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Geflohen, angekommen, abgestürzt

Der Bautzener Willkommensverein kümmert sich vermehrt um Geflüchtete mit Schulden und Drogenproblemen. Doch schon bald könnte diese Hilfe wegfallen.

Aus Angst vor Übergriffen lässt sich Jamal Khenan nur anonym fotografieren. In Bautzen hat er seinen Job und seine Wohnung verloren.
Aus Angst vor Übergriffen lässt sich Jamal Khenan nur anonym fotografieren. In Bautzen hat er seinen Job und seine Wohnung verloren. © Steffen Unger

Bautzen. Es sprudelt aus Jamal Khenan heraus. „Ich bin schuld“, sagt der junge Afghane, der eigentlich anders heißt, immer wieder, „ich weiß das. Ich habe viel Scheiße gemacht, das tut mir leid.“ Dabei hatte es so gut angefangen. Nach zwei Jahren auf der Flucht hatte eine Bautzener Familie den damals etwa 16-jährigen Afghanen beim Trampen aufgegriffen. Aus einer gemeinsamen Autofahrt wurden gemeinsame Ausflüge und Weihnachtsfeste.

Und nicht nur das lief. Jamal Khenan lernte schnell Deutsch, besuchte die Berufsschule in Löbau, half anderen Geflüchteten beim Übersetzen, weil ihm die deutsche Sprache leichtfiel. Er unterstütze sie bei Anträgen, wollte etwas beitragen. Sogar Arbeit fand er. – Das ist der schöne Teil der Geschichte.

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Der Teil, für den sich der junge Mann Anfang 20 nicht schuldig fühlt. Der andere Teil beginnt mit Crystal. „Ich habe schon länger Alkohol getrunken“, sagt er, „oder Gras geraucht.“ Letzteres sei verbreiteter in seiner Kultur. „Ich konnte damit umgehen“, erzählt Jamal Khenan. Mit Crystal, da war das anders. „Jetzt habe ich Depressionen, bin oft traurig und habe schlechte Gedanken“, sagt er und reibt sich mit den Händen durch das Gesicht. „Ich habe nie gedealt“, sagt Jamal, „nie“.

Probleme mit der Polizei bekam er trotzdem, sagt er, verwickelte sich in Streitigkeiten. Wegen der Drogen und des Alkohols verlor er seinen Job – und kurz darauf auch noch die Wohnung. Einfach ausgetauscht hat der Vermieter das Schloss. Gab es keine Mahnungen? „Doch, die habe ich vergessen“, sagt Jamal Khenan. Er schiebt all das nicht auf sein Trauma; nicht auf die erlebte Folter in seiner Heimat und die Dunkelhaft. Auch nicht auf den Druck, dass er seiner Familie in Afghanistan Geld schicken soll und viel Verantwortung trägt. „Ich weiß, ich bin schuld“, sagt er.

Verein fordert spezielles Beratungsangebot

Momentan schläft Jamal Khenan in einer Obdachlosenunterkunft. Probleme wie seine häufen sich mittlerweile in Bautzen, weiß Eckart Riechmann, Migrationsberater im Verein "Willkommen in Bautzen". Allein in den letzten zwei Monaten, sagt er, hat er vier Fälle gehabt, bei denen Geflüchtete ihre Wohnung verloren hätten oder der Wohnungslosigkeit nur ganz knapp entronnen sind – durch Hilfe in letzter Sekunde. Die Stadt hat dazu keine Zahlen, aber bei "Willkommen in Bautzen" betrifft es vier von etwa 150 Menschen, die der Verein insgesamt betreut.

Immer häufiger beobachte Riechmann, wie einige derjenigen, die er berät, in die Schuldenfalle geraten – durch Drogen oder Arbeitslosigkeit. Warum ausgerechnet jetzt? Das liege an der zeitlichen Abfolge, den Schritten der Integration, wenn man so will. „Viele kamen 2015“, sagt Riechmann, „damals ging es darum, Unterkünfte zu finden und es ging um die Anerkennung der Geflüchteten.“ Jetzt seien die meisten mit den Deutschkursen durch – und auf dem Arbeitsmarkt angekommen.

„Die Integration geht voran, das ist erst einmal ein gutes Zeichen“, sagt Riechmann. Für einige bedeute das aber auch: ins kalte Wasser zu fallen und in die Schuldenfalle zu geraten. Wie im normalen Durchschnitt der Gesellschaft gebe es eben auch unter den Menschen mit Migrationshintergrund einige, die Schwierigkeiten haben.

Ein intensiveres Beratungsangebot wäre nötig, findet Riechmann. Er sorgt sich vor allem deshalb, weil dem Verein Fördermittel gestrichen worden sind – und, wenn sich nichts tut, die Beratungsangebote Ende des Jahres eingestellt werden müssen. „Es gibt aber kaum eine Anlaufstelle für diese Menschen“, sagt Riechmann und meint Menschen mit Migrationshintergrund, die Schulden haben, Drogenprobleme oder in die Wohnungslosigkeit geraten – wie Jamal Khenan.

Wohnung in Aussicht: Jamal hat Hoffnung

„Sicher, auch für sie gibt es die klassische Suchtberatung oder die Schuldnerberatung“, sagt Riechmann. Was dort aber fehlt, sind Sprachmittler und auch das kulturelle Verständnis. Denn „oft ist den Geflüchteten nicht klar, welche Bedeutung eine Mahnung in Deutschland hat, wie wichtig ein Brief sein kann“, erklärt Riechmann.

Momentan hilft der Verein aus, berät diejenigen, die in die Schuldenfalle geraten sind. Das meiste davon passiert schon jetzt in der Freizeit der Berater. „Mit dem Wegfall der Beratungen“, sorgt sich Eckart Riechmann, „würde sich das Problem ausgerechnet im Winter verschärfen“. Hoffnung könnte aber in Sicht sein. Die Stadt will finanzielle Mittel  für den Sprachmittlerpool zur Verfügung stellen, teilt Pressesprecherin Laura Ziegler mit. In welcher Höhe, ist unklar. Im September soll der Stadtrat darüber entscheiden.

Auch, wie es für Jamal Khenan weitergeht, wird sich zeigen. Der Verein hat ihm geholfen, sich für eine Suchttherapie anzumelden – und Jamal Khenan will es versuchen. Sogar einen Termin wegen einer Wohnung hat er und er sucht gerade einen Job. Er will es schaffen – aber er braucht Hilfe.

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