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Willkommen im Traumland

Im Malort in Tharandt dürfen auch Erwachsene mit Farben spielen. Das Vorbild steht in Paris.

Es ist angerichtet: Maritza Studart (links) und Anja Zimmermann in ihrem Malort in Tharandt.
Es ist angerichtet: Maritza Studart (links) und Anja Zimmermann in ihrem Malort in Tharandt. © Thomas Morgenroth


Das Tharandter Traumland heißt Malort und befindet sich im Souterrain eines hundertzwanzig Jahre alten Backsteinhauses am Ende des Hangweges unterhalb der Bismarckhöhe. Es handelt sich um einen weitgehend leeren zwanzig Quadratmeter großen Raum mit Holzfußboden. An den Wänden sind Pappen voller bunter Linien, die sich kreuzen und überlagern. Einige Bilder sind darauf festgezweckt, bemalt mit flammenden Herzen, Bäumen oder abstrakten Kurven. In der Mitte steht eine lange Bank, es ist eine Palette mit achtzehn geöffneten Farbbechern, Wassergläsern und jeweils drei Pinseln. Es ist alles bereit.

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In vormals weißen und nun farbig beklecksten Arbeitskitteln oder blauen Schürzen empfangen Anja Zimmermann und Maritza Studart die Besucher, die zu ihnen in den Malort kommen. Der Name ist Programm: Es ist ein Ort zum Malen. Allerdings ohne jeden Zwang und ohne jede Anleitung. „Wir sind nur Dienende“, sagt Maritza Studart. „Wir heften die Blätter an, sorgen für saubere Farben und waschen die Pinsel aus. Im Malort geht es nicht um Kunst und nicht um Kunstvermittlung, und wir machen auch keine Kunsttherapie,“ sagt die Tharandterin mit südamerikanischen, englischen und italienischen Wurzeln. „Wir nehmen uns als Personen ganz zurück“, sagt Maritza Studart, die freischaffende Künstlerin ist und vor allem mit dem Medium der Fotografie arbeitet.

„Kunst hat immer einen Empfänger, aber genau das soll im Malort nicht sein“, sagt Anja Zimmermann. „Wer zu uns kommt, kann in einem geschützten Raum ungestört und ohne Fragen nach seinem Tun beantworten zu müssen, ohne Druck malen, ohne Erwartungen erfüllen zu müssen, nur für sich.“ So kann der Malort, in dem Gespräche nicht erwünscht sind, zu einem Traumland werden, in dem Erwachsene wie Kinder mit einer Art malerischen Meditation zu sich selbst finden. Natürlich gelingt das nur dem, der es tatsächlich schafft, sich gedanklich von seinem Alltag in unserer Leistungsgesellschaft zu lösen.

„Das ist ein Prozess, der eine Weile dauern kann“, sagt Maritza Studart. Arno Stern, aus dessen 1949 in Paris eröffnetem Malatelier für Kinder der heute weltweit verbreitete Malort hervorging, hält einen einmaligen Besuch für „sinnlos.“ Der aus Kassel stammende Pädagoge, der im Juni 95 geworden ist und noch immer persönlich Gäste in seinem Malort empfängt, empfiehlt das „Malspiel“, wie er es nennt, einmal wöchentlich und mindestens ein Jahr lang. „Aber es gibt keinerlei zeitliche Vorgaben, das muss jeder für sich selbst herausfinden“, betont Maritza Studart.

Sie ist mehrfach bei Arno Stern in Paris gewesen und brachte von dort den Malort nach Tharandt mit. Von 2010 bis 2012 war dieser auf der Dresdner Straße, zog dann nach Dresden-Plauen um. „Irgendwann ist mir das dann zu viel geworden“, sagt sie und schloss 2017 den Malort. Die Pappen aber mit den Spuren der in acht Jahren darauf entstandenen Welten hob sie auf.

Nun geht die Reise weiter. Anja Zimmermann, von Beruf Fremdsprachenkorrespondentin und Demeter-Gärtnerin, hat in diesem Frühjahr den neuen Malort eröffnet, in dem Haus, in dem sie auch wohnt. Ihr Sohn, damals eineinhalb, habe sie mit seinem spielerischen und unbeschwerten Umgang mit Farben so fasziniert, dass sie sich an den Malort von Maritza Studart erinnerte. Nach einem Gespräch mit ihr nahm die Idee recht bald Gestalt an, weil auch der Vermieter das Vorhaben unterstützte. An zwei Tagen in der Woche laden Maritza Studart und Anja Zimmermann nun ins Land der Träume ein.

Malort in Tharandt, Hangweg 13, Malspiel nach vorheriger Anmeldung am Mittwoch mit Maritza Studart, am Donnerstag mit Anja Zimmermann, Tag der offenen Tür am 22. August, 15 bis 18 Uhr; am Haus gibt es keinerlei Parkmöglichkeiten, aber auf der Bismarckhöhe. Alle Infos: www.mein-malort.de

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