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Wie viele demonstrierten gegen die Corona-Regeln?

1,3 Millionen oder 20.000: Warum der Streit politisch ist, Veranstalter meist übertreiben und wie viele Menschen rechnerisch auf die Fläche passen.

Links: Die Straße des 17. Juni in Berlin ist während der Demo gegen die Corona-Maßnahmen nicht annäherend gefüllt. Im Internet kursiert dagegen das rechte Foto, das deutlich mehr Menschen zeigt. Die Masse füllt selbst den „Großen Stern“ um die
Links: Die Straße des 17. Juni in Berlin ist während der Demo gegen die Corona-Maßnahmen nicht annäherend gefüllt. Im Internet kursiert dagegen das rechte Foto, das deutlich mehr Menschen zeigt. Die Masse füllt selbst den „Großen Stern“ um die © imago/Christian Spicker, AP/Henrik Pohl

Von Julius Betschka

Das Foto zeichnet das beeindruckende Bild einer Massenbewegung. Dicht an dicht stehen Tausende Menschen auf der Straße des 17. Juni in Berlin. Vom Brandenburger Tor bis zur Siegessäule ist kaum ein Millimeter Asphalt zu erkennen. Triumphierend wird diese Aufnahme gerade auf Facebook, Twitter und in Messenger-Gruppen der Corona-Demonstranten vom Wochenende geteilt.

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Nur ist dieses Bild nicht während des Corona-Protests entstanden, sondern bereits vor 19 Jahren: zur Loveparade 2001 – als angeblich insgesamt eine Million Menschen auf der völlig überfüllten Straße des 17. Juni tanzten. Das Foto ist fast zwei Dekaden nach seinem Entstehen zu einer Waffe in einem Zahlenkrieg geworden, der nicht neu ist, aber immer bizarrere Ausmaße annimmt. 

In der Spitze sollen laut Polizei rund 20.000 Menschen bei der Abschlusskundgebung der Corona-Proteste am Samstag teilgenommen haben. Zuvor sollen bei einem Protestzug Unter den Linden rund 17.000 Menschen mitmarschiert sein. Diese Zahlen hatte auch der Tagesspiegel übernommen. Die Veranstalter von „Querdenken711“ dagegen sprechen von 800.000 oder über 1,3 Millionen Menschen, die an der Demonstration teilgenommen haben sollen. 

Sie werfen Medien, die die Zahlen der Polizei übernehmen, und der Polizei selbst Falschberichterstattung vor. Wie sie ihre Zahlen errechnet haben wollen, geben die Veranstalter nicht an. Teils wird ein gefälschter Tweet der Polizei als Beleg angegeben.

Luftbilder liefern Basis für Schätzung

Die Polizei teilt auf Anfrage mit, es seien Übersichtsaufnahmen durch einen Hubschrauber gemacht worden. In der Einsatzleitstelle hätten erfahrene Beamte aufgrund der Aufnahmen die Zahl der Teilnehmer geschätzt. So passiert es mittlerweile bei fast allen größeren Demonstrationen.

Mutmaßungen nach höheren Teilnehmerzahlen, die am Samstagabend auf der Bühne verkündet wurden und etwa auch vom AfD-Bundesvorstand Stephan Protschka und mehreren Berliner AfD-Abgeordneten verbreitet wurden, wies die Behörde explizit zurück: „Eine exorbitant höhere Zahl, die laut verschiedener Tweets durch uns genannt worden sein soll, können wir nicht bestätigen“, twitterte die Pressestelle der Behörde.

Demonstranten auf der Demo gegen die Corona-Regeln.
Demonstranten auf der Demo gegen die Corona-Regeln. © dpa/Fabian Sommer

Für die Polizei ist ein Überblick über das Demonstrationsgeschehen und die Zahl der Teilnehmer aus einsatztaktischen Gründen wichtig. „Wir richten danach die Steuerung unserer Kräfte aus“, sagte ein Polizeisprecher am Montag. Die Polizei versuche so, die Menschenmassen zu leiten, Engpässe schnell zu entlasten. Die Aufnahmen würden allerdings weder gespeichert noch veröffentlicht. Dies sei nicht ohne Weiteres erlaubt.

Für die Veranstalter haben die Zahlen eine ganz andere Relevanz: Je mehr Menschen auf eine Demonstration gehen, desto größer der Erfolg für die Organisatoren. Hohe Teilnehmerzahlen sollen Bedeutsamkeit vermitteln, politischen Forderungen Relevanz verleihen.

