merken
PLUS

Willkommen im Haus der Gewölbe

Das Gebäude Breite Straße 23 ist nur von außen unscheinbar. Am Sonntag zum Tag der Sanierungstür öffnet es sich.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Ingo Kramer

Wenn Frank-Michael Streibel aus einem Fenster seines Hauses in der Breite Straße 23 schaut, sieht er ringsum fast ausnahmslos sanierte Gebäude. Andersherum ist es freilich nicht so. Doch der Polsterer- und Dekorateur-Meister aus der Dr.-Friedrichs-Straße kann nichts dafür: Er hat die Breite Straße 23 erst voriges Jahr gekauft. Und zwar von einer sehr alten Dame mit Görlitzer Wurzeln, die heute in Dresden lebt und die das Haus geerbt hat.

Anzeige
Lausitz Festival, ein neues Kultur-Festival
Lausitz Festival, ein neues Kultur-Festival

In Sachsen und Brandenburg findet erstmals ein Mehrsparten-Kulturfestival statt, das durch Fördermittel des Bundes ermöglicht und finanziert wird.

Eigentümer Frank-Michael Streibel (links) und sein Bruder Sven stehen im Fenster des Hauses Breite Straße 23. Es soll demnächst saniert werden. Fotos: Pawel Sosnowski
Eigentümer Frank-Michael Streibel (links) und sein Bruder Sven stehen im Fenster des Hauses Breite Straße 23. Es soll demnächst saniert werden. Fotos: Pawel Sosnowski © Pawel Sosnowski/80studio.net

„Ihr habe ich vor fünf Jahren auch schon ein leer stehendes Haus in der Dr.-Friedrichs-Straße abgekauft“, erzählt der 48-Jährige. Als die Frau sah, wie schön er es saniert hat, war sie so begeistert, dass sie ihm unbedingt auch noch das andere Haus verkaufen wollte, das ihr in Görlitz gehört hat. „Ich habe es mir angesehen und fand es architektonisch interessant“, sagt Streibel. Von innen ist das Haus nämlich gewissermaßen zweigeteilt: Im hinteren Teil gibt es bis hoch in den zweiten Stock wuchtige Tonnengewölbe, zur Straßenseite hingegen Holzbalkendecken. Vermutlich ist der hintere Teil älter. Vorn könnte es früher möglicherweise einen Fachwerkteil gegeben haben – jedenfalls wäre das für Görlitz nicht ungewöhnlich.

Ursprünglich hatte Streibel gelesen, dass das Haus beim großen Stadtbrand von 1717 mit abgebrannt ist. Mittlerweile glaubt er das aber nicht mehr, denn unter dem barocken Putz ist Renaissanceputz zum Vorschein gekommen – und zwar ohne jegliche Rußspuren. Auch bemalte Renaissancedecken sind zu Streibels Überraschung freigelegt worden. Sie wurden später nur überkalkt. „Vielleicht hat ja 1717 der Dachstuhl gebrannt, aber im Haus selbst ist bestimmt nichts passiert“, glaubt der Eigentümer inzwischen.

Wofür das Haus genutzt wurde, hat er hingegen nicht herausgefunden. Vermutungen gibt es viele, aber so richtig klar ist nichts. Auch, wie lange es schon leer steht, weiß er nicht. Viel sicherer ist sich der Eigentümer bei der Zukunft des Gebäudes: Ein Laden im Erdgeschoss, je eine 50-Quadratmeter-Ferienwohnung im ersten und zweiten Stock und schließlich eine schöne 96-Quadratmeter-Maisonette-Wohnung in den beiden oberen Etagen. Dadurch wäre das Haus ständig belebt – und die Mieter ganz oben wären die einzigen festen Bewohner, was es ja für viele reizvoll macht.

Für den ungewöhnlichen Nutzungsmix gibt es vor allem eine Begründung: Das Haus hat keinen Hof, die Rückwand ist die Grundstücksgrenze. Damit kann Streibel auch keine Balkone anbauen. Wohnungen ohne Hof und Balkon aber sind schwer zu vermieten. „Als Ferienwohnung dürfte es aber kein Problem sein“, sagt der Besitzer. Er will mit der zentralen Lage werben, aber auch damit, dass der Gast in einer Mischung aus mittelalterlichem Tonnengewölbe und Renaissanceanbau wohnen kann: „Das ist für geschichtlich interessierte Touristen sicher spannend.“

Ganz oben hingegen hat er sich mit dem Denkmalschutz auf eine Dachterrasse geeinigt. „Nur so wird es zum Wohnen interessant“, sagt Streibel. Auf der unteren Etage der Maisonettewohnung sind zwei Zimmer und ein großes Bad mit Fenster geplant, auf der oberen hingegen ein großer Wohnraum mit offener Küche, zwei großen Gauben nach vorn und eben jener Dachterrasse nach hinten, von der die Bewohner einen schönen Blick über die Altstadt haben werden. Im Kopf des Besitzers ist die Wohnung schon fast fertig, obwohl der Bau noch gar nicht begonnen hat. Noch nicht einmal einen konkreten Zeitplan gibt es: „Ich denke, ich werde im Sommer anfangen und irgendwann im Laufe des nächsten Jahres fertig werden.“ Die Baukosten schätzt er auf 250 000 bis 300 000 Euro. So günstig wird es allerdings nur, weil er mit seiner eigenen Firma den Innenausbau selbst stemmen kann – vom Fußbodenbelag bis zu den Tapeten.

Das Haus ist nach drei Gebäuden auf der Dr.-Friedrichs-Straße und zwei Häusern in der Heiligen-Grab-Straße bereits Streibels sechstes Sanierungsobjekt. Ob noch weitere dazu kommen, wird die Zeit zeigen. Die alte Dame hat jedenfalls keine weiteren Häuser mehr, die er noch kaufen könnte. Doch erst einmal hat er auf der Breite Straße genug zu tun. Für die Wohnung gibt es schon Interessenten, für den Laden im Parterre noch nicht. Dessen Zugang besteht momentan aus einer zweiflügeligen DDR-Garagentür. Wie die Front historisch einmal aussah, weiß der Eigentümer nicht. Insofern ist auch offen, wie sie sich künftig präsentiert. Vermutlich aber wird sie ins Bild der Nachbarhäuser passen.

Am Sonntag, von 10 bis 17 Uhr, können sich die Görlitzer schon einmal ihr eigenes Bild von dem Gebäude machen: Die Breite Straße 23 ist eines von insgesamt 27 Objekten, die zum Tag der offenen Sanierungstür zu sehen sind. Im direkten Umfeld gibt es noch weitere offene Häuser, darunter die Langenstraße 32, wo eine Holzofenbäckerei entstehen soll, sowie die Sporergasse 6, die zum Eigenheim umgebaut wird.