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Wie zwei Schwestern das Hören neu lernen

Implantate machen es möglich, dass selbst taube Menschen Sprache verstehen. Die Technik hat aber nicht nur Befürworter.

Luise Müller (links) und ihre Schwester Lisanne teilen das gleiche Schicksal: Sie sind hochgradig hörgeschädigt. Mithilfe von Cochlea-Implantaten können sie sich auch per Handy ganz normal unterhalten. Luise studiert in Dresden, Lisanne in Potsdam.
Luise Müller (links) und ihre Schwester Lisanne teilen das gleiche Schicksal: Sie sind hochgradig hörgeschädigt. Mithilfe von Cochlea-Implantaten können sie sich auch per Handy ganz normal unterhalten. Luise studiert in Dresden, Lisanne in Potsdam. © Jürgen Lösel

Hörst du, wie die Grillen zirpen?“, hatte die Mutter immer wieder gefragt, wenn sie mit Luise über die Wiesen spazierte. Nein, die Tochter hörte die Grillen nicht. Sie hatte keinen blassen Schimmer, was das für ein Geräusch sein könnte. Sie trug zwar zwei Hörgeräte, mit denen sie die Worte der Mutter verstehen konnte. Aber die Töne der Natur, das Zwitschern der Vögel, das Pfeifen des Windes, das alles blieb für sie ein großes Mysterium.

Luise Müller ist hörgeschädigt, von Geburt an. Den Eltern blieb das lange verborgen, obwohl ihre Tochter kaum ein Wort über die Lippen brachte. „Die will nicht sprechen“, sagten die Ärzte. Bis ein Hörtest zu einer Diagnose führte: Luise litt beidseitig unter einer mittelgradigen Schwerhörigkeit.

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Mehr als fünf Millionen Deutsche haben nachweislich Probleme mit dem Hören. Die Dunkelziffer dürfte deutlich größer sein, schätzt Professor Marcus Neudert, Geschäftsführender Oberarzt der HNO-Klinik am Dresdner Uniklinikum. „Wenn jemand schlecht sieht, dann entscheidet er sich für eine Brille. Wenn jemand schlecht hört, dann ist er viel leidensfähiger.“

Das bleibe nicht ohne Folgen, warnt Neudert: „Schwerhörige Menschen müssen sich ungeheuer anstrengen, wenn sie kommunizieren – und das kostet viel Energie.“ Deshalb seien Betroffene schneller erschöpft und müde. Und wer sich zurückzieht, geht das Risiko von Vereinsamung ein. Mögliche Folgen sind psychische Probleme bis hin zur Depression.

Gymnasium war die bessere Alternative

Luise Müller bekam irgendwann Hörgeräte verordnet. Die Eltern standen vor der Frage, ob sie das Kind eine auf Hörgeschädigtenschule schicken. Schließlich entschieden sich dagegen. Im Rückblick, meint die 26-Jährige, sei das die bessere Alternative gewesen. Am Gymnasium besuchte sie eine Integrationsklasse. „Klar, ich musste öfter nachfragen“, erinnert sie sich. Die Lehrer trugen im Unterricht eine sogenannte FM-Anlage, damit Luise sie besser verstehen konnte. Das Abi machte sie mit der Note 1,6.

Schwerhörigkeit kann verschiedene Ursachen haben. Häufig führen Entzündungen, Lärm, Fehlbildungen, das Alter oder ein Hörsturz zu einem Hörverlust. Bei Luise Müller war es wahrscheinlich ein Gendefekt. Ihre Eltern sind nicht betroffen, dafür auch Luises drei Jahre jüngere Schwester Lisanne. Auf dem rechten Ohr war sie praktisch taub. Bereits mit einem Jahr bekam sie ein Hörgerät. „Unsere Eltern wussten ja inzwischen Bescheid.“

Mithilfe der Hörgeräte gelang es den beiden Schwestern, ein vergleichsweise normales Leben zu führen. Doch mit der Zeit verschlechterte sich ihr Hörvermögen. Die Eltern waren verunsichert: Werden die Mädchen eines Tages taub sein? Luise und Lisanne besuchten einen Kurs für Gebärdensprache an der Volkshochschule, nach einem Jahr brachen sie die Ausbildung ab. Richtiges Sprechen ist eben doch etwas anderes, und sie konnten ja noch hören und sprechen. „Ich bin ein Mensch, der gern mit Menschen redet“, sagt Luise.

Mit 15 bekam sie neue Hörgeräte. Dabei hätte es durchaus auch andere Möglichkeiten gegeben. „Wenn Patienten trotz Hörgerät Sprache nicht ausreichend verstehen und im Alltag nicht mehr zurechtkommen, dann können sie von einem Cochlea-Implantat profitieren“, erklärt Professor Neudert. Das Gerät, kurz CI genannt, dient als Hörprothese und ist genau genommen ein ausgeklügeltes System aus mehreren Bauteilen: Ein Mikrofon nimmt die Töne auf und leitet sie an einen Sprachprozessor hinterm Ohr; der verarbeitet den Schall in elektrische Signale und überträgt sie an das eigentliche Implantat, das unter der Kopfhaut sitzt und den Hörnerv reizt. Intakte Hörnerven sind die Voraussetzung, damit das Ganze funktioniert.

