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Wieder aufgetaucht

20 Monate nach dem letzten Rennen gibt der 18-malige Olympiasieger Michael Phelps heute sein Comeback.

© dpa

Von Christoph Leuchtenberg

Der Alleinherrscher des Schwimmsports kehrt aus dem Exil zurück – und für sein Comeback hat Michael Phelps ganz bewusst einen möglichst unglamourösen Ort gewählt: Im Wüstennest Mesa in Arizona bestreitet der 18-malige Olympiasieger heute seinen ersten Wettkampf seit 628 Tagen. Die Botschaft, die aus der tiefsten Provinz kommen soll, lautet: Das ist keine Show, ich meine es bitterernst.

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Mit 15 war Michael Fred Phelps II ausgezogen, die Schwimmwelt aus den Angeln zu heben. Zwölf Jahre, 22 olympische Medaillen und 26 Weltmeister-Titel später sah die „Baltimore Bullet“ seine Mission als erfüllt an. „I’m done“, hatte Phelps nach seinem letzten Gold in London verkündet, in der Folge Comeback-Gerüchte konsequent dementiert. Nun ist er also wieder da, still und leise beinahe, ohne großes Bohei – und doch sogleich wieder als Heilsbringer gefeiert. Denn der Schwimmwelt im Jahr eins nach Phelps fehlte es an Glanz, die WM 2013 in Barcelona blieb ohne den Meister eine eher fade Veranstaltung.

Olympia in Rio blendet er aus

„Die Rückkehr von Michael Phelps ins Wettkampfgeschehen ist für den Schwimmsport einfach großartig“, sagt denn auch Deutschlands Weltrekordler Paul Biedermann: „Ich hoffe, dass er mit dieser Entscheidung glücklich ist.“ Nur Phelps selbst kann dies beurteilen, doch das Reden vor seinem ersten Start am heutigen Donnerstag überlässt er anderen. „Er ist körperlich in ziemlich guter Form“, sagt Trainer Bob Bowman: „Wir lassen ihn jetzt einfach mal ein paar Wettkämpfe schwimmen und sehen, wie sich das entwickelt.“

Das Thema Olympia 2016 blendet das Duo Bowman/Phelps (noch) aus. Es soll eine Rückkehr in kleinen Schritten werden, denn – das weiß Bowman, das weiß Phelps: Bei einem Scheitern des erfolgreichsten Schwimmers der Geschichte könnte die Fallhöhe kaum größer sein.

Legende Mark Spitz, dessen einstige Rekordzahl von neunmal Olympia-Gold Phelps verdoppelt hat, wollte beispielsweise einst per Holzhammer-Methode zurück zu den Spielen. Nach 20 Jahren Pause feierte Spitz 1992 mit zwei Showrennen gegen die damaligen Topstars Tom Jager und Matt Biondi sein Comeback – und soff grandios ab. Phelps war freilich nur anderthalb Jahre weg und ist keine 41 Jahre alt wie Spitz einst, aber auch mit bald 29 im reifen Schwimmeralter. Allein deshalb wird das nach der Bekanntgabe des Phelps-Starts ruckzuck ausverkaufte Meeting in Mesa für ihn zu einer Standortbestimmung – zumal die Konkurrenz vom Allerfeinsten ist.

Über 100 Meter Freistil trifft Phelps auf Olympiasieger Nathan Adrian und Frankreichs Topstar Yannick Agnel, danach über 100 m Schmetterling auf seinen Dauerrivalen Ryan Lochte. Bowman ist gelassen. „Er soll herausfinden, ob der Speed da ist.“

Weshalb aber kehrt Phelps zurück? Wieso sich wieder täglich in Becken und Kraftraum schinden, anstatt weiter das Leben zu genießen? Die Antwort darauf hat Phelps bislang nicht gegeben. Bowman findet eine philosophische Erklärung: „Ein Meister genießt noch einmal seine Kunst.“ Genauso wenig schert sich der Trainer um all jene, die über die Motive der Rückkehr von Phelps spekulieren, der nach Olympia 2012 vor allem die tägliche Quälerei satthatte und fortan nur noch Golfen wollte. „Michael hatte wohl gemerkt, dass er das Golf-Masters nie gewinnen wird. Und jetzt macht er eben wieder das, was er am besten kann“, sagt Bowman. Sein Schützling müsse sich über den künftigen Weg erst noch Gedanken machen.

Dies klingt nach einem neuen Phelps. In der Vergangenheit hatte er die Ziele immer Jahre im Voraus detailliert geplant. „Es gibt keinen Druck von außen, er selbst will es so.“ Der frühere Rückenschwimm-Star Aaron Peirsol bringt es noch klarer auf den Punkt: „Er ist Michael Phelps. Er schuldet niemandem eine Erklärung.“ (sid, mit dpa)