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Wie viele Bomben liegen noch im Boden?

Immer wieder taucht das gefährliche Weltkriegs-Erbe auf. Warum eigentlich immer überraschend?

© Ronald Bonß

Von Jens Fritzsche

Bautzen. Drei Tage lang war halb Dresden im Ausnahmezustand; Anfang Mai spielte sich Ähnliches an der stark befahrenen Kreuzung Löbauer/Paul-Neck-Straße in Bautzen ab: Der Grund lag in beiden Fällen seit 73 Jahren versteckt in der Erde; Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg.

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Immer dann, wenn sie bei Bauarbeiten gefunden werden, kommt die beklemmende Frage auf: Wie viele Bomben liegen da eigentlich noch im Boden? Und vor allem wo. „So genau kann das leider niemand wirklich sagen“, macht Jürgen Scherf vom Polizeiverwaltungsamt Dresden klar; dem Amt ist auch der Kampfmittelbeseitigungsdienst unterstellt. „Es gibt zum Beispiel keine umfassenden Listen darüber, wo bereits Munition entschärft worden ist – die Trupps hatten in den Jahren nach dem Krieg einfach viel zu viel zu tun.“ Es gebe allerdings Grundstücke, für die im Grundbuchamt bereits eine entsprechende Untersuchung auf Fundmunition dokumentiert ist. „Man kann also keine pauschalen Aussagen treffen“, weiß Scherf. Noch dazu, weil sich mitunter Geschichten um Angriffe halten, für die es kaum Belege gibt.

Eine dieser Geschichten spielt zum Beispiel in Radeberg. Dort tobt bis heute der Streit, ob es hier einen Luftangriff gab. Denn – und das erstaunt – das Thema ist aus der Erinnerung der Stadt fast verschwunden. Der in Radeberg aufgewachsene Wolfram Klammer weiß allerdings um die Bomben und erzählte der SZ seine Geschichte: Beim Bombenangriff am 7. Mai 1945 auf das Areal um den Bahnhof verlor er seinen Vater und den vierjährigen Bruder. Und es war damals viel spekuliert worden, ob es angloamerikanische Flugzeuge waren. Es dürften aber wohl eher sowjetische Bomben gewesen sein; denn die Sowjets bereiteten in diesen Tagen die Erstürmung Dresdens vor. Außerdem lief die „Prager Operation“. Dabei sollen 3.000 sowjetische Flugzeuge im Einsatz gewesen sein, um versprengte Truppen auszuschalten und Nachschubwege zu zerstören. Die Radeberger Gleisanlagen wurden als gefährlich angesehen. Zudem soll ein SS-Verband unterwegs gewesen sein; die sowjetische Luftaufklärung vermute offenbar verschanzte Truppen, hieß es. Auch hier bleiben Fragen …

Keine vollständigen Karten

Einige Versuche, eine verlässliche Übersicht über mögliche Munitions-Fundorte zu schaffen, hatte es zu DDR-Zeiten aber offenbar dennoch gegeben. Jens Wehner – Historiker am Dresdner Militärhistorischen Museum und Experte für die Schlachten im Zweiten Weltkrieg – kennt zumindest Bemühungen der Volkspolizei, „die damals an einer Gemarkungskarte gearbeitet hat, auf der mögliche Orte für Fundmunition eingetragen wurden; sogenannte Belastungskarten“. Aber auch da könne kein Anspruch auf Vollständigkeit bestehen, auf Sicherheit sowieso nicht.

Der Landkreis Bautzen sei – jedenfalls abseits der Dresdner Randgebiete – allerdings relativ wenig von Luftangriffen behelligt worden, so Jens Wehner. „Wie die Region Dresden überhaupt, auch wenn das mit Blick auf die schlimmen Angriffe auf Dresden eigenwillig klingen mag.“ Aber die Industrie-Areale im Ruhrgebiet zum Beispiel oder auch Hamburg mit seinem Hafen seien für die Alliierten strategisch wichtigere Ziele gewesen. „Auf Essen gab es zum Beispiel weit über 250 Luftangriffe.“ Dennoch ist bekannt, dass es punktuell Bombenabwürfe zwischen Bautzen und Dresden gegeben hat. Und nicht zuletzt gibt es auch hier die schon erwähnten Geschichten, die sich um solche möglichen Angriffe ranken. Aber auch der Historiker rät zu Skepsis, „weil bei so mancher Überlieferung mit den Jahrzehnten Vermutungen zur vermeintlichen Wahrheit umgedeutet wurden.“ Niemand am Boden könne wirklich einschätzen, aus welchem Grund Bomben zum Beispiel beim Anflug auf Dresden auf Orte entlang der Flugstrecke fielen, „ob die Piloten ihre Maschinen etwa bei technischen Probleme leichter machen wollten“ zum Beispiel.

