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Wie sich die Stadt verändern muss

Die Einwohnerzahl von Görlitz steigt. Das bringt neue Herausforderungen mit sich. Die beginnen schon bei den Kindern.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Ingo Kramer

Vor knapp drei Jahren wurde Arne Myckert noch belächelt. Da hatte der Chef der damaligen Wohnungsbaugesellschaft WBG (heute Kommwohnen) ein Papier zur Bevölkerungsentwicklung vorgelegt, das unter seiner Federführung entstanden war – und im Zusammenwirken mit OB Siegfried Deinege, Stadträten aller Fraktionen sowie den Chefs von städtischen Gesellschaften und großen Unternehmen. Gleich auf Seite 3 hatte Myckert seine Vision der Einwohnerentwicklung von Görlitz in einer Kurve aufgemalt. Die zeigt bis 2012 bergab, bleibt 2013 konstant – und fängt ab 2014 erstmals an zu steigen.

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Nun ist eingetreten, was damals kaum einer so recht glauben wollte. Nach den städtischen Monatszahlen stieg die Einwohnerzahl von Görlitz – also Haupt- und Nebenwohnsitze zusammen – von 54 822 im Dezember 2013 auf 54 932 im Dezember 2014. Und im Dezember 2015 sogar auf 55 944. Das sind fast 1 000 mehr, als Myckert in seiner Vision aufzuzeichnen wagte. Er ging für 2015 von 55 000 Einwohnern aus. Ein Grund für das Wachstum ist freilich die Flüchtlingswelle, die sich vor knapp drei Jahren noch nicht abzeichnete. Aber es liegt eben nicht nur daran. Auch Deutsche und Polen ziehen verstärkt nach Görlitz. Doch die wachsende Einwohnerzahl ist nicht nur Grund zum Jubeln, sondern sie darf durchaus als Herausforderung angesehen werden. Denn Görlitz muss sich auch ein Stück weit verändern, um den Zuzüglern möglichst optimale Lebensbedingungen bieten zu können. Die SZ analysiert, welche Aufgaben anstehen.

Kitas und Schulen: Die Einrichtungen sind schon jetzt ausgelastet

Stadt und Private haben in den vergangenen Jahren viel in Krippen, Kitas und Schulen investiert. So sind an Joliot-Curie- und Jochmannstraße zusätzliche Krippenplätze entstanden. Die Schulen werden nach und nach saniert. Im Oktober konnten die Kinder in die fertig sanierte Fischmarkt-Grundschule einziehen. Nun steht die Oberschule Rauschwalde kurz vor der Fertigstellung, in Weinhübel wird gerade eine komplett neue Grundschule gebaut. Die steigenden Einwohnerzahlen zeigen: All diese Investitionen waren goldrichtig. Allerdings reichen sie noch immer nicht aus: Die Einrichtungen platzen aus allen Nähten. „Unsere Klassen haben jetzt alle das Maximum von 28 Schülern erreicht“, erklärte Schulleiter Ingolf Schneider aus der Nikolaigrundschule bereits im April. An anderen Schulen sieht es nicht anders aus.

Mittlerweile spitzt sich die Situation sogar noch weiter zu: Von Dezember 2014 zu Dezember 2015 ist die Zahl der Null- bis Zehnjährigen in Görlitz um 289 gestiegen, die Zahl der Elf- bis 20-Jährigen um 268. Somit wächst der Bedarf nach Krippen-, Kita-, Schul- und Hortplätzen weiter. Und ein Ende dieser Entwicklung ist (zum Glück) nicht abzusehen. Das heißt, dass sich die Stadt Gedanken machen muss, vielleicht bald weitere Einrichtungen zu bauen.

Arbeitsplätze: Hoffnung für den Dienstleistungssektor

Es ist eine Aufwärtsspirale: Mehr Kinder brauchen natürlich mehr Betreuer. Auf der anderen Seite ziehen Rentner nach Görlitz. Auch durch sie können neue Arbeitsplätze entstehen: im Einzelhandel beispielsweise, letztlich aber auch in der Pflege. Andererseits ziehen auch Berufstätige zu, die möglicherweise genau diese neu entstehenden Arbeitsplätze besetzen. Das größte Problem ist, dass viele Flüchtlinge noch nicht genug Deutsch können, um hier arbeiten zu können. Es braucht mehr Deutsch-Lehrer, aber die sind derzeit überall Mangelware. Und auch nicht alle deutschen Zuzügler finden sofort eine Arbeit, denn nicht alle Branchen wachsen jetzt gleichermaßen.

Medizinische Versorgung: Ärzte zieht es eher in die großen Städte

Das Problem ist nicht neu: Kaum ein Arzt will nach dem Studium „in die Provinz“ gehen. In den großen Städten locken bessere Arbeitszeiten und Löhne. Der Freistaat versucht längst, mit Imagekampagnen und finanziellen Anreizen gegenzusteuern. Ein Teil der Lösung liegt nach Meinung der Kassen auch in der Abkehr von der klassischen Einzelpraxis. Stattdessen sollen mehr Möglichkeiten geschaffen werden, damit Mediziner als Angestellte in Gemeinschaftspraxen gehen können. Dass das alles nicht immer gelingt, zeigt in Görlitz das Beispiel der Kinderärzte: Von den sechs niedergelassenen ist keiner unter 50 Jahre alt. Als die Kinderärztin Ulrike Rentsch Ende 2011 in den Ruhestand ging, fand sich kein Nachfolger. Ihr Kassenarztsitz wurde sogar noch bis Juni 2012 für einen Nachfolger freigehalten. Doch trotz monatlicher Stellenausschreibung fand sich niemand. In anderen Fachgebieten ist die Lage nicht besser, die Imagekampagnen greifen noch nicht.

Ausländer: Innovative Ansätze sind zunehmend gefragt

Bis vor einem Jahr lebten in Görlitz fast ausschließlich Deutsche, Polen und ein paar wenige Menschen von hier und da. Mit der Flüchtlingswelle ist die Mischung deutlich bunter geworden – aber viele Görlitzer kennen sich mit anderen Kulturen mangels Erfahrung noch nicht so gut aus. OB Siegfried Deinege brachte deshalb schon einmal den Vorschlag, alle Mitarbeiter in Interkulturalität zu schulen.

Bei den Bildungseinrichtungen ist nicht nur die Zahl der Plätze entscheidend, sondern auch die Art, ausländische Kinder und Jugendliche zu integrieren. Die Nutzung von Übersetzungssoftware in Schulen ist hier ein wichtiges Schlagwort. In eine andere Richtung zielt ein Vorschlag, den Arne Myckert ebenfalls schon 2013 in seinem Papier zur Bevölkerungsentwicklung aufgeschrieben hat. Er setzte sich damals für Englisch als Servicesprache ein, um zu signalisieren, dass Görlitz weltoffen ist und bereit für den Zuzug von internationalem Fachpersonal. Auch dieser Vorschlag wurde damals von vielen als unrealistisch abgetan. Heute scheint er aktueller denn je.