einmal zwei Praxen geschlossen. Die Patienten des Arztehepaars Martinsohn wurden von Ärzten des Kreiskrankenhauses übernommen. 2009 ging Dr. Günther Döll in den Ruhestand. Für ihn gab es keine Nachfolgeregelung. Noch vor Ende des Jahres schließt Dr. Gerhard Langer seine Praxis. Dafür eröffnet in der Villa in der Rosa-Luxemburg-Straße eine neue. Auch in Bad Muskau gab es einen Neuzugang. Laut Kassenärztlicher Vereinigung können in Weißwasser vier weitere Hausärzte eine Zulassung bekommen.

Wie lange warten Patienten auf einen Termin?

Über drei Wochen, sagt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Für die aktuelle Ausgabe wurden 120 Fachärzte in ganz Deutschland befragt. Bei 30 Ärzten war ein Termin erst nach mehr als vier Wochen möglich. In der Lausitz, sagen viele Bürger, sind die Wartezeiten noch länger. Beim Hausarzt geht es natürlich schneller.

Wie ist die Prognose

für die Zukunft?

Düster, meint Ronny Scharntke. Viele Ärzte hören auf, prognostiziert der Leiter der Krankenkasse Barmer-GEK in Weißwasser. Zudem überaltere die Bevölkerung zusehends. Die Schwere der Fälle nimmt zu, aber auch die Zahl der Krankheiten. Dann sind mehr Ärzte gefragt.