Auch Pegida schätzte großzügig

Dass diese Angaben zwischen Polizei und Veranstaltern variieren, passiert deshalb fast bei jeder größeren Demonstration. Meist schätzen die Veranstalter die Zahlen deutlich höher ein als die Polizei. Wer letztlich recht hat, lässt sich oft nur schwer belegen. Es lassen sich allerdings Tendenzen erkennen.

So veröffentlichte etwa die in Teilen rechtsradikale Pegida-Bewegung Anfang März 2015 nach einer Kundgebung Teilnehmerzahlen von bis zu 15.000 Menschen, die Polizei sprach von rund 7.000 Personen. Ein Forscherteam der Uni Leipzig untersuchte am gleichen Abend mit drei verschiedenen Methoden die Anzahl der Menschen und kam auf noch weniger Teilnehmer: je nach Zählmethode auf rund 5.500 bis maximal 6.000. 

Eine Pegida-Kundgebung auf dem Neumarkt. Die Teilnehmerzahlen sorgen immer wieder für Diskussionen.
Eine Pegida-Kundgebung auf dem Neumarkt. Die Teilnehmerzahlen sorgen immer wieder für Diskussionen. © Ronald Bonß

Bei den Protesten gegen das Bahnhofsprojekt „Stuttgart21“ wurde ebenfalls andauernd um die Zahl der Teilnehmer gestritten. Während die Organisatoren im Februar 2011 von fast 40.000 Menschen sprachen, schätzte die Polizei die Zahl auf etwa 13.000. Der Bürgerreferent des Polizeipräsidiums Stuttgart ließ daraufhin Luftaufnahmen machen, sie von mehreren Beamten durchzählen und diese zum Beweis veröffentlichen.

Ein anderes, unpolitisches Beispiel: Dass etwa eine Million Menschen auf die Straße des 17. Juni passen, behaupteten lange Jahre auch die Veranstalter der Silvestermeile am Brandenburger Tor. Erst nach einer Recherche der Tageszeitung Taz räumte die Pressesprecherin des Veranstalters im Jahr 2013 ein, die Zahl werde aus Marketinggründen genannt.

Laut dem Online-Tool „Mapchecking“, das das Ausrechnen von Teilnehmerzahlen in ausgewählten Gebieten ermöglicht, beträgt der Straßenraum zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule gut 55.000 Quadratmeter. Bei bis zu drei Personen pro Quadratmeter gebe es laut Bewegungsforschern ausreichend Platz, bereits ab vier Personen gibt es hohe Risiken zu stolpern.

Kein Vergleich zur Loveparade

Will man kein Sicherheitsrisiko eingehen, passen zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor also rund 165.000 Menschen. Diese Zahl läge tatsächlich deutlich über den Schätzungen der Polizei, aber noch deutlicher unter denen der Veranstalter.

Wie realistisch sind nun die Schätzungen vom Wochenende? Übersichtsfotos der Deutschen Presseagentur zeigen, dass die Straße des 17. Juni während der Demonstration gegen die Corona-Regeln nur zu einem kleinen Teil gefüllt war. Die Teilnehmer stehen auch nicht ansatzweise so dicht beieinander wie 2001 während der Loveparade, die Straße ist auch nicht so gut gefüllt wie beim Start des Berlin-Marathons mit 40.000 Teilnehmern. 

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Allerdings hatte die Polizei am Samstag auch schon früh Zugänge gesperrt, um das Einhalten der Abstandsregeln zumindest theoretisch zu ermöglichen – womöglich sammelten sich also einige auf Zubringerwegen. Insgesamt sind die Zahlen der Polizei dennoch deutlich realistischer einzuschätzen als die unbelegten Behauptungen der Veranstalter – auch wenn letztlich niemand beweisen kann, wie viele Menschen genau auf der Demonstration waren.

Diese Restunsicherheit hatten die Stuttgarter Veranstalter von „Querdenken711“ schon im Vorhinein ausnutzen wollen: In Internetaufrufen hatten sie von 500.000 Menschen gesprochen, die aus ganz Deutschland nach Berlin reisen würden. Erst kurz vor dem Wochenende hatten sie die Demonstration dann offiziell bei der Polizei angemeldet: mit 10.000 Teilnehmern.

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