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Wie Wörter ins Gedächtnis kriechen

Drei Wochen lang spielen 50 Kinder am TJG Theater und lernen dabei Deutsch. Zu Beginn war einiges zu klären. 

Bewegungsspiele gehören zum Konzept. Am Endes TJG-Theaterprojektes werden die Kinder ihren Eltern und Freunden ein Stück vorspielen.
Bewegungsspiele gehören zum Konzept. Am Endes TJG-Theaterprojektes werden die Kinder ihren Eltern und Freunden ein Stück vorspielen. © Sven Ellger

Es pfeift und zischt. Ohrenbetäubend. Zehn. Neun. Acht. Sieben... Abflug! Die Rakete ist gestartet, mit allen Kindern an Bord. Tagesbeginn im Theater Junge Generation, wo rund 50 Mädchen und Jungen spielend Deutsch lernen. Theaterspielend.

Im Universum der Probebühnen gelandet, docken die Schüler am Stuhlkreis an. „Bist du arabisch?“, fragt Kaled und sieht den ungebetenen Gast aus dunklen Augen an. „Wie heißt du?“, ruft Sima von drei Plätzen weiter. Leonie Ahmer bittet um Ruhe. Die Theaterpädagogin hat besondere Fähigkeiten. Sie kann Flöhe hüten. Dabei hilft ihr eine Schildkröte. Sie passt in einen Handteller und schimmert bunt. Wer das Stofftier festhält, darf sprechen. Die andern haben Sendepause.

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Das Tierchen wandert zu der fremden Frau im Reigen der Kinder, die erklärt sich: Nein, sie ist nicht arabisch, kommt von der Zeitung und will miterleben, was Kaled und Sima, Tino und Sirian und all die anderen hier machen. Aus verschiedenen Dresdner Schulen sind sie ins Kulturkraftwerk gekommen, zwischen acht und 12 Jahre alt. Fast alle besuchen sogenannte DaZ-Klassen. Deutsch als Zweitsprache bedeutet das. Die Mädchen und Jungen sind aus Syrien, Afghanistan, der Türkei, aus Russland oder Georgien nach Deutschland gezogen. Manche sprechen sehr gut Deutsch, andere haben damit Schwierigkeiten. Theater funktioniert auch ohne Worte, doch wo Erklärung nötig ist, helfen sich die Kinder untereinander.

„Worauf war jeder von euch gestern so richtig stolz auf sich?“, will Leonie Ahmer wissen. Nicht jeder versteht. Stolz auf sich sein, was bedeutet das? Ein Junge mit wilden Locken schaut fragend in die Runde. In der Mitte des Stuhlkreises liegt eine Karte auf dem Boden. Ein großes glitzerndes Fragezeichen darauf. Wer Probleme hat, den Gesprächen in der Gruppe zu folgen, darf es zur Hand nehmen und hochhalten. Dann stoppen die Theaterpädagogen das Geschehen und sorgen dafür, dass jedes Kind versteht, was gerade besprochen wird. Doch auch, um Hilfsmittel zu erklären, braucht es Deutsch.

Sima aus Syrien spricht ohne Akzent. Bereitwillig übernimmt sie das Dolmetschen. Doch zuvor will Leonie Ahmer in deutscher Sprache wissen: Was ist das, stolz auf sich zu sein? Abbas aus Afghanistan erklärt: „Wenn jemandem etwas gut gelungen ist, dann kann er von sich selbst sagen: Das habe ich wirklich gut gemacht.“ Sima übersetzt, alle Kinder nicken. „Ich war gestern ein richtig echter Zombie!“, ruft Kaled und springt vom Stuhl auf. Auch seinen kleinen Theaterfreunden fallen Dinge ein, die stolz machen.

Kartoffelsuppe oder Quarkkäulchen? Die Wahl des morgigen Mittagessens verlangt eine kurze Pause. Kartoffelsuppe geht klar. Aber was ist dieses unaussprechliche Gericht? Mit Händen und Füßen erklären sich Kinder und Erwachsene gegenseitig, was sie darunter verstehen. Süß. Teig. Eierkuchen. Die Vokabeln purzeln durch den Raum, spielend Deutsch zu lernen, findet hier auch neben der Bühne statt. Wie zum Beispiel beim Waschstraßenspiel. „Das ist ein typisches pädagogisches Kontaktspiel“, erklärt Sophia Keil. Sie leitet die TJG-Theaterakademie. Neben Schauspiel und Puppentheater gehört sie zum Angebot des Kinder- und Jugendtheaters und bündelt alle Theaterprojekte, in denen sich junge Leute selbst einbringen und ausprobieren können. In diesem Rahmen betreut Sophia Keil das Konzept „Spielend Deutsch lernen“ und arbeitet dafür mit freiberuflichen Kollegen zusammen. Partner sind die TU Dresden und die 102. Grundschule „Johanna“ in Johannstadt. Insgesamt drei Wochen lang kommen die Schülerinnen und Schüler von Montag bis Freitag ins Theater. Ihre Eltern zahlen dafür nichts.

Das Sitzen im Stuhlkreis hat den Bewegungsdrang entfacht, und Leonie lädt alle Kinder in die Autowaschstraße ein. Die sind sie selbst, indem sie ein Spalier bilden und jeweils einen Mitspieler hindurch gehen lassen. „Welches Auto willst du sein? Ein Opel? Klasse!“ Alt oder neu, sauber oder schmutzig, glänzend oder staubig? Sanfte Wäsche oder ordentlich schrubben? Wörter über Wörter massiert das Spiel unmerklich ins Gedächtnis, während unzählige Kinderhände den Opel an Armen und Rücken fleißig einseifen.

„Damit lernen Kinder, ihre ganze Aufmerksamkeit einem anderen Kind zu schenken, einmal nicht im Mittelpunkt zu stehen, sondern dem Nächsten etwas Gutes zu tun“, erklärt Sophia Keil vom TJG. Einander kennenzulernen und Regeln des Miteinanders anzunehmen, auch das gehört zum pädagogischen Ziel. „Die ersten Tage hat für die Kinder eine herausragende Rolle gespielt, woher jemand kommt“, erzählt die Theaterpädagogin. Der Schulterschluss zwischen Landsleuten gab in der fremden Umgebung Sicherheit.

Nun verlagere sich der Fokus von der Herkunft auf andere Dinge: Aha, du trägst wie ich eine Brille! Aha, ich esse wie du auch gern Äpfel. Gemeinschaften im Geist, die dem Alltag näher sind als die Ausnahmesituation. Und was bestimmt den Alltag stärker als eine gemeinsame Sprache?

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