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Wie Stolz zur Wut wird

Eine Aktivistin erzählt, warum sie die WM angreift. Ein Polizist erzählt, warum er das Turnier verteidigt. Sie sind sich in vielem einig.

Von Philipp Hedemann

Drohend hebt ein kräftiger Polizist seine Hand, um sie auf Maria niedersausen zu lassen. Diesmal ist es zum Glück nur ein Theaterspiel. Aber die zierliche Schülerin weiß, wie es sich anfühlt, von der Polizei mit Gummigeschossen und Tränengas beschossen zu werden. Vor einem Jahr wurde sie bei Demonstrationen gegen die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien verletzt. Wenn die deutsche Mannschaft am Montag in Marias Heimatstadt Salvador da Bahia gegen Portugal ihr erstes WM-Spiel bestreitet, wird die 20-Jährige vor der neu erbauten Arena demonstrieren.

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„Ich bin bereit, in diesem Kampf zu sterben“, sagt Maria mit ruhiger, fester Stimme. Ein Satz, den schon viele Jugendliche gesagt, aber nur sehr wenige wirklich ernst gemeint haben. Maria nimmt man sofort ab, dass sie das tut. Maria ist keine Randale-Aktivistin, sie ist Überzeugungstäterin. „Der Kampf gegen die Fifa, die uns ihre Spielregeln aufdrücken will, ist für mich vergleichbar mit dem Kampf, den unsere schwarzen Vorfahren gegen die Sklavenhalter geführt haben. Sie haben gewonnen“, sagt Maria. In einem stickigen Haus in der Altstadt von Salvador probt sie mit Freunden ein Theaterstück, in dem es um Polizeigewalt geht. „Wenn Kameras und Journalisten dabei sind, halten die Polizisten sich zurück, aber wenn sie sich unbeobachtet fühlen, machen sie mit uns, was sie wollen. Dann haben sie keine Hemmungen mehr“, behauptet Maria.

Die meisten Mitglieder der Theatergruppe werden es wohl beim sicheren „Protest spielen“ belassen. Doch Maria wird wieder auf die Straße gehen, trotz ihrer Erfahrung. „Das Tränengas hat tierisch in der Lunge gebrannt. Außerdem wurde ich am Bein und am Rücken von Gummigeschossen getroffen. Als ich weglief, haben sie von hinten auf mich geschossen.“

Was vor einem Jahr als Protest gegen Fahrpreiserhöhungen bei Bussen und Bahnen in São Paulo begann, weitete sich schnell zu landesweiten Protesten unter anderem gegen die WM aus, die viele Brasilianer als gewaltiges Geldverprassungsspektakel empfinden. Als der fünffache Fußballweltmeister im Oktober 2007 den Zuschlag für die WM 2014 bekam, schwappte zunächst eine Welle der Euphorie durch das Land. Die Fans hofften, dass ihr Team zu Hause den Titel holen würde; die Bürger hofften, dass sich durch Investitionen die Lebensbedingungen für die rund 200 Millionen Einwohner verbessern würden. Der damalige Präsident Lula da Silva, der dazu beigetragen hatte, Brasilien unter anderem durch Rohstoffexporte zur mittlerweile siebtstärksten Wirtschaftsmacht der Welt zu machen und mit Sozialprogrammen Millionen aus der Armut zu führen, weinte vor Glück. Doch jetzt, unmittelbar vor der großen Party, herrscht fast im ganzen Land Katerstimmung.

Gewiss, es gibt immer noch viele, die sich auf das Spektakel freuen. Der Unternehmer Reginaldo und die Schmuckverkäuferin Ailza Souza zum Beispiel. Für das Spiel Deutschland-Portugal hat das Ehepaar zwar keine Karten bekommen, aber immerhin für Bosnien-Herzegowina gegen Iran. „Wir wollen hier ein Fußballfest feiern. Bislang ist zwar keine Feierstimmung aufgekommen, aber spätestens, wenn wir unser erstes Spiel gewonnen haben, geht es bestimmt rund.“ Dennoch können beide verstehen, warum viele Leute auf die Straße gehen. „Es gibt in unserem Land viele Probleme. Die Fifa schöpft die Gewinne ab. Außer dem schönen neuen Stadion wird in Salvador nicht viel von der WM bleiben.“

Um Platz für WM-Bauten zu schaffen, wurden Tausende Menschen umgesiedelt. Oft gegen ihren Willen. Die „Befriedung“ der Armenviertel, in denen Drogengangster das Regiment führten, gelang nur teilweise und unter Einsatz heftiger Gewalt. Unschuldige wurden getötet. Viele Favela-Bewohner, die die Aktionen zunächst begrüßten, klagen nun, dass die Polizisten oft erst schießen und dann fragen. „Wenn du schwarz bist wie ich, bist du automatisch Zielscheibe“, sagt Maria in einer Theater-Pause. Wenige Meter von hier hat Michael Jackson vor 18 Jahren mit Bewohnern von Salvador für das Video zu seinem sozialkritischen Song „They don’t care about us“ (Sie kümmern sich nicht um uns) geprobt. Für Zehntausende Touristen, die während der Fußballweltmeisterschaft durch die engen Gassen der Altstadt flanieren werden, dürften Shirts mit dem Aufdruck des Songs ein beliebtes Mitbringsel sein.

Für Maria und ihre Mitstreiter ist der Song eine Hymne des Widerstands. „Denen ist doch völlig egal, was mit uns, den Leuten aus den Favelas, passiert“, sagt Maria. Mit „denen“ meint sie ein diffuses Feindbild aus Regierung und Fifa. „Die wollen doch nur, dass Salvador während der WM eine schöne Kulisse abgibt.

