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Wie wird laut sein wieder sexy?

Anders als frühere Bewegungen hat Fridays for Future noch keinen eigenen Protestsong. Warum eigentlich nicht?

Joan Baez und Bob Dylan am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit. Martin Luther King hielt auf der Veranstaltung seine berühmt gewordene Rede „I have a dream“.
Joan Baez und Bob Dylan am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit. Martin Luther King hielt auf der Veranstaltung seine berühmt gewordene Rede „I have a dream“. © imago/zuma press

Von Gunnar Leue

Jugendprotest hat wieder einen Namen: Fridays for Future, oder auch – nach der Initiatorin – Greta Thunberg. Die 16-Jährige wurde von einer schwedischen Kirchengemeinde bereits zur „auserwählten Nachfolgerin“ des Jesus von Nazareth erkoren. Dafür kann sie nichts. Religiös überbordende Menschen haben oft eine spezielle Weltsicht, wie schon die Beatles 1966 zu spüren bekamen. 

Die Band traf damals reichlich Hass, nachdem John Lennon sie für „populärer als Jesus“ erklärt hatte. Thunbergs Heiligsprechung ist genauso surreal, hat aber ein reales Fundament. Fridays for Future ist die wirkungsvollste politisch ausgerichtete Jugendprotestbewegung seit den Lebzeiten von John Lennon. Sie hat enorme Ausstrahlung, aber eines hat sie nicht: einen eigenen markanten Song, eine Art Hymne der Bewegung.

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Vertonung von Rebellentum

Dabei gehörten sie immer zu Protestbewegungen dazu, vor allem in den 1960er-Jahren. Der damals bereits populäre Gewerkschaftersong „We Shall Overcome“ avancierte zum Protesthit der US-Bürgerrechtsbewegung, nachdem ihn Joan Baez im August 1963 vor über 200.000 Zuhörern auf dem Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit sang. 

Sie spielte ihn danach nicht nur auf weiteren Demonstrationen, sondern 1969 auch auf dem Woodstock-Festival. Dort artikulierte sich Protestmusik vor allem gegen den Vietnamkrieg allerdings schon anders als in der klassischen Klampfe-Mundi-Form, mit denen auch Bob Dylan („The Times They Are A-changing“) zuvor reüssiert hatte. Jimi Hendrix’ Auftritt hatte nichts Bardenhaftes mehr, als er die US-Nationalhymne auf der E-Gitarre infernalisch zerfetzte. Andere Bands drückten ihren Protest gegen Kriegsgewalt mit aktuellen rock- und popmusikalischen Mitteln aus. Während die Rolling Stones dem „Street Fightin’ Man“ huldigten, sangen die Beatles ihren Protest gegen den Gewaltirrsinn 1967 als „All You Need is Love“-Appell.

Nicht zuletzt deshalb gehört es zu den Mythen der Rockmusik, dass sie ein Weltverbesserungsgen in sich trägt. Sie gilt als die Vertonung von Rebellentum, seit parallel zum Siegeszug des Rock ’n’ Roll eine Emanzipation der Jugend von diversen autoritären Fesseln stattfand. Rockmusik stand von Anfang für die Freiheit des Einzelnen – gern in der Kombination Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll. Die subversive Kraft der rockigen Töne wirkte nicht nur in den westlichen Wohlstandsgesellschaften. Sie beschleunigte auch die Erosion des stalinistischen Sozialismusmodells unter Beteiligung der dortigen Rockbands.

Gitarren statt Knarren

Wenn Ende der Achtzigerjahre die Bands Pankow oder Sandow in Songs wie „Langeweile“ oder „Born in the GDR“ über die Desillusionierung der DDR-Jugend sangen, wurden die von Fans und Funktionären ziemlich klar als Protestlieder gegen die Sozialismus-ist-toll-Saga der Herrschenden verstanden. In der alten Bundesrepublik konnte Protest viel unverblümter und risikofreier ins Mikro geschrien werden – gegen Atomkraft, gegen Nato-Nachrüstung, gegen das ganze herrschende System. („Macht kaputt, was euch kaputtmacht“, Ton Steine Scherben)

In der neuen, gesamtdeutschen Bundesrepublik formierte sich nach den ausländerfeindlichen Attacken der Rechten noch einmal kurz eine musikalische Protestfront („Arsch huh, Zäng auseinander“). Aber seit der Jahrtausendwende führt die Protestmusik im Schatten des dominierenden Selbstbespiegelungspops eine eher klägliche Existenz. Den Ex-Musikfernsehmoderator und Podcaster Nilz Bokelberg animierte das zu einem Vortrag auf der Republica-Konferenz mit dem Titel „Gitarren statt Knarren – Wir holen uns den Protestsong zurück“.

