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Willkommen in der DDR

Sehenswert: Der Film „Und der Zukunft zugewandt“ über das Schicksal deutscher Rückkehrer aus Stalins Lagern kommt jetzt ins Kino. 

Antonia (Alexandra Maria Lara) muss es einsehen: Von Nazis gequälten Kommunisten wie ihrem Verhörer (Peter Kurth, r.) kann sie nicht erzählen, dass Kommunisten auch von Kommunisten gequält werden.
Antonia (Alexandra Maria Lara) muss es einsehen: Von Nazis gequälten Kommunisten wie ihrem Verhörer (Peter Kurth, r.) kann sie nicht erzählen, dass Kommunisten auch von Kommunisten gequält werden. © Neue Visionen

Der Verhörer kann es nicht fassen! Was redet diese Frau da vor ihm? Sie sei als Kommunistin in einem Lager gequält worden? Im Reich Stalins, dem Mutterland des Kommunismus? Ausgeschlossen! Er war doch unter Hitler in Buchenwald und wurde dort verkrüppelt, weil er Kommunist ist. Niemals tun Kommunisten anderen Kommunisten an, was Nazis ihnen angetan haben! Er springt wütend auf, zeigt der Frau seine Beinprothese und brüllt mit krebsrotem Gesicht: „Das hier, das ist Lager!“

Soweit die wohl beeindruckendste Szene in Bernd Böhlichs DDR-Drama „Und der Zukunft zugewandt“. Weil sie zeigt, warum die kommunistischen Rückkehrer aus dem Gulag in der DDR über ihre Schicksale schweigen mussten. Weil ihre Geschichten sich nicht vertrugen mit dem Selbstverständnis des jungen Staates, für den Kommunisten ausschließlich Opfer und/oder Helden waren, aber niemals Täter.

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Diese Erfahrung muss im Film auch Antonia (Alexandra Maria Lara) machen, nach über zehn Jahren Sibirien, wo ihr Mann ermordet worden ist. Von jungen SED-Würdenträgern initiiert, darf sie mit vielen Leidensgenossen Anfang der Fünfziger in die DDR zurück. Ihre neue Heimat kümmert sich sehr um sie, versorgt Antonias krankes Kind, gibt ihr eine hübsche Wohnung und macht sie zur Leiterin eines großen Kulturhauses. Der Preis dafür: Schweigen.

Keine Figur wird diskriminiert

Antonia willigt ein. Sie ist nach wie vor aus tiefster Seele Kommunistin und glaubt an das bessere Deutschland namens DDR. Dabei hilft ihr Kulturfunktionär Leo Silberstein (Stefan Kurt), der aufrecht davon überzeugt ist: Noch ist das Land im Inneren zu sehr bedroht, noch müssen Ungerechtigkeiten in Kauf genommen werden, aber eines Tages wird alles besser, wird auch sie ihre Geschichte erzählen können.

Zwar wachsen die Zweifel in Antonia. Zwar wird sie verdächtigt, verhaftet und ihre Stelle im Kulturhaus los. Aber selbst im Scheitern bleibt sie in der DDR und das, was sie ist: überzeugte Kommunistin. Sonst, sagt sie, wäre alles wirklich umsonst gewesen.

Jahrzehntelang hat Bernd Böhlich für den Film recherchiert. Die gleiche Sorgfalt und Fairness legt er als Regisseur an den Tag. Keine Figur in diesem strengen, entschleunigten, optisch durchkomponierten und fast kammerspielartig inszenierten Historiendrama wird diskriminiert. Alle, auch die weniger sympathischen, behalten ihre Glaubwürdigkeit. Das Gleiche gilt für sämtliche Schauspielerinnen und -spieler. Ein außen stiller, inwendig lauter, ein tiefer und bemerkenswerter Film.

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