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Wenn Mitleid den Wildtieren schadet

Immer wieder sind Menschen in Sorge, wenn sie junge Vögel, Igel oder Füchse finden. Görlitzer Tierkenner haben einen einfachen Rat.

Catrin Hammer vom Görlitzer Tierpark mit einem jungen Igel.
Catrin Hammer vom Görlitzer Tierpark mit einem jungen Igel. © Danilo Dittrich

Gefundene Igel sind der Klassiker. Und junge Vögel, die aus dem Nest gefallen zu sein scheinen. Catrin Hammer vom Görlitzer Tierpark erinnert sich gut an die Frau, die auf dem Dach ihrer Arbeitsstätte einen jungen Singvogel fand, den seine Eltern offenbar verlassen hatten. "Sie brachte ihn zu uns in die Wildtierauffangstation", erzählt die Zoo-Kuratorin. 

Manche halten Tierpark für bequem

Als die Frau gebeten wurde, den Vogel dorthin zurückzubringen, wo sie ihn gefunden hatte, ließ sie sich aber nicht überzeugen, nannte das Vorgehen Tierquälerei und meinte, die Tierparkmitarbeiter seien zu bequem, dem Vogel zu helfen. "So mussten wir erst ihren Chef informieren", sagt Catrin Hammer. "Der half uns, den Vogel wieder auf das Dach zu setzen." Keine Minute später waren die Vogeleltern da und begrüßten ihr vermisstes Junge.

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Sehr häufig erleben Catrin Hammer und ihre Kollegen, dass besorgte Tierliebhaber glauben, sie hätten ein verwaistes kleines Tier gefunden, und es retten wollen. "Aber das ist fast nie nötig, denn die Eltern sind meist in direkter Nähe." Gerade junge Vögel, die allein irgendwo sitzen, seien oft in einer Zwischenphase, in der sie fliegen lernen: nicht mehr im Nest, aber noch nicht in der Luft. 

Wildtiere mitten in der Stadt

"Sie brauchen ein paar Tage, bis sie gelernt haben, richtig zu fliegen und zu landen", sagt Catrin Hammer. "In der Zeit werden sie von Nestlingen zu Ästlingen." Da Vögel mehrmals im Jahr brüten – Schwalben bis zu viermal –, könne man den ganzen Sommer lang auf Jungvögel in solchen vermeintlich hilflosen Situationen treffen. 

Genauso auf "verlassene" junge Füchse, Igel oder Rehe, die auch in der Stadt leben, etwa an der Weinlache, auf dem Görlitzer Friedhof oder im Loenschen Park. Auch kleine Waschbären kann man mitten in der Stadt treffen. Wenn sie auf ihren noch unsicheren Tatzen anfangen, ihre Umgebung zu erkunden, können sie manchmal verlassen wirken.

Mensch steht zwischen Jungen und Eltern

Ein Jungtier, das kläglich ruft, schreie aber selten vor Qual, sagt Catrin Hammer, sondern versuche Kontakt zu seinen Eltern aufzunehmen. Oftmals hält gerade die Anwesenheit von Menschen die Tiereltern ab, zu ihren Jungen zu kommen. Deshalb sei es wichtig, die Jungtiere in Ruhe zu lassen und sich schnellstmöglich zurückzuziehen. Wer sich dennoch Sorgen macht, könne nach 24 Stunden nachschauen, ob sich das Jungtier noch immer an derselben Stelle befindet.

Denn man tut den Kleinen nichts Gutes, wenn man sie ihren Eltern entzieht. Zwar gibt es Arten wie etwa Störche, die Junge, die später als ihre Geschwister schlüpfen, aus dem Nest werfen. "Aber das hat die Natur so eingerichtet", sagt Catrin Hammer, "es ist ein Kreislauf, in den der Mensch nicht immer eingreifen kann, auch weil er anderen Tieren vielleicht nützt."

Tiere zu entnehmen ist verboten

Eigentlich dürfe sowieso niemand ein Tier einfach aus der Wildnis entnehmen. "Es sei denn, es ist sichtbar verletzt oder krank." Dann sei es gut, die Wildtierauffangstation anzurufen, die Situation zu schildern und sich Rat zu holen. Jagdbares Wild wie Rehe, Füchse oder Waschbären darf die Station nicht aufnehmen. Dafür braucht der Tierpark das Einverständnis des zuständigen Jägers. Und er ist verpflichtet, das Tier wieder auszuwildern, sobald es gesund ist.

"Aber auch dann müssen wir uns fragen, wie es weitergeht", sagt Catrin Hammer. Ein der Natur entwöhntes Tier hat es schwer, sich an die Wildnis anzupassen, wenn es die Versorgung durch den Menschen erlebt hat. Oft ist es im Nachteil, weil es nicht von seinen Eltern gelernt hat, Nahrung zu finden. Und häufig wird es leichte Beute für Feinde wie freilaufende Katzen oder auch Hunde.

Wildtiere lieber nicht zähmen

Manche Menschen kommen auf die Idee, ein gefundenes Wildtier bei sich zu behalten und "zu zähmen". Auch das hat Catrin Hammer schon öfter erlebt: vor allem die Anfrage, ob der Tierpark sich um ein "gezähmtes" Tier kümmern könne. Denn spätestens wenn der Waschbär anfängt, die Wohnung seines Besitzers zu verwüsten, oder der Rehbock, den man als süßes Kitz aufnahm, einen auf die Hörner nimmt, höre der Spaß für die meisten auf.

Doch sind nicht auch Hund und Katze wilde Tiere, die der Mensch an sich gewöhnt hat? "Schon", sagt Catrin Hammer, "aber in einem Zeitraum von über Zehntausend Jahren!" Das könne man nicht vergleichen. Auch könne man einen Rehbock nicht so kastrieren lassen wie einen Kater, denn dann bilde sich sein Geweih nicht aus und es komme zu schmerzhaften Wucherungen am Kopf. "Das ist dann wirklich Tierquälerei."

Beste Betreuer sind die Eltern

Es klinge zwar herzlos, aber wenn ein Wildtier tatsächlich seine Eltern verloren hat, zum Beispiel ein Rehkitz nach einem Wildunfall an der Seite seiner toten Mutter gefunden wird, dann sei es besser, wenn der Jäger das Tier töte, als wenn es qualvoll verhungere. 

"Wir freuen uns über das Interesse der Menschen an den Tieren ihrer Umgebung", sagt Catrin Hammer, "und klären gern auf." Man solle nur nie vergessen: Die besten Betreuer für junge Wildtiere sind immer noch die eigenen Eltern. 

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