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Wie schüchterne Kinder Selbstbewusstsein lernen

Schüchternheit bremst aus. Aber sie lässt sich wegtrainieren – mit einem Programm der TU Dresden. Wie es der fünfjährigen Emilia geholfen hat.

Von Susanne Plecher
 6 Min.
Emilia ist fünf und sehr schüchtern. Susanne Knappe von der TU Dresden und das Plüschtier Til Tiger helfen dem Mädchen dabei, sich mehr zuzutrauen.
Emilia ist fünf und sehr schüchtern. Susanne Knappe von der TU Dresden und das Plüschtier Til Tiger helfen dem Mädchen dabei, sich mehr zuzutrauen. © Ronald Bonß

Emilia hat sich hinter ihrer Mama versteckt. Scheu lugt die Fünfjährige hinter deren Beinen hervor und verfolgt genau, was im Therapieraum passiert. Neugier blitzt in ihren Augen. Die anderen zu fragen, was sie da gerade machen und ob sie vielleicht mitspielen darf, das traut sich das Mädchen nicht. „Sie war schon immer sehr schüchtern“, sagt ihre Mutter Lena. „Ich finde das nicht schlimm, aber manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie sich selbst einschränkt und im Weg steht.“

Das ging solange gut, bis Emilia zur Schuluntersuchung musste. Aus Schüchternheit antwortete sie auf keine einzige Frage, die Kinderarzt und Krankenschwester ihr stellten. „Sie hat eine halbe Stunde gar nichts gesagt“, erinnert sich die Mutter – für sie der ausschlaggebende Punkt, professionelle Hilfe zu organisieren. 

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Die Dresdnerin wandte sich an das Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der TU Dresden. Dort wird für besonders zurückhaltende Kinder von fünf bis zehn Jahren das Trainingsprogramm „Mutig werden mit Til Tiger“ angeboten. Zusammen mit dem schüchternen Tiger sollen Kinder wie Emilia lernen, mehr Selbstsicherheit für die Herausforderungen ihres Alltags zu gewinnen: Neue Kinder kennenlernen, sich zum Spielen verabreden, vor einer Gruppe sprechen und auch einmal „Nein“ sagen, wenn etwas nicht passt.

Unangenehme Handlungen nicht abnehmen

Susanne Knappe stülpt sich einen zauseligen Plüschtiger über die Hand. „Magst du mich mal hinter dem Ohr kraulen?“, fragt sie mit verstellter Stimme. Emilia hüpft erst auf einem Bein, dann auf dem anderen. Schließlich gibt sie sich einen Ruck und streckt ihre Hand aus. „Unser Trainingsprogramm ist für ängstliche, sozial unsichere und schüchterne Kinder entwickelt worden“, sagt Knappe, Diplompsychologin mit Professorinnen-Titel an der TU Dresden. Ihr Team kümmert sich um die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Die geschulten Trainer bringen unsicheren Kindern im Tiger-Programm schrittweise bei, wie sie mit Stress und Gefühlen besser umgehen und auf bestimmte Situationen reagieren können. 

Zehn Einheiten kosten 130 Euro, die die meisten Krankenkassen bei regelmäßiger Teilnahme voll oder zum Teil übernehmen. Zusammen mit der Handpuppe lernen die Kinder schrittweise in Einzel- und Gruppenstunden zum Beispiel die ersten Gesprächsregeln: Sich anschauen, laut und deutlich sprechen. Was für viele selbstverständlich ist und zum normalen Umgang gehört, umgehen Kinder wie Emilia – nicht, weil sie unhöflich sind. Sie trauen sich einfach nicht.

In der Kursstunde macht jedes Kind aus der Gruppe Rollenspiele. Daraus sucht es sich eine Wochenaufgabe aus, die es am ehesten meistern kann und übt zu Hause. „Emilia hatte sich als ersten Schritt dafür entschieden, ihre Kindergärtnerin morgens anzuschauen“, sagt die Mutter. Vorher war sie immer an ihr vorbei ins Zimmer gehuscht. Inzwischen – sie hat den Kurs erfolgreich beendet – wünscht sie ihr einen guten Morgen. „Eltern sollten darauf achten, ihr Kind in einer solchen Situation nicht zu sehr zu schonen und ihm die unangenehmen Handlungen nicht abzunehmen. Jede Vermeidung stärkt das Verhalten eher“, sagt Kinderpsychiater Prof. Dr. Veit Rößner von der Uniklinik Dresden.

Wann ist ein Kind zu schüchtern?

