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Wie sich Zuwanderung aus Afrika steuern lässt

Für Menschen südlich der Sahara ist es schwierig, zum Arbeiten nach Europa zu kommen. Experten machen einen Vorschlag, wie das legal gehen kann.

Migranten sitzen in Decken gehüllt nach ihrer Rettung aus dem Mittelmeer im Hafen von Malaga. In Deutschland beträgt der Anteil der Zuwanderer aus afrikanischen Ländern nicht einmal ein Prozent.
Migranten sitzen in Decken gehüllt nach ihrer Rettung aus dem Mittelmeer im Hafen von Malaga. In Deutschland beträgt der Anteil der Zuwanderer aus afrikanischen Ländern nicht einmal ein Prozent. © UMA Wire/dpa

Die Vorstellung, halb Afrika sitzt auf gepackten Koffern, um nach Europa zu kommen, ist falsch. Über die Hälfte der afrikanischen Migranten und Migrantinnen wandern in ein anderes afrikanisches Land ein. Uganda, Sudan und Äthiopien gehörten 2018 zu den wichtigsten Aufnahmeländern von Flüchtlingen weltweit. Nach Europa kommt nur eine Minderheit. 2018 lebten etwa 8,5 Millionen Zuwanderer aus afrikanischen Ländern in Europa – ein Anteil von 1,5 Prozent an der Gesamtbevölkerung Europas. In Deutschland beträgt der Anteil nicht einmal ein Prozent. Zwar stieg mit der Flüchtlingswelle die absolute Zahl afrikanischer Zuwanderer in die Bundesrepublik auf einen Höchstwert von 113.000 Personen. Seither sinken die Zahlen wieder.

All diese Fakten stehen im Jahresgutachten des Sachverständigenrats (SVR) deutscher Stiftungen für Integration und Migration, das am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Es behandelt erstmals als Schwerpunkt die Migration aus Afrika. Die Autoren der Studie wagen keine Prognose, wie sich die Wanderungsbewegungen entwickeln werden angesichts eines enormen Bevölkerungswachstums, einer heimischen Landwirtschaft, die überfordert ist, die eigene Bevölkerung zu ernähren und den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Nach Schätzung der Vereinten Nationen könnten im bevölkerungsreichsten afrikanischen Land Nigeria im Jahr 2060 um die 500 Millionen Menschen leben. „Exakte Prognosen sind nicht möglich, weil Migrationsbewegungen immer von sehr unterschiedlichen Motiven getrieben sind“, sagt Professor Hans Vorländer, Politikwissenschaftler an der TU Dresden. Er ist Mitglied in dem Sachverständigenrat. Armut sei ein Grund, aber auch Klimaveränderung, Kriege, Gewalt und Unterdrückung seien andere. „Und auch wirklich belastbare Prognose über das Bevölkerungswachstum haben wir nicht, nur unterschiedliche Szenarien“, so Vorländer.

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Temporäres Arbeitsvisum gegen „Kaution“

Der Sachverständigenrat macht einen Vorschlag, wie sich Migration aus Afrika nach Europa besser lenken lassen würde: ein temporäres Arbeitsvisum gegen „Kaution“. Statt hohe Summen an Menschenschmuggler zu zahlen, sollten migrationswillige Afrikaner eine bestimmte Geldsumme bei Deutschland oder dem Land, dass sie ansteuern, als Art „Kaution“ hinterlegen. Im Gegenzug können sie regulär einreisen und einen temporären Aufenthaltstitel zur Erwerbstätigkeit erhalten. „Wenn sie fristgerecht ausreisen, wird die als Einreisevoraussetzung erhobene finanzielle Sicherheitsleistung wieder ausbezahlt“, schreiben die Experten. Die Voraussetzung ist, dass der Herkunftsstaat sich vorab zur Rückübernahme verpflichtet.

Das Modell soll den Zielstaaten mehr Kontrolle geben. So könnte nur eine begrenzte Anzahl Menschen für ein solches Programm zugelassen und auch nach Kriterien ausgewählt werden. Der Aufenthalt wäre auf 18 Monate begrenzt, Sozialleistungen könnten die temporären Zuwanderer nicht beziehen. Wer fristgerecht wieder ausreist, erhält die Möglichkeit zu einem weiteren Aufenthalt. Migranten, die in ihr Herkunftsland zurückkehren, könnten dort, so die Hoffnung der Autoren, mit ihren neuen Erfahrungen Arbeit finden, eine Firma gründen oder ihr verdientes Geld in die Landwirtschaft investieren. Doch werden die Deutschen solch ein Zuwanderungsprogramm akzeptieren? Vorländer ist da optimistisch, wenn „klar gemacht wird, dass dies eine Möglichkeit ist, den Mangel an Arbeitskräften bei uns abzustellen und die irreguläre Migration zu verringern.

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Klar ist aber auch, dass dieses Modell eines temporären Visums nicht alle Probleme in der Flüchtlingspolitik löst. Hier fordert der SVR eine verstärkte internationale Zusammenarbeit innerhalb der Europäischen Union (EU). Ab Juli hat Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft bis Ende des Jahres inne. Von der Bundesregierung erwartet Vorländer konkret, dass sie dies nutzt, um darauf zu dringen, „Flüchtlinge aus den Lagern, so vor allem in Libyen, zu evakuieren – weil dort die Menschenrechte verletzt werden und auch die Gefährdung durch Corona groß ist.“ Entscheidend werde dann sein, die EU dazu zu bringen, die Vermeidung irregulärer Migration mit regulären Zugangswegen zu verbinden. „Hierzu ist eine neue partnerschaftliche Kooperation zwischen Europa und den Herkunftsstaaten notwendig. Das nützt allen Beteiligten“, so der Dresdner Migrationsexperte.

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