Auch, wenn es vergleichsweise wenige Luftangriffe gab, glimpflich davongekommen ist der Landkreis Bautzen im Zweiten Weltkrieg nicht. Aber es handelte sich eher um Bodenkämpfe, beschreibt Historiker Wehner. „Man denke nur an die brutale Schlacht um Bautzen; da liegt sicher noch eine Menge Munition im Boden.“ Allerdings seien gerade im Zusammenhang mit dieser Schlacht auch Fliegerbomben nicht ausgeschlossen. Und wurden ja auch schon gefunden: eine 150-Kilo-Bombe an der Autobahnabfahrt Bautzen-West zum Beispiel oder beim Bau der neuen B 156 im Januar 2001 ein 50-Kilo-Exemplar.

Mythen um Schlacht bei Bautzen

Um die Schlacht um Bautzen ranken sich bis heute zahlreiche Mythen. Es war das letzte vermeintlich erfolgreiche Aufbäumen der deutschen Wehrmacht gegen die immer weiter vorrückenden sowjetischen und polnischen Truppen. Tagelang – zwischen 21. und dem 26. April 1945 – tobten hier eine deutsche Panzeroffensive auf der Linie Bautzen-Weißenberg und ein erbitterter Häuserkampf in der zur „Festung“ erklärten Stadt Bautzen. Um die 50.000 deutsche Soldaten standen hier unter anderem etwa 90.000 Mann der 2. Polnischen Armee gegenüber. Bis nach Königsbrück reichten die Kämpfe dabei, wo die 1. Polnische Division vernichtet wurde. Die Deutschen konnten vorübergehend Bautzen komplett zurückerobern; am Kriegsverlauf änderte das allerdings nichts mehr. Tausende tote Soldaten waren das traurige Ergebnis, fast ein Drittel des Wohnungsbestands in Bautzen wurde zerstört …

Ähnlich brutal waren die Kämpfe um Hoyerswerda. Die Stadt war – wie auch Bautzen – von den Nazis zur „Festung“ erklärt und irrwitzig verbissen verteidigt worden. Durch Artilleriebeschuss und Brände wurden etwa 40 Prozent des Kerns der damals um die 7.000 Einwohner zählenden Stadt zerstört.

Der Landkreis hat mit Blick auf mögliche Blindgänger oder gefährliche Munitionsreste allerdings noch eine Besonderheit: zahlreiche Militärgebiete. „Überall, wo Militär stationiert war, ist natürlich auch mit Munitionsresten im Boden zu rechnen“, verweist Jens Wehner auf seine Recherchen. Neben den großen Kasernen in Bautzen oder der einstigen Fliegerhochschule Kamenz zum Beispiel, rückt vor allem die Königsbrücker Heide ins Blickfeld. Knapp 70 Quadratkilometer groß, diente das Areal seit 1907 als Truppenübungsplatz. Deutsche Armeen und die Sowjets nutzten das Gelände bis 1992. Heute ist es strenges Naturschutz-Gebiet. Das Betreten ist verboten. Auch, weil der Boden voller militärischer Altlasten ist, die kaum beseitigt werden können. Auch hier gilt: Wie viel da wirklich liegt, weiß niemand …

Streng verbotenes Areal

Neun Dörfer mussten 1907 dem Willen der Militärs weichen; über 2.000 Menschen verloren ihre Heimat. Das Militär brauchte einen Truppenübungsplatz und wollte ihn mitten in der Königsbrücker Heide. Ein paar Reste der Häuser der einstigen Bewohner stehen bis heute; aber ans Militär erinnern eigentlich nur noch die riesigen Geheimbunker, in denen die Sowjetunion zu DDR-Zeiten ihre SS-12-Atomraketen lagerte. Ansonsten hat sich die Natur das riesige Areal um die herrliche Königshöhe zurückerobert, von der aus einst Raketenschützen Zielübungen absolvierten. Der Wolf ist hier längst heimisch; und wer sich einer der geführten Touren durch das streng verbotene Areal anschließt, kann sogar Triops finden. Eine 300 Millionen Jahre alte Mini-Krebsart, die in Deutschland als ausgestorben galt …

Was bleibt, ist also letztlich nur die Gewissheit, dass es keine Gewissheit geben kann. „Wir wissen nicht mal, ob die Flugzeug-Beladungslisten der Briten und Amerikaner richtig sind“, sagt Jürgen Scherf. Und Historiker Jens Wehner verweist auf interaktive Karten im Internet, auf denen zum Beispiel die Bombentreffer auf London nachvollziehbar sind. „Das Geschehen gegen Ende des Krieges hier in der Region war aber chaotischer und niemand hatte Zeit, solche Listen zu führen …“