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Wieder vereint nach 170 Jahren

Sandy Brueck nimmt den Spazierstock in die Hand und wiegt ihn hin und her. Auf dem Elfenbein-Knauf steht: „Der 17r Kegelclub seinem J. Brück d. 3. Aug. 86.“ Wie alt der Stock sei, möchte Sandy Brueck wissen.

© hübschmann

Sandy Brueck nimmt den Spazierstock in die Hand und wiegt ihn hin und her. Auf dem Elfenbein-Knauf steht: „Der 17r Kegelclub seinem J. Brück d. 3. Aug. 86.“ Wie alt der Stock sei, möchte Sandy Brueck wissen. „Der ist von 1886“, sagt Annette Brück – und Sandy Brueck staunt. Sie ist Amerikanerin, und da sind die zeitlichen Dimensionen ein bisschen anders. Die Stadt Saratoga Springs im US-Bundesstaat Utah zum Beispiel, in dem sie mit ihrem Ehemann Phil Brueck lebt, hat zwar mit 40 000 Einwohnern eine größere Bevölkerung als Meißen, ist aber erst vor 17 Jahren gegründet worden. Dagegen ist ein Spazierstock von 1886 – er gehörte einem Vorfahren von Annette Brück – beinahe unvorstellbar alt.

In Saratoga Springs hatte Phil Brueck sich vor knapp zwei Jahren an seinen Computer gesetzt und eine Email geschrieben. Er fragte: „Könnte es sein, dass wir verwandt sind?“ Das ist der Grund dafür, dass er jetzt im Archiv der Familie Brück sitzt, die in Meißen einen traditionsreichen Kunstverlag führt.

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Phil Brueck und seine Frau Sandy sind Mormonen. Familienforschung spielt für sie eine wichtige Rolle. „Wir glauben, dass wir nach dem Tod mit unseren Vorfahren zusammen sein werden“, erklärt Sandy Brueck, „deshalb ist es wichtig, sie zu kennen.“ Lange Zeit hatte Phil Brueck nur gewusst, dass seine Vorfahren aus Deutschland stammten – das war es aber auch schon. Weder wusste er, woher die Ahnen genau stammten, noch, wann sie nach Amerika ausgewandert waren. „Wenn meine Mutter Internet gehabt hätte, dann hätten wir schon viel früher Bescheid gewusst“, sagt Phil Brueck. Hatte sie aber nicht. „Deshalb ist es unsere Aufgabe.“

In der sogenannten „Family History Library“ in Salt Lake City, der Hauptstadt von Utah, machte er sich auf die Suche nach den deutschen Brücks. Er stieß auf den Antrag für einen Pass, den der Sohn seines Urgroßvaters einst gestellt hatte – in Meißen. „Da hatten wir die Stadt.“ Phil Brueck fand heraus, dass sich die Familiengeschichte 170 Jahre zuvor verzweigt hatte. Damals waren einige Brücks aus Meißen nach Amerika ausgewandert. Nun wollte er es genau wissen: Im Internet spürte er den Meißner Verlag Brück & Sohn auf. Und dann setzte er sich hin und schrieb die Email. Annette Brück hatte schon lange von einer Ahnentafel geträumt und schon einmal versucht, den Auswanderern nachzuspüren. Doch das erwies sich als schwierig. Nun meldete sich dieser Phil Brueck – ein Glücksfall. Die beiden schrieben sich hin und her und stellten fest, dass sie entfernte Cousins sind. „Er gehört der sechsten Generation an und stammt vom fünften Sohn des Firmengründers ab“, erklärt Annette Brück. Sie selbst gehört der siebenten Generation an und ist eine Nachfahrin des zweiten Sohnes.

Knapp zwei Jahre nach der ersten Email sitzt Phil Brueck im obersten Stockwerk des Brückschen Hauses am Anfang der Meißner Burgstraße und schwärmt von Deutschland. Im vergangenen Jahr hatten Annette und Helmut Brück die Bruecks in Utah besucht. „Vor der Reise konnte ich zwei Wochen lang kaum schlafen“, sagt Annette Brück. Da waren Sorgen: Werden wir uns verstehen? Klappt das?

Als sie sich zum ersten Mal in Utah in die Arme fielen, waren alle Bedenken weg. „Es war sofort klar, dass wir zusammen gehören“, sagt Annette Brück. Und Phil fügt hinzu: „Die Brücks in Deutschland sind genauso einzigartig und verrückt im positiven Sinne wie die in den USA.“ Man habe einen ähnlichen Humor und stichle auch gern einmal; aber alles, was mit Familie zu tun hat, nehme man sehr ernst.

In den USA lernten Annette und Helmut Brück, dass die amerikanischen Bruecks sich „Bru-ick“ aussprechen, ähnlich wie die Automarke „Buick“. Und sie lernten, dass es viele Bruecks in dem großen Land gibt: an der Ostküste, in New Orleans und in Kalifornien. „Die in Kalifornien haben wir noch nicht gefunden“, sagt Phil Brueck, „aber das werden wir noch.“

2014 nun war es Zeit für den Gegenbesuch: Vor drei Wochen landeten Sandy und Phil Brueck in Berlin. Zusammen mit ihren deutschen Verwandten blieben sie drei Tage in der Hauptstadt, dann fuhren sie weiter an die Ostsee, nach Binz. Von dort aus ging es nach Hamburg und weiter nach Celle, wo sie Annette Brücks Bruder trafen. Danach standen endlich Meißen und Dresden auf dem Besichtigungsplan. In der vergangenen Woche gab es noch einen Kurztrip nach Bayern – auf München und das Schloss Neuschwanstein können Amerikaner natürlich nicht verzichten.

Bevor es am kommenden Dienstag wieder zurück in die Staaten geht, wollen sie sich noch den Mormonentempel in Freiberg anschauen. Dass Karl Gottfried Mäser, der Gründer der mormonischen Brigham-Young-Universität in Meißens Partnerstadt Provo, aus Meißen stammte und 1857 in die USA gegangen war, wissen sie natürlich längst.

Von Europa hatte Phil Brueck zuvor nur England und Schottland gesehen; es ist seine erste Deutschlandreise. Seine bisherigen Vorstellungen von dem Land waren das gewesen, was man typisch amerikanisch nennt: Deutschland, so dachte er, ist wie Bayern: Lederhosen, Bier, Berge. Wenn man ihn jetzt nach seinem Lieblingsort fragt, kommt die Antwort, ohne dass er erst überlegen muss: „Meißen!“ Denn: „Die Stadt ist meinem Herzen nah wegen der Familie, und außerdem gibt es auch drumherum so viel zu erkunden.“ Leider sei Meißen in kaum einem amerikanischen Reiseführer zu finden, immer nur Dresden – das muss sich dringend ändern, findet er.