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Wiederbelebung für Sachsens Gleise

Der Bahn liegen über 300 Ideen zur Reaktivierung stillgelegter Strecken vor – einige in Sachsen.

Alte Strecken sollen wiederbelebt werden um den Bahnverkehr in Sachsen zu verbessern.
Alte Strecken sollen wiederbelebt werden um den Bahnverkehr in Sachsen zu verbessern. © Boris Roessler/dpa

Das Comeback der Schiene rückt näher: Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen und die Allianz pro Schiene haben 238 stillgelegte Bahnstrecken mit 4.016 Kilometern Länge zur Reaktivierung vorgeschlagen – und finden bei Entscheidern von Bahn und Politik durchaus Gehör. Bei der Umsetzung könnten 291 Städte und Gemeinden mit mehr als drei Millionen Menschen wieder ans deutsche Schienennetz angebunden werden, heißt es von den Initiatoren. Auf der Liste stehen auch sieben Strecken in Sachsen, darunter Seifhennersdorf-Bundesgrenze-Varnsdorf.

„Mit der Reaktivierung können wir den jahrzehntelangen Rückzug der Schiene aus der Fläche stoppen und umdrehen“, sagt Dirk Flege, Chef der Allianz pro Schiene. Viele Abschnitte seien kleine Verbindungsstücke, mit denen sich eine Lücke in langen Regionalstrecken schließen ließe, heißt es von dem gemeinnützigen Verkehrsbündnis. 

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6.000 Kilometer Schiene in 25 Jahren abgebaut

Oft seien die Gleise noch erhalten und könnten mit wenig Aufwand wieder in Betrieb gehen. Das deutsche Schienennetz hat eine Länge von 38.500 Kilometern, 1994 waren es noch 44.600 Kilometer gewesen. Immerhin: Binnen eines Jahres wurde auf sechs Strecken der Personenverkehr wieder aufgenommen.

Ende Juni hatte sich der Zweckverband Verkehrsverbund Mittelsachsen (ZVMS) für die Reaktivierung von vier Bahnstrecken im Verbandsgebiet ausgesprochen. Er will für die Verbindungen Döbeln-Meißen-Dresden, Holzhau-Moldava (Moldau), Pockau-Lengefeld-Marienberg und Narsdorf-Rochlitz-Grimma wieder Verkehr bestellen, wenn auch unter Finanzierungsvorbehalt. 

Der Fahrgastverband Pro Bahn ruft andere Aufgabenträger auf, dem guten Beispiel zu folgen. In Sachsen wird der öffentliche Nahverkehr von den Landkreisen und kreisfreien Städten organisiert – über fünf Zweckverbände wie den ZVOE/VVO für die Region Oberelbe und den ZVON für die Oberlausitz-Niederschlesien.

Die Wiederbelebung findet Zuspruch, auch durch mehr bereitgestellte Gelder und bessere Förderbedingungen. Experten erwarten deshalb, dass sie in den kommenden Jahren erheblich Fahrt aufnimmt.

Es gibt über 300 Reaktivierungsvorschläge

Derzeit tourt der sächsische Bundestagsabgeordnete Stephan Kühn durch Sachsen, besucht stillgelegte Bahnstrecken und spricht mit Verantwortlichen vor Ort. Im Fokus stehen die Strecken Rumburk-Ebersbach-Löbau, Oderwitz-Herrnhut-Löbau, Rumburk-Seifhennersdorf, Seifhennersdorf-Eibau, Pockau-Lengefeld, Freiberg-Most und Nossen-Meißen. Für den verkehrspolitischen Sprecher der Bündnisgrünen ist die Reaktivierung „ein wichtiger Baustein, um ländliche Regionen besser und klimafreundlich an die Ballungszentren anzubinden, Güterverkehr auf die Schiene zu verlagern und die grenzüberschreitende Mobilität zu fördern“.

Bei der Deutschen Bahn liegen nach eigenen Angaben über 300 Reaktivierungsvorschläge aus Politik und Verbänden auf dem Tisch. „Unsere Experten schauen sich alle Vorschläge an und arbeiten seit vergangenem Jahr intensiv an einem Portfolio möglicher Streckenreaktivierung. Wir freuen uns, das Reaktivierungsportfolio in Kürze vorstellen zu können“, sagt ein Bahnsprecher, ohne konkret zu werden.

Seit 1994 wurden in Sachsen 577 Kilometer Gleis stillgelegt, fast 22 Prozent des damaligen Streckennetzes. Nur knapp 63 Kilometer kamen seitdem neu hinzu – meist in Dresden, Leipzig und deren Speckgürteln. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken im Bundestag hervor. Demnach sind in Sachsen noch 2.131 Kilometer Schienenstrecke der Deutschen Bahn und ihrer Töchter vorhanden. Besonders die Lausitz, die Landkreise Zwickau und Erzgebirge sind von Stilllegungen betroffen.

Bahn: "Keine Strecken mehr stilllegen"

Im Dezember hatte die Deutsche Bahn erklärt, keine Strecken mehr stilllegen zu wollen und stattdessen mehrere Trassen wieder in Betrieb zu nehmen. Eine Taskforce sollte Strecken identifizieren, über die man mit Bund und Ländern sprechen wolle. „Wir brauchen jeden Kilometer Gleis, um den wachsenden Verkehr zu bewältigen und das System Schiene robuster zu machen“, begründete Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla den Sinneswandel.

„Die Entscheidung für eine Reaktivierung von Schienenstrecken des Nahverkehrs liegt in der Zuständigkeit der Länder“, antwortete die Bundesregierung Ende März auf eine Anfrage der Linken im Bundestag. Für Investitionen stünden verschiedene Finanzierungsquellen des Bundes zur Verfügung, „insbesondere im Rahmen des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes“.

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Sachsen unterstütze die Bestrebungen, heißt es aus dem Verkehrsministerium. Nach Fertigstellung der DB-Liste würden Meinungen der Aufgabenträger und Länder eingeholt und die Kosten diskutiert. Der Freistaat sei „weder Aufgabenträger noch Besitzer der Eisenbahninfrastruktur“ und habe „keinen Einfluss auf eine Wiederinbetriebnahme“. Die im Koalitionsvertrag benannte Potenzialanalyse sei finanziell noch nicht untersetzt, aber für den Doppelhaushalt 2021/22 angemeldet worden. Die Kosten werden auf eine Million Euro geschätzt.

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