Ein Gerät kostet rund 20.000 Euro

Die Technik wird seit rund 50 Jahren ständig weiterentwickelt; heute dominieren im Wesentlichen drei Hersteller den lukrativen Markt. Ein komplettes System kostet laut Neudert rund 20.000 Euro. Gesetzliche Krankenkassen tragen den kompletten Preis. Dies, so sagt der Arzt, sei in vielen Ländern durchaus nicht selbstverständlich.

Während Luise Müller noch zögerte, entschied sich ihre jüngere Schwester im Alter von elf Jahren für ein Cochlea-Implantat. „Ich stand vor der Wahl: Entweder ich werde sehr wahrscheinlich taub und muss Gebärdensprache lernen. Oder ich bekomme ein CI und habe eine Chance auf das Hören und Sprechen“, erzählt Lisanne. „Da bin ich dann doch lieber die Risiken einer OP eingegangen.“

Die Ärzte klären vor dem Eingriff über die möglichen Folgen auf. Dazu gehören Entzündungen, Tinnitus, die Störung des Gleichgewichts, die Schädigung von Gesichtsnerven. Die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich so etwas passiert, sei bei diesem Eingriff allerdings sehr gering, erklärt Marcus Neudert, der auch stellvertretender Leiter des Sächsischen Cochlear Implant Centrums ist.

Lisanne Müller sagt heute, sie sei froh über ihre damalige Entscheidung – auch wenn das Ergebnis zunächst nicht so optimal ausfiel wie erwartet. „Die Töne waren sehr hoch und piepsig“, berichtet sie. Außerdem war ihr rechtes Ohr gar nicht auf Sprache trainiert. Vor diesem Problem stehen praktisch alle CI-Träger, sagt Neudert: „Es ist ein völlig neuer Höreindruck – die Patienten müssen das Hören ganz neu erlernen.“ Deshalb schließt sich an die OP eine zweijährige Hörtherapie mit insgesamt 40 Reha-Tagen an. Auf dem Programm stehen Übungen zum Sprachverständnis, aber auch zum Lernen von Umweltgeräuschen und Instrumentenklängen.

Zwang zur Implantation?

Das Dresdner Cochlear Centrum gibt es seit 1995. In den ersten Jahren wurden hier vor allem ganz junge Patienten versorgt, die bereits taub zur Welt gekommen sind. „Die Kinder sollen mit dem CI das Hören lernen und so auch in die Sprache kommen“, erklärt HNO-Arzt Neudert. Später wurde der Kreis auf erwachsene Patienten erweitert, inzwischen profitieren auch Senioren von der Technik. Die neue Leitlinie empfiehlt ein CI, wenn die Hörleistung trotz Hörgerät unter 50 Prozent gesunken ist. Ärzte und Therapeuten beraten potenzielle Patienten intensiv. Neudert: „Wir wollen für jeden die geeignetste Lösung.“

Kritik kommt insbesondere aus den Reihen der Betroffenen selbst. Letztlich geht es um die Frage, ob die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nicht genauso gut mithilfe der Gebärdensprache möglich ist. Studien zu diesem Thema kommen zu keinem eindeutigen Ergebnis. Der Deutsche Gehörlosen-Bund favorisiert bei Kindern die bimodal-bilinguale Sprachbildung – also eine Kombination von Laut- und Gebärdensprache. Das setzt allerdings ein gewisses Maß an Hörvermögen voraus, denn Lautsprache ohne Gehör funktioniert nicht. Vehement wendet sich der Verband gegen den Zwang zum Implantat, den es offenbar immer wieder gibt. Deutschlandweite Aufmerksamkeit erregte der Fall eines tauben Kleinkindes in Niedersachsen, bei dem die ebenfalls gehörlosen Eltern angeklagt wurden, weil sie sich der Empfehlung der Ärzte für ein CI widersetzt hatten. Das Gericht urteilte zugunsten der Eltern.

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Luise Müller entschied sich erst mit 23 für ein CI. Anfangs erging es ihr wie ihrer Schwester: „Alles klang schrill und laut.“ Ein Orchester hörte sich nach der OP wie ein Presslufthammer an. Nach ein paar Tagen konnte sie bereits Männer- und Frauenstimmen unterscheiden, dann ein Kind, dann den Vater. „Im ersten halben Jahr ist die Lernkurve enorm“, sagt Luise. Heute hört sie Schritte, das Zischen in der Bratpfanne, das Zirpen der Grillen. Auch Musikinstrumente kann sie identifizieren. Trotzdem liest sie immer noch viel lieber ein Buch, weil sie bei Liedern die Texte nur mit Mühe versteht. Und Filme schaut sie vorzugsweise mit Untertiteln. „Das CI gibt Selbstvertrauen“, sagt Luise. Demnächst will sie sich auch auf der anderen Seite operieren lassen – so, wie es ihre Schwester schon getan hat.

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