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Wie schnell ist ein Klassenzimmer sauber?

Reinigungskräfte müssen ab 2014 in Großenhain doppelt so viel Quadratmeter schaffen wie bisher.

Von Birgit Ulbricht

Axel Hackenberg hatte den Finger drauf. Der Schulleiter hatte in der Stadtratssitzung bei der Vergabe der Reinigung aller Großenhainer Schulen, des Rathauses und der öffentlichen Toiletten so seine Bedenken. Der Grund: Der Auftrag im Kostenumfang von über 300 000 Euro ging für 175 000 Euro weg. Die Stadträte waren zwar durch die Bank weg zufrieden, dass der Auftrag an den Großenhainer Unternehmer Frank Richter ging, erst recht, weil europaweit ausgeschrieben werden musste. Nur fragten sie sich schon: Kann so ein Preis überhaupt sein? Und so hakte Stadtrat Hackenberg nach, ob denn die Quadratmetervorgaben erhöht wurden? „Nein“, antwortete Stadtbaudirektor Tilo Hönicke. Aber wie das der Unternehmer regele, dazu könne er nichts sagen.

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Wenn Luis, Josie und Anna nach Hause gehen, kommen die fleißigen Frauen, die ihre Schule sauber halten. Jetzt sollen sie noch mehr in der gleichen Zeit schaffen.Foto: Claudia Hübschmann
Wenn Luis, Josie und Anna nach Hause gehen, kommen die fleißigen Frauen, die ihre Schule sauber halten. Jetzt sollen sie noch mehr in der gleichen Zeit schaffen.Foto: Claudia Hübschmann © hübschmann

Inzwischen liegen die Zahlen auf dem Tisch, und siehe da, die Quadratmetervorgaben sind deutlich gestiegen, teilweise um mehr als das Doppelte. Der SZ liegen die Ausschreibungsunterlagen vor, die belegen, dass die Reinigungskräfte ab 1. Januar 2014 in der gleichen Arbeitszeit das Doppelte schaffen müssen. Nehmen wir ein übliches Klassenzimmer: Bislang werden für einen Klassenraum 160  Quadratmeter zu reinigende Fläche in der Stunde vorgegeben. Für Fachräume wie Werkräume, Labore oder naturwissenschaftliche Kabinette sind es nur 140 Quadratmeter, weil diese Zimmer nicht so gut auszuräumen sind.

Bei der Neuausschreibung wurde diese Differenzierung als Erstes kassiert. Schulungsräume, Klassenzimmer und Fachräume gehören jetzt in eine Kategorie. Mindestens zu schaffen sind 250 Quadratmeter, maximal anbieten durften die Unternehmen 370 Quadratmeter pro Stunde. Zum Vergleich: Die Stadt Radebeul fordert eine Leistung von 240 Quadratmetern. Bei Fluren müssen bislang 250 Quadratmeter in der Stunde sauber sein. Jetzt sind es 350 bis 670 Quadratmeter. Und so zieht sich die Erhöhung durch alle Raum-Arten.

Die SZ fragt erneut bei Unternehmer Frank Richter nach und tatsächlich, der Großenhainer ist mit seinen Angeboten in den verschiedenen Reinigungskategorien fast überall an die Obergrenze gegangen. Sonst wäre der Auftrag weggegangen, ist er überzeugt. „Wollen wir denn, dass nur noch große Konzerne die Aufträge bekommen, wie in Dresden?“, fragt er. So weit muss man gar nicht gehen. Auch der Landkreis hat die Reinigung seiner Berufsschulen an eine deutschlandweit agierende Gruppe vergeben. Regionale Firmen blieben außen vor.

Die Stadt Großenhain hat sich tatsächlich viel Mühe gemacht, aus diesem Dilemma herauszukommen. Erstmals überließ sie die Ausschreibung einem Branchen-Profi. Die Firma Knoll Team & Partner aus Frankfurt am Main kennt sich aus im Metier und bringt ordentlich Einsparung. Der Anreiz dafür war freilich groß: Das Planungsbüro bekommt die Hälfte der eingesparten Summe plus Mehrwertsteuer des ersten Jahres als Erfolgshonorar ausgezahlt. Das macht den ordentlichen Betrag von 104 200 Euro.

Die Einsparungen der drei Folgejahre gehören der Stadt. Mit dem Modell „Erfolgshonorar“ hätten andere Kommunen schon gute Erfahrungen gemacht, so Stadtbaudirektor Tilo Hönicke. Es könnte also auch in anderen Bereichen in Großenhain Einzug halten. Die Stadt habe schließlich nicht nur die Leistungen ausgeschrieben, sondern auch die Standards dazu. Insgesamt wurden einhundert mögliche Punkte vergeben, von denen der Preis nur 45 Punkte ausgemacht hat. Wie die Unternehmen die Standards einhalten, das sei nun deren Sache, so die Stadt.

Hans-Joachim Fust, Geschäftsführer der Gebäudereinigungsinnung Sachsen, findet genau diesen Punkt kritisch. „Das verleitet die Firmen möglicherweise schon dazu, Mitarbeiter auszunutzen“, gibt er zu bedenken und stellt klar: Laut Arbeitnehmerentsendegesetz ist es die Pflicht des Auftragsgebers zu kontrollieren, ob die gemachten Vorgaben von den Frauen auch in der festgesetzten Zeit zu schaffen sind. Bedeutet, die Stadt muss sehr wohl kontrollieren, ob die tatsächlich geleisteten Reinigungsstunden auch bezahlt werden. Das heißt Stundenzettel prüfen, Gespräche führen. Diesen Job übernimmt zunächst für ein halbes Jahr die Firma Knoll Team & Partner, so ist es vereinbart. Ein Qualitätsexperte des Planungsbüros kontrolliert zum ersten Mal nach 14 Tagen. Dann folgen drei bis fünf stichprobenartige Kontrollen in den ersten fünf Monaten. Die Ergebnisse werden dokumentiert und besprochen. Nach einem halben Jahr muss die Stadt diesen Part übernehmen.

Dass es auch für den Auftraggeber schiefgehen kann, wenn der das nicht so genau nimmt, zeigt der Fall Dresden. Vor vier Jahren kontrollierte dort der Zoll in großem Stil. Das Ergebnis: Klassenzimmer waren mit 700 bis 800 Quadratmeter die Stunde kalkuliert. Das endete mit empfindlichen Geldstrafen.

Schon jetzt rückt zweimal im Jahr der Zoll bei Unternehmern wie Frank Richter an und lässt sich alle Bücher zeigen. Bei begründetem Verdacht würden die Zöllner auch die Mitarbeiter befragen oder sich vor die Schule stellen, und prüfen, wie lange tatsächlich gearbeitet wird. Der Innung Sachsen sind inzwischen einige Fälle bekannt, wo dem genau nachgegangen wurde, so Hans-Joachim Fust.

Auf die Frage, wie viel eine Reinigungskraft nun in einer Stunde schaffen muss, antwortet er ausweichend: Nein, einen Katalog mit Quadratmeter-Vorgaben zu erarbeiten, dazu gab es in der Innung keine Mehrheit. Zu unterschiedlich seien die Gegebenheiten. Das sieht auch Unternehmer Frank Richter so. Man dürfe ja auch nicht vergessen, dass etliche Schulen inzwischen saniert wurden. Bodenbeläge sind moderner und damit pflegeleichter geworden, in den Aufzügen lassen sich Schrubbautomaten einsetzen, was früher nicht ging. Frank Richter hat für diesen Auftrag extra noch einmal alle Technologien überdacht. Denn dass er sehr spitz gerechnet hat, weiß er.