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Wilde Farben

Mit der Schau „Fährtensuche“ in der Stadtgalerie zeigt der Künstler Andreas Hanske seine Werke erstmals in der Heimatstadt.

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© Anne Hübschmann

Von Lilli Vostry

Radebeul. Leuchtend farbige Flächen umkreisen und stoßen aneinander, kräuseln, steigen, fallen und bilden wilde Schwünge. Mit seinen zumeist großformatigen, abstrakten Bildern und Objekten geht der Künstler Andreas Hanske auf „Fährtensuche“.

Seine neusten und einige frühe Arbeiten zeigt er jetzt in der Stadtgalerie Radebeul, Altkötzschenbroda 21. Es ist die erste Ausstellung in seiner Heimatstadt, in die er, 1950 in Niederlößnitz geboren und aufgewachsen, nun mit seinem Alterswerk zurückkehrt. Zu sehen sind Bilder voll geballter Farbkraft und Spannung auf der Suche nach der Essenz des Lebens. Das Wort Essenz steht auf einem frei schwebenden Objekt, das einem Boxsack ähnelt, übersät mit runden und eckigen Farbflecken. Mit Begriffen darauf, die alle mit „E“ beginnen: Einkauf, Ego, Echo, Empathie. „Großes E-Kissen“ heißt dieses gar nicht wie ein weiches Ruhekissen wirkende Objekt aus geleimtem Papier und Drahtgeflecht. Mit den Begriffen bekommt es etwas Gegenständliches, sagt Hanske. Während sonst geometrische und archaisch reduzierte, schwarz umrissene zeichenhafte Formen in seinen Arbeiten überwiegen, darunter der Fahnenträger und der Mann mit orangefarbener Sichel, die 1985 entstanden als Gouachen auf Kupferdruckpapier.

Im Eingangsraum hängt auch ein rosa „Deckel“, bemalt mit hellblauen Farbtupfern neben Löchern und quadratischen Linien. „Vorher war es ein Druckstock, der wiederum einem alten Waschzuberdeckel aus dem Elternhaus entstammt. Damit habe ich Holzschnitte gedruckt“, erzählt Hanske. Zierlich von Gestalt, mit schelmischem Blick, schwarzem Käppi, Jeans und orangefarbenen Turnschuhen steht er vor seinen farbintensiven Leinwänden. In seinen Bildern gehe er immer von der Farbe aus und denke nicht daran, was herauskommt. Außerdem ist seine gestische Malerei immer mit einem Augenzwinkern versehen. Begonnen hat Andreas Hanske mit Landschaft und Figürlichem, die sich verändern im ungebändigten Spiel der Formen und Gegensätze.

Er sieht seine Arbeiten als Versuch einer Weiterentwicklung der Tradition der Expressionisten, die in der DDR nicht aufgearbeitet wurden. Doch es gab Nischen, wo der künstlerische Autodidakt andere „Untergrundkünstler“ treffen und seine Arbeiten zeigen konnte. 1983 gab es die erste Einzelausstellung von Andreas Hanske in der Galerie am Körnerplatz in Leipzig, aus der später durch eine Künstlerinitiative, der er angehörte, die Galerie „Eigen + Art“ von Harry Lybke hervorging.

Doch zunächst schlug Hanske eine naturwissenschaftliche Laufbahn ein. Baute als Jugendlicher in einem Zirkel die Volkssternwarte in Radebeul mit auf. Hier beobachtete er die Sterne und den Mond und begann zu zeichnen. Nach Abitur und Ausbildung als Maschinenschlosser im Druckmaschinenwerk Planeta studierte er Geophysik an der Bergakademie in Freiberg. Seit 1978 ist Andreas Hanske künstlerisch tätig und wohnt in Leipzig. Zu seinen künstlerischen Anregungen gehören der Dresdner Maler Willy Günther und der Grafiker Alfred Erhard in Ilmenau, bei dem er verschiedene Drucktechniken erprobte.

„Es war eine Überraschung für uns, als wir die großen Bilder und seine neusten Arbeiten sahen“, sagt Stadtgaleristin Karin Baum. Sie kennt Hanske seit Schulzeiten, sah 2013 seine große Ausstellung „Hyle – Wildwuchs“ im Sächsischen Landtag und holte ihn für die Ausstellung „Fährtensuche“ in die Stadtgalerie. Zu sehen sind auch ganz konkrete, übermalte Foto-Collagen zur aktuellen Flüchtlingspolitik, darunter das bekannte Bild des leblos am Strand liegenden kleinen Flüchtlingsjungen. Ein anderes zeigt eine Gestalt hoch auf einem schwarzen Rettungsringberg stehend, mit Blick aufs offene Meer und ein winziges Flüchtlingsboot. Neben dem sonnenlichtumspielten Körper einer Frau umrahmt ein Rot-Kreuz-Zeichen die neusten Nachrichtenschlagzeilen. „Die Sterne sind alle vergriffen“, steht darunter.

Die Ausstellung von Andreas Hanske ist noch bis 3. Juli, Mi., Do., So., jeweils 14 bis 18 Uhr, zu sehen.