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Wild, wilder – Namida

22 Trainer haben 100 Tage Zeit, je einen wilden Mustang zu zähmen – Jessica Hübner aus Mittelbach gehört zu ihnen.

© Matthias Schumann

Von Udo Lemke

Mittelbach. Beim Mähne-Kämmen ist das Eis gebrochen. „Als ich zwei Stunden neben ihr gestanden habe, da hat sie gemerkt, dass ich ihr nichts tun will“, erzählt Jessica Hübner. Die 19-jährige angehende Physiotherapeutin spricht von Namida, von einem ganz besonderen Pferd. Denn die neunjährige Stute gehört zu den 22 wilden Mustangs, die am 22. April auf dem Flughafen in Frankfurt am Main aus den USA eingetroffen sind. Hier haben sich 22 ausgewählte Trainer – beworben hatten sich fast 300 – jeweils ihren Mustang abgeholt. Sie haben genau 100 Tage Zeit, um sich mit den Wildpferden zu beschäftigen.

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Vom 3. bis 5. August findet dann in Aachen zum zweiten Mal das „Mustang Makeover“ statt, wo sie sich mit ihren Tieren dem Publikum vorstellen. Denn das „Mustang Makeover“ soll Pferdeliebhaber mit der amerikanischen Rasse bekannt machen und dazu führen, dass Mustangs in Deutschland gekauft werden. Der Grund ist die Situation der Tiere in den USA. Derzeit leben noch etwa 70 000 Mustangs und Wildesel frei auf Land, dass die US-Regierung zur Verfügung stellt. Eigentlich reicht es aber nur aus, um 27 000 Tiere zu ernähren, sodass mittlerweile 46 000 Tiere eingefangen worden sind. Jedes von ihnen wartet auf den Liebhaber, der es abholt. Weil es davon in den USA nicht genügend gibt, sollen Mustangs auch zunehmend nach Deutschland vermittelt werden – das ist Sinn und Zweck von „Mustang Makeover“.

Stute war misstrauisch

Jessica Hübner zählt zu den Glücklichen, die als Trainerin ausgewählt worden ist. Dabei hat ihre Beziehung zu Namida alles andere als glücklich begonnen. „Sie hat neun Jahre in der Wildnis gelebt, ohne Menschen.“ Am Anfang habe ihr die Stute bedeutet, dass sie ihr Futter hinlegen und dann wieder gehen könne. Drei geschlagene Wochen hat es gedauert, ehe sie sie das erste Mal berühren durfte. „Für andere Pferde ist Streicheln ja eine Belohnung, für Namida war es der pure Stress.“

Aber dann kam das Entfitzen der Mähne und inzwischen gibt ihr die Stute auch die Hufe. Das ist auch dringend notwendig, denn insbesondere die beiden Vorderhufe sind völlig aus der Form gekommen, weil Namida in einer Auffangstation gewartet hat und sie sich deshalb nicht ablaufen konnte. Jessica Hübner, die ein Praktikum bei einem Huforthopäden absolviert hat, hat angefangen, die Hufe wieder in Form zu bringen. Aber am Ende muss Namida so weit sein, dass sie einen Spezialisten alles Nötige tun lässt, damit sie wieder Hufe bekommt, die diesen Namen auch verdienen.

Anfangs sei die Mustang-Stute sehr misstrauisch gewesen. „Ich habe mir jeden Weg drei Mal überlegt. Für ein solches Wildpferd gibt es in der Begegnung mit Menschen eigentlich nur zwei Muster – entweder Flucht oder Kampf. Der Selbstschutz ist extrem ausgeprägt“, erklärt Jessica Hübner. Sie habe Namida erst beibringen müssen, dass man Menschen weder beißt noch tritt – „woher sollte sie es auch wissen?“ So habe sie sich am Anfang einfach zu ihr in die Box gesetzt und ihr von ihrem Leben erzählt. Sie habe ihr gezeigt, dass sie sehr viel Geduld aufbringen müsse: „Das ist ein Pferd, das eine harte Schale hat, aber wenn man die knackt, dann geht es mit einem durchs Feuer.“

Wenn Namida Anfang August in Aachen versteigert wird, dann liegt das Anfangsangebot bei 7 500 Euro. Da kann Jessica Hübner, die ab kommender Woche ihre Prüfungen zur Physiotherapeutin an der Berufsfachschule in Großröhrsdorf ablegt, natürlich nicht mithalten. „Ich werde heulen wie ein Schlosshund, wenn sie gehen muss.“ Doch bevor es so weit ist, hat sie eine große Chance genutzt: „So ein Pferd ist etwas Besonderes, denn man ist der erste, der es anfasst.“ Die zweite Chance ist noch nicht vorbei: „Jeder Trainer wächst an seinem Pferd.“ Vielleicht geht es ja so weit, dass sie eines Tages auf Namida reiten kann. „Die Sattelunterlage lässt sie sich jetzt schon auflegen.“