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Wieder Gift im Meißner Wein gefunden

Eine dritte Kellerei ist betroffen. 2 500 Flaschen dürfen nicht ausgeliefert werden. Es gibt zu wenig Kontrollen.

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© Claudia Hübschmann

Von Ulf Mallek

Meißen. Der Giftskandal um den Meißner Wein zieht seine Kreise. Jetzt ist nach dem Weingut Jan Ulrich in Diesbar-Seußlitz und der Winzergenossenschaft Meißen eine dritte Kellerei aus dem Landkreis Meißen betroffen. Das teilte am Freitag das Landratsamt Meißen der SZ mit.

„Wir möchten den Namen der Kellerei nicht nennen, da der Wein nicht ausgeliefert wurde und von ihm keine gesundheitliche Gefahr ausgeht“, sagte Landkreissprecherin Kerstin Thöns am Freitag. Es handelt sich um 2 526 Flaschen der Sorte Schieler, ein Roséwein. Das Amt überwacht die Sperre. Nach Informationen der SZ wurde der betroffene Winzer von den Behörden gebeten, sich öffentlich zu äußern. Auch Winzer-Kollegen, wie Jan Ulrich, appellierten an den Betrieb, sich zu erkennen zu geben, um den Verdacht von anderen Unternehmen zu nehmen.

Der betroffene Winzer lehnte das aber ab und verreiste. Allerdings ist die Grenzwertüberschreitung des im Weinbau verbotenen Pflanzenschutzmittels Dimethoat nicht allzu groß. „Wir könnten uns auch vorstellen, dass es in diesem Fall Abdrift war“, sagte die Landkreissprecherin. Der neue strenge Grenzwert in Sachsen liegt bei 0,01 Milligramm pro Kilogramm. Die Untersuchungen der Behörden und der Winzergenossenschaft kommen nur langsam voran. Ein Ergebnis liegt nach fünf Wochen immer noch nicht vor. Die Winzergenossenschaft hatte schon Mitte Februar fünf Weine vom Markt genommen, davor Jan Ulrich zwei.

Noch kein Befund bei Bestellung

Der bayerische Weinbau-Sachverständige Wolfgang Patzwahl hat Ende Februar nach eigenen Angaben für 85 Euro sechs weitere Weine im Online-Shop der Winzergenossenschaft gekauft und untersuchen lassen. Er schickte die Proben an die Landwirtschaftliche Untersuchungsanstalt Speyer. Drei davon wiesen teilweise erhebliche Überschreitungen des Grenzwertes für Dimethoat auf: In dem im Aldi-Nord verkauften Rivaner 2015 wurden 0,097 mg/kg nachgewiesen, im Benno Schoppen rosé 2014 0,069 mg und im Spätburgunder Weißherbst 2015 waren es 0,044 mg. Bereits vorige Woche hat die Winzergenossenschaft reagiert und den Benno Rosé vom Markt genommen.

Zum Zeitpunkt der Bestellung gab es aber noch keinen Befund, sagte Winzergenossenschafts-Geschäftsführer Lutz Krüger der SZ. Beim Spätburgunder laufen gerade noch die Tests. Den Aldi-Wein, so Krüger, hat Patzwahl „nicht in unserem Online-Shop gekauft“. Dieser Wein wurde bereits vor geraumer Zeit von Aldi aus den Regalen genommen.

Wolfgang Patzwahl hält das Vorgehen der Behörden in Sachsen für zu lasch. Nach seinen Schätzungen könnten bei der Winzergenossenschaft 20 bis 30 Prozent der 2014er und 2015er Weine betroffen sein. Das ist ein erhebliches Ausmaß und bedroht das gesamte Weinbaugebiet. Patzwahl hatte bereits Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) zum Handeln aufgefordert. „Andere Anbaugebiete betrachten die Entwicklung hier in Sachsen mit Sorge.“

Hilft der Freistaat den Winzern?

Nach Angaben von Sachsens Verbraucherschutz-Ministerin Barbara Klepsch (CDU) gab es von 2000 bis 2015 insgesamt 34 Kontrollen der sächsischen Lebensmittelüberwachung in Weingütern. Nur bei zwei Weinen sind Grenzwertüberschreitungen bei Pflanzenschutzmitteln festgestellt worden. Dazu teilte der agrarpolitische Sprecher der Grünen Wolfram Günther am Freitag mit: „Diese geringe Kontrolldichte verträgt sich nicht mit dem Qualitäts- und Preisanspruch des sächsischen Weins.“ Es sei offensichtlich absoluter Zufall, dass die Probe, mit der alles ins Rollen gekommen ist, Dimethoat enthalten hat. Weder die Winzergenossenschaft noch die Staatsregierung scheinen bislang wirklich an Transparenz interessiert gewesen zu sein. Das schade jetzt dem bislang hervorragenden Ruf sächsischen Weines. Günther: „Wenn ein Traubenerzeuger das Insektizid in seinen Kulturen eingesetzt hat, ist dies entweder vorsätzlich kriminell oder ein Indiz darauf, dass die, für den Einsatz von Pestiziden geforderten Sachkundenachweise, das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen.“ Die Grünen fordern zudem eine Pestizid-Steuer auf Bundesebene, um von Abdrift geschädigte Betriebe finanziell unterstützen zu können.

Ob und unter welchen Bedingungen die bislang geschädigten Winzer Jan Ulrich und die Winzergenossenschaft Hilfe vom Freistaat erhalten, ist unklar.