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Wildtiere erobern die Stadt

Wildschweine, Füchse und Waschbären fühlen sich hier zunehmend zuhause. Das bringt auch Probleme.

Von Christiane Raatz

Hasen, die über den Pirnaischen Platz hoppeln, Füchse, die ihre Jungen auf dem Friedhof großziehen und Wildschweine an den Elbhängen – längst haben viele Wildtiere ihre Scheu verloren und die Stadt erobert. „Tiere, die man noch vor 20 Jahren nur im Wald und auf dem Feld angetroffen hat, sieht man verstärkt auch im Zentrum“, sagt Steffen Keller vom Umweltzentrum Dresden. Kürzlich war er am Abend auf der Pfotenhauerstraße unterwegs, als ihm ein Fuchs begegnete – im Maul eine Papiertüte von McDonalds. Für den Umweltexperten ein Symbol: „Das zeigt, dass es für die Tiere hier viel einfacher ist, an Nahrung zu kommen.“

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Im Vergleich zur freien Wildbahn lockten in der Stadt nahezu paradiesische Bedingungen: Überquellende Mülltonen, Lebensmittel auf dem Kompost oder Katzenfutter vor der Tür.

Steffen Keller, der am nächsten Montag zum Auftakt der diesjährigen Dresdner Umweltgespräche über „Tierisches Treiben in Dresden“ spricht, möchte um Verständnis für die Tiere werben: „Schließlich sind wir es, die deren Areal immer mehr einschränken.“ Für Wildtiere sei der Umzug in die Stadt oft die einzige Chance, um zu überleben. Hier lauern weniger natürliche Feinde, im Winter gibt es hier mehr Wärmequellen. Gleichwohl weiß Keller, dass die Wildtiere so manchen ein Dorn im Auge sind: Wenn Füchse zu nah ums Haus herumschleichen oder Waschbären den Garten durchwühlen.

Vor allem Letztere breiten sich zunehmend in Dresden aus. Nach Angaben der Stadt wurden im Jagdjahr 2012/2013 insgesamt 29 Waschbären erlegt, 2006/2007 waren es gerade einmal zwei. Die meisten sind in Weixdorf, Klotzsche und Hellerau anzutreffen. „Wir gehen davon aus, dass sie aus Moritzburg zuwandern“, sagt ein Stadtsprecher. Dort gelten sie schon seit Jahren als Plage. Inzwischen besiedeln ein paar der pelzigen Räuber auch andere Stadtteile bis in den Osten.

Das am häufigsten geschossene Wildtier ist in Dresden allerdings nach wie vor der Fuchs: 291 Tiere kamen den Jägern in Dresden vor die Flinte. Beim Rehwild waren es 225, beim Schwarzwild 183 Tiere. Prinzipiell gilt die Stadt als befriedeter Bezirk, in dem nicht gejagt werden kann. Nur wenn Wildtiere Schaden anrichten oder Krankheiten übertragen, kann die Jagdbehörde eine Sondergenehmigung erteilen.

Oft klingelt auch bei Sebastian Schmidt das Telefon. Er ist im Dresdner Umweltamt für den Naturschutz zuständig. Ganz oben auf der Liste der Problemfälle stehen Hornissen und Wespen, gefolgt von zahlreichen Vogelarten, die Dresden zunehmend bevölkern. „Da geht die Meinung der Dresdner auseinander“, berichtet Schmidt. Manche freuen sich jedes Jahr, wenn die Schwalben wieder Einzug halten. Andere ärgern sich über den Dreck. „Problematisch wird es, wenn die Tiere richtig Schaden anrichten.“ Immer wieder gibt es etwa Fälle, in denen Spechte faustgroße Löcher in die teure Wärmedämmung von Häusern hacken. Schmidt verrät einfache Tricks: So helfen Alufolie oder Flatterbänder, die sich im Wind bewegen, um die Vögel zu verschrecken. Auch Drachen in Form von Greifvögeln haben sich bewährt. So mancher Tierliebhaber entwickelt sich plötzlich zum Gegner, wenn es das eigene Bauvorhaben betrifft, berichtet Schmidt.

Denn nicht nur die Tiere, auch ihre Lebensstätten sind geschützt. Haben sich Mauersegler oder Fledermäuse im Dachstuhl eingenistet, müssen Hausbesitzer für Ausweichquartiere sorgen: Etwa durch Niststeine, die sich in die Fassade integrieren lassen oder spezielle Öffnungen, durch die Fledermäuse hineinfliegen können. Ein Teil des Dachstuhles könne auch für die Fledermäuse abgeteilt werden. „Solche Lösungen möchten wir den Menschen nahebringen und sie entsprechend beraten“, erklärt Schmidt. Längst haben nicht alle für dieses Thema Verständnis. Aufklärung sei daher besonders wichtig. „Damit man mit den tierischen Bewohnern in guter Nachbarschaft leben kann.“