Schüchternheit ist keine Krankheit. Aber sie bremst Kinder aus. Viele schaffen es aus eigener Kraft, ihre Zurückhaltung zu überwinden. Eltern sollten aber hellhörig werden, „sobald ein Kind keine oder nur wenige Freunde hat, zu keinem Kindergeburtstag eingeladen wird oder seine Freizeit nur noch zu Hause verbringt“, sagt Rößner. Anzeichen könnten auch sein, dass sich das Kind nicht traut, in einer Notsituation Fremde nach dem Weg zu fragen, oder vor einem Referat in der Schule so starke Bauchschmerzen kriegt, dass es zu Hause bleiben muss. „Der Bedarf, sich Hilfe zu holen, ist auch dann gegeben, wenn Kinder Nachteile erfahren, zurückgewiesen, geärgert, gehänselt oder weniger einbezogen werden. Manche Kinder sind so unscheinbar, dass sie gar nicht gesehen werden. Darunter leiden sie“, sagt Susanne Knappe.

Starke Schüchternheit, Angst und Depressivität sind ein Extrem im kindlichen Verhalten. Aggressivität oder Hyperaktivität sind ein anderes. Psychiater schätzen, dass jedes fünfte Kind unter solchen emotionalen Problemen oder Verhaltensauffälligkeiten leidet. Das Til-Tiger-Programm für die Schüchternen bei Susanne Knappe an der TU und das „Stressbewältigungstraining für Trotzköpfe und Zornteufel“ bei Veit Rößner in der Uniklinik sollen dabei helfen, dass sich daraus keine psychischen Erkrankungen entwickeln. Das Problem bisher: Zwar funktionieren die Präventionsprogramme gut und teilnehmenden Kindern geht es danach oft wesentlich besser. Aber sie sind kaum bekannt.

Das soll sich jetzt ändern. Dafür hat das Team von Susanne Knappe eine Studie erarbeitet. Die Idee ist einfach: Kommt ein Kind zu den regulären Vorsorgeuntersuchungen U 9, U 10 oder U 11 zu seinem Kinderarzt, können die Eltern einen einseitigen Fragebogen zu seinen Stärken und Schwächen ausfüllen: Ist es sehr still und zurückgezogen? Oder ist es eher aufbrausend und wild? Der Arzt erkennt danach mithilfe einer Schablone, die er auf den ausgefüllten Bogen legt, ob es Auffälligkeiten und Symptome gibt, die aber noch keine Diagnose und damit keine „echte“ Therapie rechtfertigen. Wenn ja, legt er den Eltern den Besuch des passenden Trainingsprogramms nahe. „Wir wollen herausfinden, ob dieser Versorgungspfad vom Kinderarzt über den Fragebogen zu uns funktioniert“, erklärt Susanne Knappe. „Wir möchten erreichen, dass Prävention auch im psychischen Bereich zielgerichtet eingesetzt und mehr in den Fokus gerückt wird.“ Bislang, so bestätigt auch Emilias Mutter, gebe es immer noch große Vorbehalte. „Viele sagen dann: Mein Kind ist doch ganz normal, was soll es beim Psychologen! Dabei hilft das Programm den Kindern wirklich.“

Aus Schüchternheit zur Reinigungskraft geworden

Das Projekt ist Anfang Februar angelaufen. Es ist zunächst auf Dresden und einen Radius von 20 Kilometern ringsum beschränkt. Neun Kinderärzte haben bereits ihre Unterstützung zugesagt. Unabhängig von der Dresdner Studie wird das Til-Tiger-Programm auch in anderen sächsischen Städten angeboten, zum Beispiel in Chemnitz und Leipzig. Bundesweit sind es mehr als 40. Entwickelt haben es zwei Psychotherapeutinnen aus Halle.

80 Prozent alle psychischen Erkrankungen entstehen im Kindesalter. Weil das Geschehen oft über einen langen Zeitraum anhält, sich Verhaltensmuster einschleifen und verselbstständigen, verpassen Betroffene mitunter Chancen. Manche würden vielleicht einen ganz anderen Lebensweg einschlagen, wenn ihnen rechtzeitig ein wenig Schützenhilfe gegeben worden wäre. „Das geht damit los, dass man sich in der Schule nicht meldet, weil man Angst hat, etwas zu sagen. Dann sagt man lieber nichts und kassiert die Sechs. Später sucht man sich dann einen Beruf, bei dem man auch nicht sprechen muss – und bleibt vielleicht weit hinter seinen Möglichkeiten.“ Susanne Knappe überlegt und schildert den Fall einer Bekannten. Die Frau ist Reinigungskraft geworden, weil sie sich nicht traute, mit anderen zusammenzuarbeiten. Sie hat Abitur.

Emilia krault den Plüschtiger hinterm Ohr. Sie erzählt ihm, dass sie beim Schwimmkurs ein fremdes Mädchen angesprochen und gefragt hat, ob sie miteinander spielen wollen. Für die Fünfjährige ist das eine echte Erfolgsgeschichte.

Kontakt: Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie, TU Dresden, [email protected]

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