Tatsächlich ist die Situation in vielen staatlichen Krankenhäusern katastrophal, in der Pisa-Studie belegt Brasilien den 58. von 65 Plätzen, immer wieder kommt es zu Stromausfällen, viele Arbeiter verbringen jeden Tag Stunden in überfüllten Bussen und Bahnen, um zur Arbeit zu kommen. Verbesserungen in Gesundheit, Bildung und Infrastruktur wurden gar nicht, verspätet oder nur halbherzig angegangen.

Weil die Regierung sich bemüht, die Forderungen der Fifa einzuhalten und dabei die Bedürfnisse der Bevölkerung oft vernachlässigt, unterstützt das evangelische Hilfswerk „Brot für die Welt“ derzeit 49 Projekte in dem Schwellenland, aus dem sich viele Hilfsorganisationen bereits zurückgezogen haben. „Die Regierung will die Proteste schon im Keim ersticken“, sagt Fátima Nascimento, Koordinatorin einer brasilianischen Partnerorganisation des Hilfswerks. „Wir unterstützen deshalb jene, die am stärksten darunter leiden, dass die versprochenen Verbesserungen nicht eingehalten wurden.“

Vor einem Jahr waren laut Umfragen noch 65 Prozent der Brasilianer für die WM, im April lag die Zustimmung nur noch bei 48 Prozent. Mehr als die Hälfte der Befragten stimmt mittlerweile den Protesten zu.

„Es wird keine Weltmeisterschaft in Brasilien geben“, rufen Maria und die Mitglieder der Protestbewegung, und es klingt wie eine ernst zu nehmende Drohung.

„Es wird die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten“, sagt Präsidentin Dilma Rousseff von der linken Arbeiterpartei PT, und es klingt wie das Mantra einer Mentaltrainerin, die den Glauben an sich selbst verloren hat. Je lauter die Demonstranten rufen, desto kleiner wird die Hoffnung, dass der Fußball als sozialer Kitt die Gesellschaft zusammenhalten kann. Je mehr Menschen sich den Protesten anschließen, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass Brot und Spiele die Konflikte überdecken.

Die Behörden setzen auf Polizei, Geheimdienst und notfalls die Armee, um zu verhindern, dass die Demonstrationen das Fußballfest, das live bis in jeden Winkel der Welt übertragen wird, überschatten werden. Doch selbst auf die eigene Polizei kann die Regierung sich nicht verlassen. Als Polizisten Mitte April in Salvador streikten, wurden in der 2,5­Millionen­Einwohner­Metropole innerhalb von zwei Tagen mindestens 39 Menschen getötet, Dutzende verletzt und zahllose Geschäfte geplündert. Erst als Präsidentin Rousseff 2.500 Soldaten und 250 Elitepolizisten schickte, wurde das anarchische Gemetzel beendet.

Jetzt sieht es in Salvador wieder friedlich aus. Zumindest dort, wo die WM-Touristen sich tummeln werden. Am Strand spielen Männer Fußball, Frauen in sehr knappen Bikinis schauen ihnen zu. Oberhalb des kleinen Stadtstrandes steht ein Mannschaftswagen im Schatten eines Baums, gelangweilt verfolgt ein Polizist das friedliche Treiben. Seinen Namen will er nicht nennen, aber erzählen will er.

„Ich will ehrlich sein. Es kann sein, dass es auch während der WM zu Streiks kommt, denn unsere Forderungen nach besserer Bezahlung und weniger Überstunden sind noch nicht erfüllt“, sagt der Beamte. Ob die Polizisten noch mal die Arbeit niederlegen werden, ist unklar. Klar ist, dass sie sich mit Demonstranten auseinandersetzen werden. Für den Polizisten wird es mehr als nur eine Straßenschlacht. Es wird ein Gewissenskonflikt. „Ich habe Verständnis für die Demonstranten, die gegen soziale Ungerechtigkeit demonstrieren. Wir warten seit Jahren auf eine U-Bahn. Dafür gab es nie Geld. Und für die WM-Stadien ist plötzlich Geld da. Kein Wunder, dass die Leute sauer sind.“ Die Unzufriedenheit rechtfertige jedoch keine Gewalt. „Wenn wir bei einer Demonstration mit Steinen und Molotow-Cocktails angegriffen werden, wird es kompliziert. Wir können dann nicht mehr zwischen friedlichen Demonstranten und Randalierern unterscheiden, aber wir müssen uns wehren“, sagt der Polizist.

Niemand weiß, ob zuerst ein Stein oder ein Gummigeschoss fliegen wird. Dass beides fliegen wird, da sind beide Seiten sich sicher. Möglicherweise werden Maria und der Polizist einander gegenüberstehen. „Wenn sie schießen, dann wird man richtig wütend, dann will man was kaputt machen, dann will man jemandem eine reinhauen. Was sind unsere Steine gegen ihre Gewehre?“, fragt Maria, um die Gewalt der Straße zu rechtfertigen. Sie weiß nicht, dass einige der Männer, die mit Tränengas schießen, Verständnis für ihre Wut haben. Wut haben sie auch. Und sie haben Waffen.

Und der Polizist sagt: „Ich hoffe, ehrlich gesagt, dass Brasilien früh ausscheidet. Denn wenn wir gewinnen, lassen die Leute sich einlullen, und die sozialen Probleme geraten wieder aus dem Blick.“