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Wieder ein Schicksalstag bei Brückenbau Niesky

Donnerstagvormittag wurde erneut über den Verkauf des Traditionsbetriebs verhandelt. Gibt es bis 1. Dezember keine Lösung, droht der Verlust aller 120 Jobs.

Von Ulrich Wolf & Sebastian Beutler
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Blick in die Montagehalle des Stahlbaus Niesky.
Blick in die Montagehalle des Stahlbaus Niesky. © André Schulze

Die kommenden Tage werden zu Schicksalstagen für die Stahl- und Brückenbau Niesky GmbH. Das Unternehmen hatte Anfang Oktober ein Insolvenzverfahren angemeldet. Nun geht es um die Frage, ob das Unternehmen verkauft wird. 120 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.

Nach SZ-Informationen kamen am Donnerstag Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD), der Gesellschafter, die Geschäftsführung, der Betriebsrat sowie Sachwalter Ralf Hage zusammen. Bis zum 30. November soll entschieden werden, wie es mit dem Unternehmen weitergeht. Neben einem Verkauf wurden auch die Möglichkeiten der Politik erörtert, die Produktion mit Fördermitteln oder Überbrückungskrediten aufrecht zu erhalten.

Als Kaufinteressenten gelten unter anderem die Deutsche Bahn und die ELH Waggonbau Niesky GmbH. Letztere wolle den Stahlbrückenbau mindestens ein Jahr fortführen und die Mitarbeiter währenddessen umschulen für den Waggonbau, berichten Finanzkreise. Der Altgesellschafter weigere sich jedoch, das Betriebsgrundstück in Niesky einem potenziellen Konkurrenten zu überlassen.

Eigentümer des Nieskyer Unternehmens ist die DFA Industriemontagen GmbH aus Meerane. Hinter dieser steckt die DSD Steel Construction AG mit Sitz in Unterägeri im Kanton Zug in der Schweiz. In der hat der aus Belgien stammende Industrielle Claude Pirson das Sagen; er lebt bereits seit 2001 in der Schweiz.

Die DSD und Pirson hatten bereits Ende Mai 2015 an der Nordsee Schlagzeilen gemacht. Dort waren seinerzeit die Nordseewerke in Emden in die Insolvenz geschlittert. Auch dieser Zulieferer für Offshore-Windkraftanlagen gehörte zur DSD-Gruppe. „Der Verdacht liegt nahe, dass es dem Gesellschafter nur um den schnellen Profit ging“, urteilte der damalige niedersächsische SPD-Wirtschaftsministers Olaf Lies. DSD habe die Nordseewerke abgewirtschaftet und die ihm anvertrauten Mitarbeiter im Stich gelassen. Die IG Metall Emden unterstellte seinerzeit der DSD-Gruppe, „letztlich nur ein sehr lukratives Grundstück vermarkten zu wollen und keinerlei Interesse am industriellen Fortkommen des Standorts zu haben“.

Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung

Zum Kaufinteressenten Deutsche Bahn heißt es, seit den jüngsten Klimabeschlüssen der Bundesregierung sei genügend Geld da, den Sanierungsstau bei Eisenbahnbrücken zu beseitigen. Für die notwendigerweise rasche Übernahme des Nieskyer Betriebs durch die Bahn aber sei die Zeit zu knapp. „Dafür ist die DB-Konzernstruktur viel zu komplex“, heißt es. 

Hinzu kommt: Die bereits vorliegenden Aufträge in Niesky müssen vorfinanziert werden. Das Land Sachsen soll daher Fertigstellungsbürgschaften stellen. Gelingen weder ein Verkauf noch die Zwischenfinanzierung drohe der „Totalverlust aller Arbeitsplätze“. Spätestens ab 2. Dezember müsste dann allen 120 Mitarbeitern gekündigt werden, heißt es.

Das Unternehmen in Niesky hatte Anfang Oktober ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung angemeldet. Bei dieser Form der Insolvenz bleibt die Geschäftsführung weiter im Amt, bekommt aber einen vorläufigen Sachwalter zur Seite gestellt. Da aber das Verfahren rückwirkend zum 1. September angemeldet worden war, sind die Löhne durch das Insolvenzausfallgeld der Arbeitsagentur in Niesky nur noch bis Ende November gesichert.  Betriebsratschef Oppermann erklärte gegenüber der SZ, man könne im Moment nur abwarten, ob unter dem enormen Zeitdruck eine Lösung für das Unternehmen gefunden wird.  Dabei sind alle Optionen möglich: Verkauf und Weiterführung des Betriebs, Schließung des Unternehmens oder die Gründung einer Betriebsqualifizierungsgesellschaft.

Grund für den drastischen Schritt des Unternehmens im Oktober waren nach Angaben des Verwalters „fehlende Liquidität in Folge außergewöhnlich hoher Außenstände aus zahlreichen Aufträgen mit hauptsächlich öffentlichen Auftraggebern“. So hatten die Nieskyer im Rahmen des sechsspurigen Ausbau der Autobahn 3 bei Regensburg im Auftrag der Autobahndirektion Südbayern an einer Brücke mitgebaut. Auf den Zahlungseingang von etwas mehr als einer Million Euro wartet das Unternehmen angeblich bereits seit dem Frühjahr.

Der Traditionsbetrieb, der bereits 1835 als Kupferschmiede begann, baute mit der Dresdner Schlacht-hofbrücke von 1931 die erste voll geschweißte Brücke der Welt. Seit 2001 gehört die Firma der DFA Industriemontage. Deren Muttergesellschaf DSD gehören rund 30 Unternehmen an, darunter auch drei Firmen in Delitzsch und Eisenhüttenstadt.