Die Frage ist: Wie? „Wie wird laut sein wieder sexy?“, fragte Bokelberg. „Und wann, verdammt noch mal, bekommen wir endlich wieder ein geiles Gitarrensolo?“ Bokelberg behauptet, dass die Geschichte des Protestsongs vor allem eine des künstlerischen Scheiterns ist. Obwohl er selbst nicht recht an die Kraft des Liedes als Weltveränderungskunst glaubte, würdigte er Protestsongs doch als Anstoßgeber und Motivationsmusik. Dazu bräuchte es freilich talentierte Songwriter, die eine klare Botschaft, Haltung und eingängige, einfache Rhythmik ausdrücken könnten, sprich „griffige Parolen zum Mitgrölen auf der Straße“ lieferten.

Wäre es hilfreich, wenn Helene Fischer nicht nur Konzertansagen pro Menschlichkeit machen würde, sondern auch singen würde „Atemlos in die Schlacht gegen rechts“, zum Beispiel? Oder sind gänzlich neue Protestformen gefragt? Was ist mit den Gamern oder mit singenden Influencern? Oder mit Chören wie dem Berliner Mieterchor? In dem singen 20 Bewohner eines von Luxussanierung betroffenen Hauses gegen den Gentrifizierungswahn. Allerdings nicht mit „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, sondern mit „Kleiner grüner Kaktus“ und „You’ll never walk alone“.

Für die Sprache der Jugend

Auf das „Festival Musik und Politik“, das im Frühjahr in Berlin stattfand, hätte der Mieterchor gut gepasst, wie Mitveranstalter Holger Schade findet: „Bei uns ist nicht die musikalische, sondern die inhaltliche Form die Klammer. Ob Reggae, Metal, Liedermacher, Rapper oder Punkbands, wir versuchen einen genreübergreifenden Ansatz.“ Es gehe bei Protestmusik ja immer auch um Selbstverständigung von Gleichgesinnten und ums Kennenlernen von Neuem. Schade glaubt nicht, dass es heute weniger Protestmusik gibt als früher, nur das Agitatorische sei passé. „Es bringt ja nichts, wenn du singst: Du bist nur gut, wenn du Bio isst, Fahrrad fährst und an alle Flüchtlinge denkst. Das ist zu platt, damit erreichst du allerhöchstens Leute, die schon bekehrt sind. Aber so bringst du keinen zum Nachdenken.“

Die Ärzte packten ihr Fremdeln mit dem Protestsong-Genre einst in den „Grotesksong“: „Dies ist ein Protestsong, gegen Protestsongs, ich hab es so satt!“ Was nicht heißt, dass die Band das Songthema „Protest“ ablehnt. Die Ärzte bringen es nur auf klügere, witzigere Weise an die Hörerschaft, wenn sie im Song „Deine Schuld“ singen: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist / Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt“.

Brauchen wir also neue Protestsongs? Genre-Ikone Joan Baez sagte in einem Interview, es sei heute nahezu unmöglich, ein Lied wie „We Shall Overcome“ zu schreiben, das alle gemeinsam singen könnten. Aber vielleicht kümmere das die jungen Menschen, die zum Beispiel in den USA gegen die Waffengesetze auf die Straße gingen, gar nicht, weil sie einfach Hip-Hop hörten. Sie selbst würde nicht Teil einer Bewegung sein wollen, die keine Musik habe.

Natürlich müsse man, um die jungen Leute zu erreichen, auch ihre musikalische Sprache sprechen, sagt Konstantin Wecker. Der Münchner Liedermacher, der sich trotz seiner Lieder gegen Rassisten und Faschisten nie als Protestsänger sah, weil ihm das Genre oft mit zu platter Musik bestückt schien, gibt gelegentlich Seminare für Songwriter an der Uni Landau. Dort erschien kürzlich eine junge Frau, die auf der Gitarre ein schlicht-schönes Lied für die Rettung der Bienen vortrug. Wecker war baff: „Ich dachte, das ist eigentlich der Fridays-for-Future-Song. Der hatte diese ehrliche Naivität, die ich überhaupt nicht negativ finde. Das kann eben nur eine 21-Jährige.“ Aber braucht es überhaupt einen Fridays-for-Future-Song? Wecker meint: „Vielleicht ist die neue Art des Protests wirklich das, was der Youtuber Rezo mit seinem Video über die CDU gemacht hat.“

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