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Wie wir sterben wollen

Wie Deutschlands alternde Gesellschaft dem Tod begegnen will - und wieso Corona unsere letzten Tage verändert.

Wir haben alle ganz eigene Vorstellungen, wie wir bestattet werden wollen. Von unseren den letzten Tagen erwarten wir hingegen alle das Gleiche.
Wir haben alle ganz eigene Vorstellungen, wie wir bestattet werden wollen. Von unseren den letzten Tagen erwarten wir hingegen alle das Gleiche. © www.plainpicture.com

Bilder aus überfüllten Krankenhäusern in New York und Italien zeigen vor allem eins: So möchte niemand sterben. Das Virus bringt ein Thema zurück, dass viele aus ihrem Alltag verbannt haben. Das beginnt schon im Kindergarten: "Da gibt es großartige Bücher zum Umgang mit dem Tod, doch meistens befinden die sich in einer Kiste und werden nur rausgeholt, wenn wieder das schwierige Thema hochkommt. So erfahren Kinder nicht, dass es Normalität ist", berichtet Heiner Melching, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin.

Dabei sollte offener übers Sterben gesprochen werden, denn schon jetzt kommen in Deutschland auf jede Geburt zwei Todesfälle. In 15 Jahren dürfte es ausgedünnte Landkreise geben, in denen für jede Entbindung vier Beerdigungen stattfinden. Die deutsche Alterspyramide bekommt nach und nach eine Urnenform.

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Doch im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Umbrüchen gibt es einen großen Unterschied: Das zeigt eine repräsentative Studie vom Berlin-Institut, die sich mit Wünschen und Sorgen mit Blick aufs Lebensende befasst. Eine zentrale Erkenntnis ist, dass unsere Vorstellungen gar nicht so weit auseinandergehen. Egal ob jung oder alt, arm oder reich: Ein würdevolles, gutes Sterben soll schmerzfrei, unter guter medizinischer Versorgung, im Rahmen unserer Liebsten und am besten zuhause stattfinden.

Palliativmediziner sind ungleich verteilt

Tatsächlich sterben über 60 Prozent der Deutschen im Krankenhaus oder im Pflegeheim und auch nicht immer im Rahmen der Familie. Besonders viele Babyboomer sind kinderlos geblieben und haben Angst, einsam zu sterben. "Das haben wir immer wieder gehört und es ist auch nicht ganz unbegründet, denn das Alter macht einsam", so Adrián Carrasco Heiermann, ein Autor der Studie.

Vor allem für Teilnehmer die Lücken in der Versorgung von Sterbenskranken sehen, war es besonders wichtig ihre letzten Stunden mit Angehörigen und Freunden zu teilen - je kleiner der Wohnort, desto eher vermissen die Bewohner ambulante palliativmedizinische Angebote oder Hospize.

Melching wirbt deshalb dafür,  die palliativen Leistungen endlich dort hin zu bringen, wo sie gebraucht werden: Nach Hause und in die Pflegeheime. Aber auch der bundesweite Vergleich zeigt Lücken. In Sachsen kommen nach einer Auswertung der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2015 auf 100.000 Einwohner 9,3 ambulante oder stationären Palliativmediziner. Damit liegt der Freistaat unter dem Bundesdurchschnitt.

Fast die Hälfte der Bevölkerung hat hingegen schon mal mit einem nahen Angehörigen die letzten Stunden verbracht. Eine Erfahrung, die auch die Einstellung zum eigenen Tod verändert: Heiermann kann von vielen ambivalenten Erfahrungen berichten. Teilweise plagte die Befragten seither ein schlechtes Gewissen, trotzdem schließen sie es nicht aus noch mal jemanden in den Tod zu begleiten, da sie die Aufgabe als sehr sinnstiftend empfunden haben.

Ich habe mich nicht getraut, das zu erzählen

Einen Sterbenden zu begleiten erfordert viel Zeit und Energie. Daher benötigen die Begleiter mehr Unterstützung. In der Umfrage gaben gerade einmal 22 Prozent an, dass ihnen Freunde, Kirche oder Kommune eine große Stütze waren. Und auch professionelle Hilfen kritisieren sie: Das Personal in Heimen und Krankenhäusern habe keine Zeit, sich liebevoll um die Menschen zu kümmern.

In der Studie spiegelt sich das in tiefst bedruckenden Aussagen wieder:  "Ich bin einmal in ein Zimmer reingekommen, da war eine Frau im Sterben und habe vor lauter Schreck die Türe wieder zugemacht. Wie schlimm ist das denn? Ich habe mich gar nicht getraut, das zu erzählen."

Dabei wäre es wichtig über diese Erfahrungen zu sprechen. Früher fühlten sich die Menschen mit solchen Gedanken in der Kirche aufgehoben, heute teilen sie die mit nahen Familienmitgliedern oder Freunden. Doch was, wenn die nicht da sind? Die Scheidungsraten sind gestiegen und unter den Babyboomern ist fast jede fünfte Frau kinderlos. Die Autoren der Studie hoffen, dass die Nachbarschaft in Zukunft diese Lücke bei der Sterbebegleitung schließen könnte, nicht nur auf dem Dorf, sondern auch in den Kiezen der Städte.

Corona macht atmosphärisch viel kaputt

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Die Ergebnisse der Studie stammen aus dem Spätherbst, seither hat sich in der Sterbehilfe viel verändert. "Es ist ziemlich herausfordernd geworden übers Sterben und seine Ängste zu sprechen, wenn einem jemand vermummt wie ein Marsmensch gegenüber sitzt", berichtet Melching aus seinem neuen Alltag. In vielen Palliativstationen dürften die Patienten nur noch zu drei Verwandten Kontakt haben und auch die dürfen sich nur einzeln im Zimmer aufhalten. "Es ist ein bisschen verrückt, dass sich selbst schwerkranke Palliativpatienten vom Begriff Corona betroffen sind, der atmosphärisch ganz viel ausmacht."

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