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Wie sich Blinde fühlen

Die Gymnasiasten beschäftigen sich mit Diskriminierung und Gewalt. Dabei werden die Zehntklässler zu Lehrern.

Von Cathrin Reichelt

So still seien die Fünftklässler in seinem Unterricht nie, meint Ethiklehrer Sven Schurzmann schmunzelnd. Gebannt sitzen die Elfjährigen vor drei Männern. Unter deren Bank liegt ein großer schwarzer Hund. Hinter ihnen stehen lange Stöcke. Die Drei haben eine starke Sehschwäche. Mit speziellen Brillen können die Schüler nachempfinden, wie es ist, fast nichts sehen zu können. Alles ist verschwommen. Nur wenn sie ein Blatt ganz nah vor die Augen halten, können sie erahnen, was darauf geschrieben steht.

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Behörden ignorieren Sehschwache

Die Männer sprechen mit den Schülern nicht nur über ihr Handicap, sondern auch über Diskriminierung. Dass es die bei Menschen mit einer anderen Hautfarbe gibt, wissen die Mädchen und Jungen. „Auch wir fühlen uns manchmal diskriminiert“, sagt Torsten Gruner. Das sei zum Beispiel bei Behörden so, wenn die Mitarbeiter nicht mit dem Sehschwachen, sondern dessen Begleiter sprechen. „Wir werden auch im Straßenverkehr oft übersehen oder über die Straße geführt, ob wir das wollen oder nicht“, so Gruner.

Überwiegend geht es bei dem Projekt am Gymnasium aber um Gewalt. Solche haben die Drei noch nicht erfahren. Auch nicht von radikalen Gruppen. Im Gegenteil. Gruner erinnert sich an eine Demo Rechter auf einem Hauptbahnhof. Nicht die Polizei habe ihm geholfen, zum Zug zu gelangen, sondern sechs Demonstranten haben ihn in ihre Mitte genommen und sicher dorthin begleitet. Torsten Gruner und seine Mitstreiter vom Blindenverband Freiberg wünschen sich, dass die Menschen ganz normal mit ihnen umgehen und vor allem mit ihnen sprechen. Denn nur so können Missverständnisse vermieden werden.

Die drei Männer sind gestern eine Ausnahme. An allen anderen Stationen in der HarthArena vermitteln Zehntklässler ihr Wissen aus dem Ethikunterricht. Dort spielt das Thema Gewalt eine große Rolle. Gleichzeitig geht es bei den Fünftklässlern um die Gemeinschaft und welche Konflikte es in ihr geben kann. „Das passt zusammen“, erklärt Lehrerin Marion Franzheld, weshalb die Großen für einen Tag zu Lehrern für die Kleinen werden.

Niemand will die Drogen

Die jungen Leute haben sich zum Beispiel mit Gewalt im häuslichen Bereich, in der Schule, gegen die Natur und mit Drogen beschäftigt. „Ich weiß, dass Du Drogen willst – oder eine Beruhigungszigarette“, fährt Jessica einen Jungen an. Der schaut etwas ungläubig, schüttelt aber den Kopf. Dann versucht Jessica, einem Mädchen ihr Taschengeld abzuluchsen. „Du kriegst ein Tütchen dafür. Nur mal zum Probieren“, sagt sie und wird immer aggressiver, als auch dieser Versuch scheitert. Sie findet sich schön, obwohl ihre Schminke im ganzen Gesicht verschmiert ist. Sie meint, sie wäre glücklich und „übelst cool“. Der Verzweiflung, dass ihr niemand die Dogen abkauft, folgen Drohungen und dann der Schritt zu Terence. Der braucht immer weißes Pulver. Doch als er zureifen will, schreitet Chris ein und ruft die Polizei. Die nimmt Jessica fest.

Mit solchen lebendigen Beispielen gelingt es den Zehntklässlern, ihre jüngeren Mitschüler aufzuklären, und ihnen die Augen für die alltäglichen Gefahren für den Menschen und die Natur zu öffnen. An jeder Station machen die Älteren den Jüngeren deutlich, wie wichtig es ist, Courage zu zeigen und einzugreifen.