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Wiegers fliegt wieder

Hinter Dynamos Torwart liegt eine bewegte Zeit. Sie hat ihn ruhiger werden lassen. Sein Ehrgeiz aber ist ungebrochen.

© Lutz Hentschel

Von Tino Meyer

Natürlich fährt er mit nach Erfurt. Was für seinen Trainer das Selbstverständlichste der Welt ist, muss man aber schon noch mal nachfragen. Torwart Patrick Wiegers, daran lässt Chefcoach Uwe Neuhaus keinen Zweifel, ist wieder die Nummer zwei bei Dynamo Dresden und wird, sofern denn angesichts der Witterungsbedingungen gespielt werden kann und sich Janis Blaswich nicht noch verletzt, den Platz auf der Bank einnehmen.

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Die Rolle rückwärts hat er drauf. Auf seine sportliche Situation will Patrick Wiegers das aber nicht bezogen wissen.
Die Rolle rückwärts hat er drauf. Auf seine sportliche Situation will Patrick Wiegers das aber nicht bezogen wissen. © Lutz Hentschel

Vor einigen Monaten hätte sich Wiegers darüber maßlos geärgert, jetzt ist er zufrieden – und tiefenentspannt. Eine Kampfansage für die restliche Rückrunde lässt sich der 25-Jährige nach der fünfmonatigen Verletzungspause erst recht nicht entlocken. „Nein, auf keinen Fall. Ich stelle keine Ansprüche“, sagt Wiegers, der sich schon immer als Teamplayer gesehen hat. In den Dienst der Mannschaft stellen, die Trainingsqualität hochhalten, den Konkurrenten antreiben – darum geht es, erst recht, wenn man aufsteigen will. Diese Erfahrung hat Wiegers vor ein paar Jahren mit Jahn Regensburg gemacht. „Ohne Teamgeist funktioniert es auch mit der größten Qualität nicht“, sagt er. Ein kooperierendes Torwart-Team gehört dazu.

Und selbst wenn es im Leistungssport selten Erbhöfe gibt, Blaswich hat nach seiner starken Hinrunde einen gut. Auch das weiß Wiegers. „Janis hat seine Sache richtig gut gemacht“, betont er, spricht aber lieber über seine eigenen Zielen. Wiegers formuliert sie recht allgemein, zwischen den Zeilen aber schimmert sein Ehrgeiz. Auf Dauer, das ist klar, wird er sich nicht mit dem Status quo abfinden. So lässt sich das zumindest interpretieren, wenn er sagt: „Ich möchte wieder dahin kommen, wo ich mal stand.“ Zum einen also mit starken Leistungen den Platz im Tor zurückhaben, was das Zweite zwangsläufig mit sich bringen würde: den Wiederaufstieg in der Gunst der Zuschauer, vielleicht sogar erneut bis zum Publikumsliebling.

Eine harte Zeit – auch für Blaswich

Den Titel hatte er vor ziemlich genau einem Jahr inmitten der Niederlagenserie dem damals zunächst ebenfalls verletzten Benjamin Kirsten abgeluchst.

Dass Neuhaus vor der Saison dann Neuzugang Blaswich den Vorzug gab, sei eine Millimeterentscheidung gewesen, betont der Trainer. Für Wiegers war es dennoch ein harter Schlag und anfangs selbst für Blaswich keine leichte Zeit. Vor dem K-Block hatte er im wahrsten Wortsinn keinen leichten Stand, wurde überkritisch beurteilt und dem Vernehmen nach erst nach dezentem Vorsprechen der Dynamo-Verantwortlichen von den Ultras akzeptiert.

Inzwischen ist Blaswich so etwas wie eine Institution – auch weil Wiegers anders als im Vorjahr den verletzungsbedingten Ausfall der Nummer eins nicht für sich nutzen konnte. Diesmal war er selbst verletzt. Mit einem abgerissenen Außenmeniskus im linken Knie musste er zusehen, wie Dynamo Ende August Jeff Kornetzky verpflichtete und der Franzose dann – Wiegers befand sich inzwischen in der Reha – auch noch drei Pflichtspiele bestreiten durfte. Und selbst der erst 17-jährige Markus Schubert kam noch einmal zum Einsatz, weil Kornetzky alles andere als einen sicheren Eindruck hinterließ.

An Wiegers hat in diesen Momenten niemand gedacht. Er hat das alles mehr oder weniger aus der Ferne betrachtet, an seinem Comeback gearbeitet, und sogar während der Weihnachtspause im Großen Garten auf dem Platz gestanden. So schnell kann das gehen. Eben noch arbeitslos, dann der Held, und ein paar Wochen später wieder vergessen – Erlebnisse, die für eine ganze Karriere reichen, gebündelt in einem Jahr. „Das war schon turbulent und auch ein bisschen chaotisch. Doch es hat mich nicht aus der Bahn geworfen und auch meine Lebenseinstellung nicht verändert. Ich habe es genommen, wie es kam“, sagt der gebürtige Deggendorfer.

Zurückblicken will er jetzt nicht mehr. Es sei halt so passiert, die guten wie die schlechten Momente und auch die Verletzung. Diese Zeit empfand er jedoch als besonders hart. Noch viel härter als die Situation im Sommer 2014, als er plötzlich ohne Verein dastand und in Regensburg von heute auf morgen ein ganz normaler Student war. Wiegers hat damals einfach für sich das Beste aus der vertragslosen Situation machen wollen.

Nicht Fußballspielen zu können, weil der Körper streikt, sorgt dagegen für beklemmende Gefühle. „Man denkt über das eine oder andere nach“, sagt Wiegers, macht einen Gedankensprung und ist zurück im Hier und Jetzt. Und das heißt „jeden Tag genießen, mit den Jungs trainieren zu dürfen“.

Sein Vertrag bei Dynamo läuft bis Sommer 2017. Das gibt Sicherheit, gerade nach der Verletzung. „Ich fühle mich super wohl in Dresden, und es ist immer noch eine geile Geschichte, dass ich hier überhaupt die Chance bekommen habe“, meint Wiegers, für den 2016 auch so etwas wie ein Neubeginn sein soll. Der Platz auf der Bank in Erfurt, findet er, ist dafür ein ganz guter Anfang, selbstverständlich natürlich.